Ich war unterwegs, ich stand auf dem Bahnsteig von Uerdingen. Es gibt so viele Städte und Orte in Deutschland, man fasst es kaum, und jeder heißt auch noch anders. In Uerdingen gibt es nicht direkt einen Bahnhof. Aber einen Bahnsteig, den haben sie. Ich wollte eine Zigarette rauchen – ja, genau, das tue ich, von Zeit zu Zeit. Diese Freiheit nehme ich mir. Freiheit ist nämlich auch mein Leitthema. In das Thema »Soziale Gerechtigkeit« will ich mich, wie der Bundespräsident, in den kommenden Jahren allmählich hineinarbeiten. Muss man ja. Zur Migrationsproblematik habe ich mich zum Glück bereits umfassend geäußert. Auch der Islam gehört zu Uerdingen.

Es gab kein gelb markiertes Raucherghetto auf dem Bahnsteig. Ich ziehe übrigens keine unzulässigen historischen Vergleiche, ich kritisiere auch nicht die gesundheitspolizeilichen Maßnahmen, nichts von alledem. Ich sage lediglich, völlig wertfrei, rein deskriptiv, dass es kein gelb markiertes Ghetto gab. Das darf man doch sagen. Oder ich hab’s nicht gefunden. Da bin ich bis ganz ans Ende des Bahnsteigs gegangen. Weit weg. Insgesamt warteten vielleicht sechs, sieben Leute auf den Zug. Ein Paar ging auf mich zu. Das waren etwa hundert Meter. Die mussten hundert Meter laufen! Dann stellten sie sich vor mich und sagten: »Sie dürfen hier nicht rauchen.« Und: »Sie belästigen uns.« Wenn Leute extra hundert Meter laufen, um sich belästigt fühlen zu dürfen, dann müssen diese Leute richtig süchtig sein nach dem Gefühl, belästigt zu werden, dann brauchen die ärztliche Hilfe wegen ihrer Abhängigkeit.

In Kiel war ich in so einem Öko-Wohlfühlhotel. Für solche Fälle habe ich die E-Zigarette dabei. Kein Qualm. Nicht mal Drogenhunde können das riechen. Man muss nett sein zu den Leuten, so habe ich das nämlich gelernt. Love buys love. Es war schönes Wetter. Ich habe das Fenster geöffnet. Am geöffneten Fenster stand ich mit meiner E-Zigarette im Mund. Unten im Hotelgarten stand ein kleiner, dicker Mann und schaute zu mir hoch. Kleiner, dicker Mann – darf man das sagen? Oder ist das herzlos? Nun, ich bin selber nicht sehr groß und nicht sehr schlank. Etwas später öffnete sich die Tür des Hotelzimmers. Ich hatte nicht mal ein Hemd an. Eine junge Frau war einfach eingetreten und reichte mir ein Blatt Papier, auf dem stand: »Bei dem von Ihnen bewohnten Zimmer handelt es sich um ein Nichtraucher-Zimmer. Wir müssen Ihnen daher den Reinigungsbetrag von 120 Euro in Rechnung stellen, da Sie in Ihrem Zimmer geraucht haben.« Das kann nur der kleine Dicke gewesen sein. Ein Gast! Er sieht jemand rauchen, von Weitem, und geht zur Rezeption, um den anzuschwärzen. Ich ziehe keine unzulässigen historischen Vergleiche, habe ich das schon erwähnt?

Meiner Ansicht nach wird auf so viele Gruppen und ihre Sensibilitäten so viel Rücksicht genommen, alle gehören dazu, man ist den ganzen Tag so feinfühlig, verständnisvoll, nimmt pausenlos Rücksicht und alles, dass sich ein riesiger Gefühlsstau aufgebaut hat. Irgendwen muss man einfach rücksichtslos fertigmachen dürfen. Einer muss das ganze Negative auf sich nehmen – wie damals Jesus ! Jesus hat die Sünden der Welt auf sich genommen. Ich glaube, ich bin, wenn ich rauche, in gewisser Weise, der neue Jesus. Oh. Jetzt habe ich doch einen historischen Vergleich gezogen. Aber den Bundespräsidenten frage ich hiermit öffentlich: Ist das sozial gerecht?

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