Nicolas BerggruenDas Phantom
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"Ein Investment ist wie ein Organ"

ZEITmagazin: Glauben Sie daran, dass die Politik im Grunde so funktioniert wie das normale Leben? Oder ist das eine andere Welt?

Berggruen: Ich muss gestehen, dass ich selber kein Politiker sein könnte. Ich glaube nicht an Kompromisse. Und Politiker sind gezwungen, viele Kompromisse zu machen. Politiker müssen Hirten sein, sie müssen die Herde zusammenhalten und gleichzeitig nach vorne führen. Sie müssen die Wahrheit voranbringen und sich gleichzeitig auf diese ganzen Kompromisse einlassen. Ich glaube, die meisten haben gute Absichten, aber die Umsetzung in Taten ist wahnsinnig schwierig. Und wahrscheinlich auch irrsinnig ungesund.

Wie kommen Verabredungen zustande mit einem Menschen, der keinen festen Wohnsitz hat, der mit einem Privatflugzeug um die Welt reist und stets nur für ein, zwei Tage in einer der europäischen Metropolen haltmacht? Nach mehreren Wochen gibt es endlich einen Termin. Sein Büro schlägt zunächst Berlin vor. Schließlich wird es Brüssel, Hotel Amigo, fünf Sterne: »Herr Berggruen erwartet Sie im Foyer!« In Deutschland kennen ihn die meisten als Erben, als Sohn von Heinz Berggruen, dem erfolgreichen Kunstsammler. Nicolas Berggruen will aber mehr als Sohn und Erbe sein. In den USA hat er ein Komitee zur Rettung Kaliforniens gegründet, Arnold Schwarzenegger, die frühere Außenministerin Condoleezza Rice und Google-Chef Eric Schmidt sind dabei. Nun will Berggruen eine politische Vision für Europa entwerfen, Gerhard Schröder hilft ihm. Berggruen spricht deutsch, er sucht nach Worten. Bedingung für dieses Gespräch war, dass es nur von seiner Stiftung und seiner Arbeit handeln soll. Berggruen gibt selten Interviews, er schirmt sein Leben von der Öffentlichkeit ab. Als das Handy klingelt, unterbricht er: »Den muss ich nehmen«, sagt er und verschwindet für ein paar Minuten.

ZEITmagazin: Warum glauben Sie nicht an Kompromisse?

Berggruen: Ich glaube, Kompromisse sind am Ende der einzige Weg. Ich sage nur, ich könnte keine machen. Ich sage meine Meinung, und ich bleibe bei meinen Überzeugungen.

ZEITmagazin: Braucht Politik Geheimnisse?

Berggruen: Eine schwierige Frage. Moralisch gesehen nein, praktisch ja.

ZEITmagazin: WikiLeaks ist gerade krachend an der Realität gescheitert mit seiner Utopie, totale politische Transparenz zu schaffen. Gefällt Ihnen diese Grundidee?

Berggruen: Ich glaube, die Idee ist nicht realistisch. WikiLeaks forciert mehr Transparenz, das gefällt mir. Das Gemeine daran ist, und das machen sich viele nicht klar: Wenn die Transparenz in der Politik vorangetrieben wird, wird davon auch das Private betroffen sein. Ich glaube, dies wird ein richtiges Dilemma. Wie sieht das Privatleben in der Zukunft aus? Möglicherweise wird es sich komplett verändern. Die Idee, dass wir uns alle besser benehmen, weil es soziale Kontrolle gibt, finde ich im Prinzip nicht schlecht. Die Frage ist bloß: Wer setzt die Standards?

ZEITmagazin: Viele Deutsche sehen in Ihnen vor allem den Mann, der Karstadt gerettet hat. Gibt Ihnen das ein gutes Gefühl, ein respektierter Kapitalist zu sein?

