Französisches Satireblatt: Quak! Quak! Quak!
"Le Canard enchaîné", die "gefesselte Ente", ist Frankreichs frechste Zeitung. Seit bald 100 Jahren mischt sie die Politik auf – ihre Geschichte erzählt die französische Geschichte des 20. Jahrhunderts.
© Gabriel Duval/AFP/Getty Images

Der einstige Chefredakteur der "Le Canard enchaîné", Roger Fressoz, mit einer Ausgabe seiner Zeitung im Oktober 1979.
Die Weltpresse kennt viele tolle Enten. Die tollste Ente von allen aber ist »die gefesselte Ente« von Paris beziehungsweise, da die Ente in der französischen Sprache ein durch und durch männliches Tier ist, Le Canard enchaîné. Das Satireblatt quält Frankreichs Mächtige in Politik und Wirtschaft und reizt sie bis aufs Blut. »Seit fünf Jahren«, beklagte sich zum Beispiel Premier François Fillon kürzlich in einer Fernsehdebatte, »schreibt mir Le Canard Sachen zu, die ich nie gesagt habe. Ich weiß nicht, wie diese Zeitung funktioniert, wer sie informiert, es passiert immer wieder.« Was war geschehen? Offensichtlich sehr zum Ärger von Fillon, der im Wahlkampf den loyalsten aller Sarkozyaner gibt, im privaten Kreis aber seine Zweifel am Präsidenten nicht verhehlen konnte, hatte Le Canard mal wieder mitgeschrieben.
Der Enterich ist eben mehr als nur ein Satireblatt. Jeden Mittwoch, wenn er erscheint, zittert Paris. Auf seiner besonders indiskreten Seite 2 veröffentlicht er die bösesten Bemerkungen, konspirativsten Gedanken und intimsten Träume der französischen Politik. Zitate aus dem Mund des Präsidenten, des Premiers, der Minister, von Abgeordneten und führenden Gestalten der Opposition landen auf La Mare aux Canards, dem »Ententeich«. Es ist wahrscheinlich die meistgelesene Zeitungsseite der Republik, ganz sicher aber die meistgefürchtete innerhalb der politischen Klasse. Es kam schon vor, dass ein Minister hier von seiner Entlassung erfuhr.
Dabei gibt sich der Canard ganz unscheinbar: acht Seiten in Schwarz-Weiß, ein kleinteiliger, delikat verrümpelter Umbruch, verstreute Karikaturen, und wenn mal ein Foto, dann in kultiviert schlechter Qualität. Und doch, was für ein Erfolg! 500.000 Exemplare beträgt die Auflage. »Sie müssen sich nur am Dienstagabend die Parade der Boten anschauen«, sagt Redakteur Jean-Michel Thénard. »Die kommen direkt zum Verlag, holen die druckfrischen Exemplare ab und bringen sie ins Ministerium. Alle wollen sie den Canard noch am Vorabend des Erscheinungstags lesen. Ich kenne keine andere Zeitung hier, der so etwas passiert.«
Der Autor ist Journalist; er lebt in Hamburg und Paris.
Eigentlich sind Le Canard drei Zeitungen in einer: eine politische, eine feuilletonistische und eine satirische. Es gibt die knallharten Enthüllungsgeschichten. Es gibt aber auch ironische Kommentare, und es gibt böse Satiren, wie das »Tagebuch der Carla B.«, in dem sich der Enterich über die Ambitionen der Präsidentengattin lustig macht.
»Die Pressefreiheit geht verloren, wenn man sie nicht nutzt«, lautet die Maxime der Zeitung. Der Schlüssel zu dieser Freiheit ist allerdings die finanzielle Unabhängigkeit. Le Canard gehört zu keinem Konzern. Im Gegensatz zu den meisten anderen französischen Gazetten trägt er sich selbst, ja er macht einen gewaltigen Gewinn – und das ohne eine einzige Anzeige, allein durch den Verkauf; 1,20 Euro kostet die Ausgabe. Mit einem Eigenkapital von 109 Millionen Euro, einer Liquiditätsreserve von 48 Millionen Euro und einer Umsatzrendite von etwa 23 Prozent (was fast einer Monopolrendite entspricht) ernährt er wahrlich seinen Mann. 57 Mitarbeiter, darunter 22 Redakteure und ein Dutzend Zeichner, zählen Verlag und Redaktion, mit Sitz an der luxuriösen Rue Saint-Honoré im 1. Arrondissement. »Wir sind reich, nicht weil wir reich sein wollen«, sagt Vorstandsmitglied Nicolas Brimo, »sondern weil es die Conditio sine qua non unserer Unabhängigkeit ist. Le Canard darf keine Zeitung sein wie jede andere.«
Eine Zeitung wie keine andere – das war das Motto von Anfang an. Ihr Gründer ist der 33-jährige Journalist Maurice Maréchal; am 10. September 1915, mitten im Ersten Weltkrieg, erscheint die erste Ausgabe. Der Leitartikel klingt wie ein Manifest. Unter dem lautmalerischen Titel Coin! Coin! Coin! – »Quak! Quak! Quak!« – verkündet Maréchal sein tollkühnes Programm: »Le Canard Enchaîné wird nach sorgfältiger Prüfung ausschließlich falsche Nachrichten drucken. Jeder weiß, dass die französische Presse, ohne Ausnahme, seit dem Beginn des Krieges nur Nachrichten brachte, die schonungslos stimmten. Nun, das Publikum hat genug davon! Das Publikum will falsche Nachrichten, zur Abwechslung. Es soll sie bekommen.« Canard hat im Französischen dieselbe Nebenbedeutung wie Ente im Deutschen, bedeutet ironischerweise aber auch Zeitung ganz allgemein, weshalb der Vogel schon im 19. Jahrhundert von manchem Pariser Humorblatt zum Wappentier gewählt wurde.
