Wir danken Günter Grass für ein Gedicht , das uns über die nachrichtenarmen Ostertage geholfen hat. Neun Millionen Google-Einträge sind mehr, als der Literat an Wörtern in all seinen Romanen untergebracht hat. Wir danken auch dem NPD-Landtagsabgeordneten Jürgen Gansel, der dem alten Antifa-Kämpen bescheinigt, voll auf der Linie der Partei zu liegen. Denn Grass nehme es nicht länger hin, dass "mit dem Totschlag-Vorwurf des ›Antisemitismus‹ jede Kritik am Aggressions- und Apartheidsstaat Israel unterdrückt wird". Schluss mit der "Schuldanklage und instrumentellen Opfertümelei". Weg mit den "moralischen Vorwänden", mit denen die Juden "die Deutschen immer wieder finanziell auspressen und gefügig machen".

Diese Sprache zeichnet auch Grass aus, der nicht mehr "zur Rede" gestellt werden will, der ein weiteres U-Boot für Israel nutzt, um das aufgezwungene Schweigen zu brechen und endlich zu sagen, "was gesagt werden muss". Darf man einem Gutdenker seine Freunde vorhalten – einem, der jahrzehntelang die Antifa-Flagge gehisst hat? Man darf, zumal einem hochintelligenten Literaten, der weiß, wie Worte – Text und Subtext – funktionieren, im Ober- wie im Unterbewusstsein.

Der Applaus aus dem Sumpf konnte den meisterhaften Blechtrommler (das Buch bleibt Weltliteratur) nicht überrascht haben. Zu dicht dran ist "Was gesagt werden muss" an dem verdrucksten "Das wird man doch wohl mal sagen dürfen", das aus den Gullys quillt. Grass wusste, was er schrieb. Um neue Freunde zu keilen? Nein. Aber man darf ein gewaltiges Fehlkalkül unterstellen.

Er muss geglaubt haben, dass er mit seinem poetischen Befreiungsschlag nicht nur die eigene Seele von der Qual der geerbten Schuld erlösen könne, sondern auch das Volk. Er muss zudem auf seine Vorbildrolle gesetzt und geglaubt haben, dass die politische Klasse wie erhofft reagiert, etwa: Wenn dieser gestandene Anti-Nazi so redet, dürfen wir es endlich auch. Grass als Retter aus Schuld und seelischer Not. Doch das Kalkül ging daneben; das ist das Beste an diesem Entlastungsangriff ohne Scham und Zügel.

Denn abgesehen von ein paar Apologeten, einer anheimelnd kleinen Zahl, hat sich die redende und schreibende Zunft diesseits der Linken und der NPD gegen den Stichwortgeber gestellt – mit der richtigen Mischung aus Abscheu und Argumentation. Sie hat den Subtext des Ressentiments und der Dämonisierung Israels sehr wohl erkannt. Das ist die Frohbotschaft von Ostern 2012. Sie kündet von einem soliden liberal-demokratischen Konsens, und das Land darf siebzig Jahre danach stolz auf die Selbstverständigung sein. Auch Verführer mit Nobelpreis-Gütesiegel verfangen nicht.

Nicht so anheimelnd sind Tausende von hasserfüllten, menschenverachtenden Kommentaren im Internet, die sich in diesen Tagen unter den kritischen Texten zu Grass angesammelt haben. Deprimierend, was dort zu Israel und Juden aus der Psyche bricht, jedenfalls im befreienden Schutze der Anonymität. Hoffen wir, dass es eine nicht repräsentative, selbstselektierte Stichprobe ist. Sonst würde Grass dort unten die Schlacht gewinnen, wo er sie in der nachdenkenden Öffentlichkeit so schmählich verloren hat.