Berggruen: Nein. Natürlich ist es für mich eine fantastische Sache, wenn ich helfen kann, die Zerschlagung zu verhindern und die Arbeitsplätze zu retten. Darum habe ich auch das Nicolas Berggruen Institute, das NBI, ins Leben gerufen. Aber bei Karstadt geht es nicht um mich. Wir arbeiten hart daran, dass dieses Investment gut ausgeht. Ein Investment ist wie ein Organ, es muss auch funktionieren, es muss eine ökonomische Balance geben. Wenn ich in Zeitungen investiere, wie etwa bei El País in Spanien, tue ich das nicht, weil ich gerne lese.

ZEITmagazin: Zu Ihrem Beruf gehört, Geld zu verdienen? Möglichst viel Geld?

Berggruen: Es gehört auch dazu.

ZEITmagazin: Sie unterhalten ein politisches Institut, aber Sie wollen kein Politiker sein. Sie haben Karstadt gekauft, das ein Inbegriff der alten Bundesrepublik ist. Sie selber sind Kosmopolit. Sie sammeln Bilder wie Ihr Vater, aber sie zu besitzen bedeutet Ihnen angeblich nichts. Mögen Sie es, als das Gegenteil von dem zu erscheinen, was Sie tun?

Berggruen: Es ist interessant, dass Sie das sagen. Ich sehe das nicht so. Ich bin an bestimmten Dingen interessiert und stecke da meine Energie rein. Aber das heißt nicht, dass sie so sein sollen wie ich. Haben Sie Kinder?

ZEITmagazin: Ja.

Berggruen: Sie wollen doch nicht, dass die Kinder sind wie Sie? Sie wollen, dass sie ein eigenes Leben haben. Aber Sie investieren viel in diese Kinder. Und so ist es bei mir mit meinen Projekten. Ich liebe Kunst, ich sammle gerne Kunst, aber ich glaube, die Kunst gehört mir nicht, sie gehört der Gesellschaft. Ich bin leider kein Künstler oder begnadeter Schriftsteller. Also warte ich auf Gelegenheiten, um mich zu engagieren. Mit einem Thinktank wie dem Nicolas Berggruen Institute ist es möglich, Einfluss zu nehmen und die Lebensumstände von Menschen spürbar zu verbessern.

Leserkommentare
  1. 5 Leserempfehlungen
  2. "ZEITmagazin: Viele Deutsche sehen in Ihnen vor allem den Mann, der Karstadt gerettet hat."

    Nur zur Klarstellung: Noch ist Karstadt keineswegs "gerettet". Berggruen hat vom Insolvenzverwalter den Zuschlag bekommen, in der Hoffnung, Karstadt zu retten. Ob er's kann (und auch wirklich will) wird sich noch zeigen.

    3 Leserempfehlungen
    • anthri
    • 13.04.2012 um 10:43 Uhr

    nur weil er nett aussieht, sanft spricht, nie konkret wird und viel Geld verdient, ist er noch lange keine Philanthrop.

    7 Leserempfehlungen
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    das stimmt wohl. Die Mitarbeiter von Karstadt sind ihm sicherlich egal. Vermutlich kennt er nicht einen Namen von einem leitenden Angestellten dort. Aber ... und jetzt kommt ein dickes aber ... schlimmer als Thomas Middelhoff ist niemand. Ich bin sicher, dieser Konzern wäre zu retten gewesen, wenn man nicht das Tafelsilber sich und seinen Freunden zugeschoben hätte. Und was besonders frustrierend ist, er ist damit durchgekommen.

    das stimmt wohl. Die Mitarbeiter von Karstadt sind ihm sicherlich egal. Vermutlich kennt er nicht einen Namen von einem leitenden Angestellten dort. Aber ... und jetzt kommt ein dickes aber ... schlimmer als Thomas Middelhoff ist niemand. Ich bin sicher, dieser Konzern wäre zu retten gewesen, wenn man nicht das Tafelsilber sich und seinen Freunden zugeschoben hätte. Und was besonders frustrierend ist, er ist damit durchgekommen.

  3. Der Interviewer stellt fürchterlich langweilige und bedeutungslos persönliche Fragen. Wohlwissend, dass Berggruen darauf kein Bock hat und erntet dann wie zu erwarten unkonkrete langweilige Antworten.

