Mit der Wahl Joachim Gaucks zum Bundespräsidenten sind jetzt die zwei wichtigsten politischen Spitzenämter der Bundesrepublik von Ostdeutschen besetzt. Nachdem die DDR Teil der Bundesrepublik wurde und der Westen Scharen seiner Eliten in den Osten schickte, führen nun ein ehemaliger Pfarrer aus Rostock und eine Pastorentochter aus der Uckermark Deutschland. Statt Rheinisch-Katholisch regiert nun Nordostdeutsch-Protestantisch. Die Bonner Republik scheint endgültig Geschichte.

Ist die Berliner Republik nun deshalb ossifiziert? Tritt jetzt, mehr als 20 Jahre nach der Wiedervereinigung, eine Gegenbewegung der Besten aus dem Osten in Richtung Westen ein – oder sind Gauck und Merkel die Ossi-Ausnahmen in der gesamtdeutschen Elite?

Wer in Merkels Kabinett blickt, findet unter 15 Ministern keinen einzigen Ostdeutschen. Dafür viel westdeutschen Regionalproporz. In Kohls Regierung nach der Wiedervereinigung waren es immerhin drei Minister mit ostdeutscher Herkunft und Sozialisation, eine von ihnen die damalige Umweltministerin Angela Merkel. Wenn überhaupt, tat sich nur auf den unteren Ebenen etwas, nachdem im Zuge der Wiedervereinigung ein massiver Elitentransfer von West nach Ost stattgefunden hatte. Anfang der Neunziger kamen viele Staatssekretäre, Minister und sogar Ministerpräsidenten in den neuen Bundesländern aus dem Westen, sie hatten das juristische Know-how und die Verwaltungserfahrung. In der Bürokratie galt: Je höher die Position, desto wahrscheinlicher war diese westdeutsch besetzt. Diese Dominanz der importierten Aufbauhelfer hat sich mittlerweile abgeschwächt, auch wenn sich auf den Fluren ostdeutscher Behörden immer noch viele Wessis tummeln. Als Johanna Wanka im April 2010 niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur wurde, war sie aber die erste Ostdeutsche, die es an die Spitze eines westdeutschen Landesministeriums geschafft hatte.

Nicht nur die Spitzenpolitik ist ossifrei, die meisten deutschen Chefetagen sind es: Von den mehr als 180 Dax-Vorständen, deren Herkunft bekannt ist, sind nur zwei in Ostdeutschland aufgewachsen – Torsten Jeworrek im Vorstand der Münchener Rück und René Umlauft von MAN Turbo & Diesel. Über ein Viertel stammt dagegen aus dem Ausland, die meisten aus den USA. Ein ähnliches Bild in anderen Bereichen: Nur zwei der mehr als 140 deutschen Botschafter im Ausland kommen aus dem Osten. Entsandt in die Vertretungen in Botswana und Gabun. Keine der 500 vermögendsten Familien kommt aus Ostdeutschland, von den 17.000 Einkommensmillionären Deutschlands findet sich kaum einer im Osten, und wenn, dann sind es häufig Zugezogene à la Günther Jauch. Kein Mitglied des Bundesverfassungsgerichts ist ostdeutscher Herkunft, kein Vorsitzender eines Bundesgerichts, Fehlanzeige auch in den Chefetagen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten (Ausnahme Karola Wille, seit November 2011 Intendantin des MDR) sowie der großen überregionalen Tages- und Wochenzeitungen. In der Wissenschaft sieht es nicht anders aus: Weniger als drei Prozent der Direktoren von Max-Planck- und Leibniz-Instituten sind Ostdeutsche. Und während laut stern von 37 Generälen und Admiralen an der Spitze der Bundeswehr kein einziger Ostdeutscher ist, stammt die Hälfte der in Afghanistan und im Kosovo stationierten deutschen Soldaten aus dem Osten.

Am Theater, beim Film, in der Musikbranche oder im Sport sind die Ostdeutschen stärker präsent – überall dort, wo unkonventionelle Biografien keine Rolle spielen oder gar erwünscht sind.

Wären die Ostdeutschen als solche erkennbar, hätten sie eine andere Haarfarbe oder lange Ohren, wäre eine solche Schieflage schon längst zum Politikum geworden, Rufe nach Quoten inklusive. Ohne dies aber bleibt das Ungleichgewicht unsichtbar. Was wir nicht sehen, stört uns nicht.

Woran liegt es, dass die Ostdeutschen an der Spitze die Ausnahme bleiben? Unvermögen und geringeres Leistungspotenzial? Nein. Bewusste und aktive Diskriminierung oder gar Zurückweisung? Kaum. Eigenes Desinteresse am Aufstieg in die höheren Sphären? Auch unwahrscheinlich. Was Erfolge an den Schulen und Universitäten angeht, stehen die jungen Ostdeutschen nicht schlecht, zum Teil sogar besser da als ihre westdeutschen Altersgenossen. Insofern ist zu erwarten, dass sie in Zukunft häufiger beruflich aufsteigen werden als bisher. Allerdings: Sie werden nie mit den Wessis gleichauf sein. Ostdeutsche werden Westdeutsche nur in einigen Bereichen einholen, beispielsweise Verwaltung oder Wissenschaft. In anderen gesellschaftlichen Feldern werden sich die Unterschiede dagegen vermutlich sogar noch verstärken.