An einem Freitag Ende März beschloss Christoph Fasbender, den Semesterbeginn abzusagen. Fasbender, 45, ist Literaturwissenschaftler und Dekan der Philosophischen Fakultät der TU Chemnitz . "Wenn ich freitags nicht weiß, ob meine Leute am Montag anfangen können, kann ich nicht verantworten, dass das Semester beginnt", sagt er. Die Verträge von 20 "unverzichtbaren" Mitarbeitern waren – drei Tage vor Ende der Ferienzeit – noch immer nicht unterschrieben worden. Fasbender hielt das für eine "Riesensauerei".

Das Problem mit den Verträgen kommt daher, dass die Staatsregierung jüngst eine ganz eigene Form des Einstellungsstopps beschlossen hat: Jede Vertragsverlängerung, Entfristung oder Neueinstellung muss nun vom Ministerpräsidenten oder seinem Stellvertreter genehmigt werden. "Dass man versucht, Stellen intern zu besetzen, ist ja sinnvoll", sagt Fasbender. "Aber zu glauben, aus einem Verwaltungsangestellten könne ein wissenschaftlicher Mitarbeiter werden, wenn man im Ministerium nur lange genug darauf hofft, ist absurd." Noch Tage später bringt den Professor "diese Kabinettsposse" in Rage; er ärgert sich maßlos darüber, wie fern man in den Ministerien der Uni-Welt zu sein scheint. Auch Fasbenders Chef, der neu gewählte Chemnitzer Rektor Arnold van Zyl , ist "beunruhigt" darüber, wie stark die Landesregierung mit ihrem Personalcontrolling in die Autonomie der Hochschulen eingreife.

Eine Fakultät kündigt an, die Ferien zu verlängern, weil das Personal fehlt. Das hat es in Sachsen , dem Freistaat, der sich selbst doch stolz zum "Forschungsland" erklärt hat, noch nicht gegeben. Seit Jahren betont man im strukturschwachen Osten den Stellenwert von Bildung und Forschung. Gerade erst mahnt eine Studie des Bundesinnenministeriums, der Osten müsse dringend seine "Attraktivität als Standort für Humankapital" verbessern. Doch in Sachsen ist vor wenigen Wochen im Streit mit dem Finanzminister um die Personalausstattung der Kultusminister zurückgetreten . Seitdem kreisen viele Debatten um eine Frage: Wie viel Sparen kann das Land sich leisten? Die Wissenschaftspolitik ist die nächste Front, an der Finanzminister Georg Unland und Ministerpräsident Stanislaw Tillich (beide CDU ) heftige Auseinandersetzungen bevorstehen – und Fasbenders Verzweiflungstat gilt vielen an den Unis als Beweis: Sachsens Sparpolitik bedroht die Substanz der Hochschulen. Die Wissenschaft wird dem Sparplan geopfert.

Minister Unland will die Zahl der Landesbediensteten bis zum Jahr 2020 um etwa 15.000 auf 70.000 reduzieren. Allein tausend Stellen sollen die Hochschulen bei sich streichen. Obwohl diese aus allen Nähten platzen, weil so viele Studenten eingeschrieben sind wie nie zuvor.

Der Ansturm auf die Hochschulen wird noch viele Jahre anhalten

Dabei sind die Studentenmassen eigentlich Beleg für einen großen Erfolg: Seit Jahren sollen Kampagnen wie "Pack dein Studium" oder "Studieren in Fernost" Abiturienten aus den alten Bundesländern in den "wilden" Osten locken. Beworben werden paradiesische Betreuungsverhältnisse, bestens ausgestattete Hörsäle, Bibliotheken und Labors. Weil es dies alles ohne Studiengebühren geben soll und die Lebenshaltungskosten niedrig sind, lassen sich viele überzeugen; sie gehen nach Sachsen, Thüringen oder Mecklenburg-Vorpommern – und fühlen sich vor Ort ganz unangenehm an daheim erinnert: Vollends überlaufene Studiengänge nicht nur in den Geistes- und Sozialwissenschaften strafen die Werbung Lügen. Zugezogene Weststudenten schimpfen: Ihr habt uns gelockt mit Versprechungen und erfüllt viele davon nicht. Und nun wollt ihr noch weiter abbauen?

Die Imagekampagnen für den Campus Ost seien inzwischen wohl einfach zu erfolgreich, sagt der Wittenberger Hochschulforscher Peer Pasternack . Die "massiven Überlaufeffekte" der Westdeutschen führten dazu, "dass das Versprechen auf freie Studienplätze und beste Studienbedingungen, das einmal formuliert wurde, oft nicht mehr eingelöst werden kann". Es sei zwar verständlich, wenn die Einrichtungen aus Angst vor Kürzungen um jeden Preis beweisen wollten, wie leistungsfähig sie seien. Langfristig sei es aber die falsche Strategie, die großen Erwartungen zu enttäuschen, sagt Pasternack: "Die beste Werbung sind ehemalige Studenten. Wenn die in einigen Jahren ihren Kindern empfehlen, auch im Osten zu studieren, weil sie es dort so toll fanden, ist das entscheidend."

Doch um ihren Studierenden solche Erinnerungen zu bescheren, fehlt den meisten ostdeutschen Unis das Geld. Jahrelang wurden ihnen leere Hörsäle vorhergesagt: Der Geburtenknick nach der Wende werde zum Einbruch der Studienanfängerzahlen führen. Doch inzwischen hat die Kultusministerkonferenz eingestanden, was die Uni-Leitungen seit Langem predigen: dass man sich bei den Zahlen von 2009 massiv vertan hat. Bis zum Jahr 2015 werden etwa 749.000 Studienanfänger mehr als vorhergesagt an die Hochschulen strömen; weil immer mehr Schüler Abitur machen und immer mehr Abiturienten studieren wollen. Kurzum: All das, was die Politik jahrzehntelang angestrebt hat, wird Realität. Dumm nur, dass man daran offenbar in einigen Ministerialbüros selbst nicht geglaubt hat – und sich auch jetzt noch schwer damit tut, die Wirklichkeit zu akzeptieren.