    Chance verschenkt. Dem Mann scheint es um die Dinge zu gehen die er bewegt, nicht um seine Person. Warum ihn nicht über die Dinge reden lassen, statt über sich und seinen Vater?

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    • tobmat
    • 13.04.2012 um 14:04 Uhr

    "Warum ihn nicht über die Dinge reden lassen, statt über sich und seinen Vater?"

    Weil 90% der Menschen am Zwischenmenschlichen interessiert sind und nicht an den großen Dingen die die Welt bewegen. Und für diese 90% gibt es diese Zeitung. Und weil es eine Herausforderung für den Interviewer ist Antworten aus Bereichen zu bekommen über die Berggrün gar nicht reden will.

    • mmmvo
    • 16.06.2012 um 17:59 Uhr

    Als "normaler" Mensch, der in der Regel nicht mit Milliardären verkehrt, habe ich Berggruen zufällig in einem Restaurant in Berlin "kennengelernt" - weil ich ihn darauf angesprochen habe, dass seine Stiftung zu elitär ist. Ich hatte vorher zufällig ein Interview und einen sehr kritischen Bericht im Fernsehen über ihn gesehen, wo sich das aufdrängte: Diner in der Stiftung mit den ehemals mächtigen Menschen dieser Welt, u.a. Gerhard Schröder. Die Abgehobenheit des Zirkels zeigte sich an der Tafel, an der gespeist wurde. Ich habe jedenfalls versucht, das Vorbild eines Mahatma Ghandis anzudeuten und einzufordern und kritisiert, dass zu wenige "normale" Menschen und Wissenschaftler involviert sind. Meine Kritik wurde nicht "freundlich-arrogant" belächelt, sondern angenommen - zumindest verbal. Wenn sich ein Mensch, der über nichts nachdenken muss, sich ernsthaft und aktiv mit den Problemen dieser Welt beschäftigt, anstatt betrunken durch die Betten auf (s)einer Yacht zu torkeln, offenbart das den Menschenfreund. Die mediale TV Kritik könnte vielleicht konstruktiver, freundlicher sein, geht es doch um einen Menschen, der versucht, Gutes zu tun. Dass er auch Schwächen hat oder an seinem Image poliert, hängt vielleicht mit einer Kindheit zusammen, von der wir wenig wissen - das Interview hätte mehr von der sicher vorhandenen Intellektualität und Sensibilität und weniger Belanglosigkeiten offenbaren können.

    • tobmat
    • 13.04.2012 um 14:04 Uhr

    "Warum ihn nicht über die Dinge reden lassen, statt über sich und seinen Vater?"

    Weil 90% der Menschen am Zwischenmenschlichen interessiert sind und nicht an den großen Dingen die die Welt bewegen. Und für diese 90% gibt es diese Zeitung. Und weil es eine Herausforderung für den Interviewer ist Antworten aus Bereichen zu bekommen über die Berggrün gar nicht reden will.

    • mmmvo
    • 16.06.2012 um 17:59 Uhr

    Als "normaler" Mensch, der in der Regel nicht mit Milliardären verkehrt, habe ich Berggruen zufällig in einem Restaurant in Berlin "kennengelernt" - weil ich ihn darauf angesprochen habe, dass seine Stiftung zu elitär ist. Ich hatte vorher zufällig ein Interview und einen sehr kritischen Bericht im Fernsehen über ihn gesehen, wo sich das aufdrängte: Diner in der Stiftung mit den ehemals mächtigen Menschen dieser Welt, u.a. Gerhard Schröder. Die Abgehobenheit des Zirkels zeigte sich an der Tafel, an der gespeist wurde. Ich habe jedenfalls versucht, das Vorbild eines Mahatma Ghandis anzudeuten und einzufordern und kritisiert, dass zu wenige "normale" Menschen und Wissenschaftler involviert sind. Meine Kritik wurde nicht "freundlich-arrogant" belächelt, sondern angenommen - zumindest verbal. Wenn sich ein Mensch, der über nichts nachdenken muss, sich ernsthaft und aktiv mit den Problemen dieser Welt beschäftigt, anstatt betrunken durch die Betten auf (s)einer Yacht zu torkeln, offenbart das den Menschenfreund. Die mediale TV Kritik könnte vielleicht konstruktiver, freundlicher sein, geht es doch um einen Menschen, der versucht, Gutes zu tun. Dass er auch Schwächen hat oder an seinem Image poliert, hängt vielleicht mit einer Kindheit zusammen, von der wir wenig wissen - das Interview hätte mehr von der sicher vorhandenen Intellektualität und Sensibilität und weniger Belanglosigkeiten offenbaren können.

