Unter anderen Umständen hätte Riems eine nette, kleine Ferieninsel werden können. Mit Strandkörben, Ruderbooten, Eiscafés. Die Ostsee plätschert sanft an die grünen Küsten, meterhohes Schilf stemmt sich gegen den Wind, an schönen Tagen hat man einen herrlichen Blick auf Rügen.

Es kam anders. Ein Großteil der 1.200 Meter langen Insel im Greifswalder Bodden ist mit meterhohen Zäunen umgeben. Stacheldraht soll Eindringlinge abhalten. Wachmannschaften lassen Besucher nur mit besonderer Erlaubnis auf das abgesperrte Gelände. Im Jahr 1910 war nämlich der Mediziner Friedrich Löffler mit seiner virologischen Forschungsanstalt auf die Insel Riems gezogen – nachdem er zuvor bei Experimenten versehentlich Tiere rund um Greifswald mit der Maul- und Klauenseuche infiziert hatte. Eine Insel versprach mehr Sicherheit.

Martin Beer blickt aus einem riesigen Fenster im neu gebauten Laborkomplex aufs Meer. »Dass wir auf einer Insel forschen, ist nur historisch bedingt«, sagt er. Die Versuchsställe und Laborräume, in denen hier mit Krankheiten wie BSE, Vogelgrippe oder Schweinepest experimentiert wird, seien heute so sicher, sie könnten überall stehen.

Auf der Insel Riems gibt es dieser Tage am Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit nur ein Thema: Das Schmallenberg-Virus. »Los ging das alles im August«, sagt Martin Beer. Er lehnt sich an eine graue Laborbank, ein paar Möwen schreien vom benachbarten Naturschutzgebiet herüber. Damals tauchten in Nordrhein-Westfalen die ersten Fälle einer neuen Tierseuche auf. Sie wirkte zunächst harmlos: Kühe gaben weniger Milch, hatten vielleicht ein bisschen Fieber oder Durchfall. Nach ein paar Tagen war alles wieder vorbei. Doch einigen Tierärzten kamen die Anfälle merkwürdig vor, sie schickten Blutproben nach Riems. Zu Martin Beer, dem Leiter des Instituts für Virusdiagnostik. Er und seine Kollegen warfen ihre Geräte an, testeten auf Blauzungenkrankheit, Maul- und Klauenseuche, verschiedene andere Tierkrankheiten – alles negativ. Sie warteten ab, das Problem könnte ja auch mit dem Futter der Tiere zu tun haben. Doch die Zahl der Fälle wuchs.

Schließlich untersuchten Beer und seine Kollegen, ob sich in Blutproben von kranken Rindern noch anderes Erbgut, außer dem der Kuh, befindet. So könnte man vielleicht unbekannte Keime entdecken. Und tatsächlich: In den Proben zeigte sich ein völlig neues Virus-Genom, ähnlich dem japanischen Akabane-Virus. »Als ich das sah, war ich ziemlich elektrisiert«, sagt Beer. Das Akabane-Virus verursachte in Australien, Japan und Israel schwere Seuchen. Infizierten sich trächtige Tiere, brachten sie oft missgebildete Junge zur Welt.