Museum Folkwang EssenMit großer Liebe zur Sachlichkeit

Ute Eskildsen ist die Doyenne der deutschen Fotoszene. Jetzt zeigt sie ihre letzte große Ausstellung in Essen. von Stefan Koldehoff

Es gibt ihn noch immer, den kleinen schmalen Gang, in dem alles angefangen hat, irgendwo im Untergeschoss des Altbaus. Hier im Verborgenen gründete das erste deutsche Kunstmuseum eine eigene Fotoabteilung. Und hier, in diesem Gang, gab es auch die ersten Ausstellungen, vor gerade mal 34 Jahren. Heute mag einem das seltsam erscheinen, ganz selbstverständlich werden Fotografen wie Künstler gezeigt und gehandelt. Damals aber, 1978, als die Fotografin und Fotohistorikerin Ute Eskildsen damit begann, eine Fotosammlung aufzubauen , war sie eine Pionierin auf kargem Feld.

Allerdings waren in Essen die Voraussetzungen schon immer andere gewesen als im Rest der Republik: »Hier im Museum Folkwang«, sagt Ute Eskildsen, »hat Otto Steinert schon 1959 damit begonnen, einmal im Jahr als Gastkurator Fotografie zu zeigen. Weil er meinte, dass man auch Fotografie im Original und nicht nur als Reproduktionen sehen muss. Später hat dann das Museum seine Sammlungsbestände übernommen.« Otto Steinert ist der Name, der über der Essener Sammlung schwebt wie der Geist über den Wassern. 1947 hatte sich der promovierte Mediziner, der NSDAP-Mitglied gewesen war und als Stabsarzt am Russlandfeldzug teilgenommen hatte, ganz der Fotografie zugewandt. Ute Eskildsen, 1947 in Itzehoe geboren, übernahm aber nicht einfach nur das Erbe ihres Mentors. Sie studierte in Hamburg , lernte in einem Studio für Porträt- und Modefotografie, arbeitete am International Museum of Photography in Rochester/New York, als Kuratorin am Busch-Reisinger-Museum der University of Cambridge und am Getty Research Institute in Los Angeles.

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Zurück in Deutschland, baute Eskildsen die Studiensammlung zur heute mit Abstand bedeutendsten fotografischen Sammlung des Landes aus – mit rund 60.000 Arbeiten von mehr als 1.300 Fotografen. Längst sind dabei die Grenzen zwischen angewandter und freier Fotografie verschwommen. Ob ein Bild gut sei, sagt Ute Eskildsen, sei nur selten eine Frage seiner Entstehung: »Auch in der Mode- und Produktfotografie gibt es seit den fünfziger Jahren großartige Aufnahmen.« Entsprechend entwickelte sie die Essener Sammlung: mit Schwerpunkten auf der Porträt-, Sach- und Landschaftsfotografie.

Der Mensch und seine Objekte
Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild.

Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild.  |  © Christiane von Königslöw

Zwei dieser Genres zeigt Ute Eskildsen noch bis Ende April in ihrer letzten großen Ausstellung Der Mensch und seine Objekte . Die gesamte Wechselausstellungsfläche hat man ihr dafür in Essen freigeräumt, und sie nutzt diesen Raum für einen klug gehängten Parcours durch 170 Jahre Fotografiegeschichte – von William Henry Fox Talbots Aufnahme einer Spitzenstickerei (1843) bis zum Still aus einem Video von Adrian Sauer (2011). Natürlich hat die Kuratorin in Essen immer wieder auch Künstler gezeigt, die sich die Welt so eingerichtet haben, wie sie sie sehen wollten: inszenierte Fotografie. Doch wer durch ihre Ausstellung geht, erkennt noch einmal Eskildsens wahre Liebe – und vielleicht auch so etwas wie ihr kuratorisches Vermächtnis: die sachliche Fotografie von August Sander und Lotte Jacobi über Diane Arbus und Stefan Moses bis zu Thomas Demand und Tobias Zielony.

Viele der Fotoausstellungen, die in den vergangenen drei Jahrzehnten in Essen zu sehen waren, sind inzwischen selbst Teil der Fotogeschichte geworden. Jene Themenschau Fotografieren hieß teilnehmen zum Beispiel, mit der 1994 zahlreiche großartige Fotografinnen der Weimarer Republik erstmals wieder ins öffentliche Bewusstsein rückten. Oder die Präsentation der Reportagearbeit Farewell to Bosnia von Gilles Peress: Im Ausstellungsraum war ein umlaufendes schmales Brett an den Wänden befestigt, auf dem Dutzende Exemplare des neuen Buches standen, aufgeschlagen jeweils auf der nächstfolgenden Seite. Originale Abzüge wurden nicht gezeigt. Das Fotobuch war im Museum angekommen.

Eskildsen zeigte die erste große Werkschau der Niederländerin Rineke Dijkstra, eine epochale Robert-Frank-Retrospektive und immer wieder auch junge Fotografinnen und Fotografen, deren Qualität sie überzeugt. Und weil sie aus den Ausstellungen – mithilfe von Stiftungen und privaten Förderern – oft auch Arbeiten ankaufte, erweiterte sie dabei kontinuierlich die Sammlung.

Sie werde das Haus im Herbst froh gestimmt verlassen, sagt Ute Eskildsen zum Abschied. Eigentlich hätte der Ruhestand schon im Frühsommer beginnen sollen. Dann aber wechselte Museumsdirektor Hartwig Fischer überraschend nach Dresden , und ganz ohne Führung wollte seine Stellvertreterin das Haus nicht lassen. Was sie selbst ab Herbst vorhat, verrät die Doyenne der deutschen Fotoszene nicht. »Im Neubau haben wir großartige Räume für Ausstellungen, das Depot ist auf dem neuesten Stand der Technik, und die Fotografie ist zweifelsohne als fester Bestandteil der Bildenden Kunst etabliert«, beschreibt sie den Zustand, in dem sie die Fotografische Sammlung in Essen hinterlässt.

Längst bildet dort das Museum Folkwang selbst Fotokuratoren aus. Es sei spannend, zu sehen, dass sich junge Fotografen seit einiger Zeit wieder der Schwarz-Weiß-Fotografie zuwenden, sagt Ute Eskildsen. »Viele kennen diese große Zeit ja nur noch aus Büchern.«

Hat sie Angst davor, dass die Digitalfotografie für eine Inflation der fotografischen Produktion sorgen und die Qualitätsmaßstäbe verändern wird? Ute Eskildsen schüttelt energisch den Kopf. »Nein. Was die Digitalfotografie kann, wissen wir heute noch gar nicht. Und von der Inflation der Fotografie hat Albert Renger-Patzsch schon vor fast 100 Jahren geschrieben«, antwortet sie und lacht.

"Der Mensch und seine Objekte"

Die Ausstellung läuft bis zum 29. April 2012; der Katalog erscheint im Steidl Verlag für 34,– €.

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Leserkommentare
  1. Danke fuer diesen Artikel, da muss ich hin. Danke auch fuer das Statement zur digital Fotografie. Nur der Mensch hinter der kamera und dann mit tools macht das Bild. Der 'Fertigungs Prozess' hat sich gewandelt sonst nix.

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  • Schlagworte Museum | Essen | Liebe | Fotografie | Ausstellung | Digitalfotografie
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