  4. solch einen Anschein hat das ganze für mich. Neulich gab es da eine sehr erleuchtende Doku vom ZDF:
    http://www.spiegel.de/kul...
    In seiner illustren Gesellschaft tummeln sich ja auch sehr gerne die Schröders. Na dann Prost!

    5 Leserempfehlungen
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    http://de.wikipedia.org/w...

    Da gibts noch mehr.

    http://de.wikipedia.org/w...

    Da gibts noch mehr.

  5. 3 Leserempfehlungen
    • tilllt
    • 13.04.2012 um 11:24 Uhr

    Ich muss mich meinen Vorrednern anschliessen: ein wirklich schlechtes Interview. Aber mal wieder in der neueren Tradition der Zeit, auf Themenvorgaben ihrer Gesprächspartner einzugehen und sich dadurch instrumentalisieren zu lassen.

    Man koennte ja vermuten, das das Image des "Weltverbesserers" einem Unternehmer wie Berggrün auch wirtschaftlichen Nutzen bringt. Nur gibt es so wenig aus der Praxis ablesbare Handlungen die dieses Image tatsächlich rechtfertigen.

    Ein Heuschrecke die nicht radikal alle entlässt und nach fünf Jahren des Aufpaeppelns wieder 15% Rendite erwartet und - falls nicht erreicht - die Investition wieder abstößt ist immer noch ein Heuschrecke.

    Und für die Berliner wäre zum Beispiel eine interessante Fragestellung gewesen, welche Weltverbesserungsplaene er mit den doch massiven Immoblieninvestitionen in der Stadt vor hat. Will er die Mieten stabil halten, damit die kreativen Geringverdiener weiterhin in Frieden leben können? Ich glaube kaum.

    Solange seine Taten nicht die Grundlage seines Rufs als Weltverbesserer begründen, kann man ihn als ganz normalen Investor mit leicht anderer PR Strategie bezeichnen. Und da kann ihm sein Freund Gerhard "Gazprom" Schroeder bestimmt ein paar gute Tips geben.

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    Ab welcher Rendite gilt man denn nicht mehr als Heuschrecke?

    Ab welcher Rendite gilt man denn nicht mehr als Heuschrecke?

  6. Die Art wie Herr Berggrün sein, nach ihm selbst benanntes, Institut ausrichtet, ist symptomatisch für sein Demokratieverständnis. Wenn er wirklich etwas für die Demokratie tun wollte, so sollte er sich anderen Strömungen gegenüber öffnen und beginnen politische Prozesse ganzheitlich betrachten: von der Ebene des Individuums bis zur globalen Ebene.

    "In Demokratien haben die Institutionen oft nur wenig Kraft, weil die Politiker zu kurzfristig agieren. Sie denken an die nächsten Wahlen."

    Würden die Politiker nicht an die nächsten Wahlen denken, so würden sie auch nicht daran denken ihren Wählern gegenüber rechenschaftspflichtig zu sein. Aber genau das macht doch die Demokratie aus!

    Demokratie ist ein ständiges Experiment, in dem die Bürger durch ihre Fehler lernen. Entkoppelt man die Bürger noch stärker von den politischen Prozessen, dann nimmt man ihnen auch jeglichen Anreiz diese zu beobachten und aus Fehlern zu lernen.

    Entscheidend ist, dass die Bürger wirklich der Souverän sein müssen. In einer globalisierten Welt sind die Wähler nationaler Regierungen aber nicht mehr als die Nervenzellen eines dem Gefangenendilemma ausgelieferten Spielers. Das Spiel heißt Plutokratie und nicht Demokratie.

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