Maurice Maréchal kommt ebenso wie der Hauptzeichner Henri-Paul Gassier aus dem linken, pazifistischen Milieu. Mit Entrüstung, mit Verachtung schließlich haben sie beobachtet, wie schnell sich Frankreichs Linke nach 1914 dem Chauvinismus hingab und wie leichtfertig die wichtigsten Zeitungen der Hauptstadt (Le Petit Parisien, Le Matin, Le Journal, Le Petit Journal) ins Hurra-Geschrei der Nationalisten einstimmten und zu Propagandablättern herabsanken. Dagegen, gegen den allmächtigen Geist des Krieges, will der Canard kämpfen, und gegen die omnipräsente Zensur.






Bravo,das rettet den Tag, da gibt es sogar ein Auslands abo
Da wünscht man sich doch glatt eine deutsche Entsprechung des Blattes.
Investigativ, satirisch, pazifistisch, antimilitaristisch, gegen Zensur und propagandistische Gehirnwäsche, antiklerikal und nonkonformistisch und vor allem nicht in Abhängigkeit von Finanzierern und Werbung.
Herrlich, Quel paradis !
Ich wünschte mir auch ein bisschen mehr ZEIT déchaîné (entfesselt).
So weit ich weiß, hat die Regierung Pompidou ein Zimmerchen in dem Gebäude angemietet, in dem sich die Redaktion des Canard enchaîné befand, um sie auszuspionieren.
Ich musste eben lachen bei der Vorstellung, Angela Merkel mietet ein Zimmer neben der Redaktion von FAZ oder Zeit:-)
Um die Wortspiele im Canard zu verstehen, braucht man schon einige Kenntnisse des Landes und auch Sprachkenntnisse. Viele ließen sich ohne lange Erklärungen gar nicht ins Deutsche Übersetzen.
Schöner Artikel.
PS. Bei "canard" denke ich auch an falsche Töne im Orchester, Misstöne sozusagen.
Ich fürchte, Zeitungsverlage ohne Anzeigenkunden wird es hierzulande nicht geben ...
Ich fürchte, Zeitungsverlage ohne Anzeigenkunden wird es hierzulande nicht geben ...
Ich sprach in meinem vorherigen Kommentar die Wortspielereien an. Ich weiß auch, dass man etwas übersetzt oder formuliert, für das man nachträglich eine bessere oder zielgenauere Übersetzung findet.
Sie schreiben:
"Diese Ente wird zum Phönix«, schreibt er, als am 5. Juli 1916 die erste neue Nummer erscheint. Mit einer klaren Ansage an die Zensur: »Du kannst mein Federkleid kriegen, aber nicht meine Haut!«"
Il a dit: "Tu auras mes plumes, tu n'auras pas ma peau"
Ich empfinde das als Wortspiel. Les plumes sind sowohl die Federn von Vögeln, als auch die Schreibgeräte, ebenso im Deutschen.
Es existieren sowohl im Fr. wie auch im D. mehrere Metaphern mit Federn und Haut (les plumes et la peau).
Er lässt dann Federn (perdre les plumes), weiß sich aber seiner Haut zu erwehren (défendre sa peau), sozusgen das Wesentliche, weiter kommt die Zensur nicht. Der andere würde sich eventuell dann mit fremden Federn schmücken(se parer des plumes du paon).
Wenn Sie "plumes" mit "Federkleid" anstatt mit "Federn" übersetzen, dann geht für mich diese metaphorische Assoziationskette verloren.
Und hier sind ja mal (zufällig) vergleichbare Metaphern.
Oder überinterpretiere ich?
MFG
Caprices
finde den Satz ganz toll, daß die französische Presse, seit
dem Krieg schonungslos die Tatsachen berichtet; dies sind
nun sogar zwei vorbildliche Taten der Franzosen und für die
deutsche Presse Landschaft, könnte es doch eine reizvolle
Aufgabe sein, nur noch schonungslos Nachrichten zu veröffentlichen, welche tatsächlich stimmen. Da ist die
französische Presse der deutschen nicht nur Meilen- sondern
sogar Erdenweit voraus.
Vielleicht gibt es auch einen ehrlichen Journalisten in unserer Medien Landschaft, welcher den Mut aufbringt, auf die selbe Art und Weise eine Zeitung auf den Markt zu bringen, wie "Coin, Coin, Coin" die dann bestimmt auf einen
ähnlichen Erfolg hoffen könnte, bei der hier herrschenden
Politik Verdrossenheit.
Ein entsprechender Name findet sich mit Sicherheit auch,
mein Vorschlag: "flügellahmer Adler"
Hallo Redaktion: fragt doch mal euren Herausgeber ob er
sich dafür erwärmen kann, zu seinem Rauch auch noch den
Schall dazu zu fügen.
Wünsche allen lesern noch einen schönen und entspannten
Sonntag.
Ich fürchte, Zeitungsverlage ohne Anzeigenkunden wird es hierzulande nicht geben ...
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