Um diese Geschichte der Schweizer Bedrängnis zu erzählen, kann man ein paar Jahre zurückgehen. Es war Weihnachten 1996, als der Schriftsteller Thomas Hürlimann nach New York kam und kein freies Hotelzimmer fand. Aber ein Anruf genügte, und der damalige Schweizer Generalkonsul Alfred Defago stellte dem Dichter und seiner Frau das Gästezimmer der diplomatischen Vertretung zur Verfügung.

Defago war in wenig weihnachtlicher Stimmung. Als das Ehepaar Hürlimann eintraf, schleuderte er diesem entgegen: »Es ist eine Katastrophe im Gang. Aber Außenminister Cotti ruft mich seit drei Tagen einfach nicht zurück. Ich muss sofort in die Schweiz fliegen, nach Bern , um denen zu sagen: Aufwachen! Das Haus brennt!«

Was war passiert? Der Jüdische Weltkongress hatte eine Kampagne gegen die Schweiz losgetreten. Die Banken müssten die Gelder von Holocaust-Opfern, die immer noch auf Schweizer Konten lägen, mit Zins zurückgeben. Das Faxgerät des Konsuls quoll über, CNN berichtete in einem fort.

Alfred Defago flog nach Bern, um seinem Chef Beine zu machen. Und der Schweizer Dichter musste den Diplomaten am ersten Weihnachtsfeiertag im Morgenmantel vertreten. Der Generalkonsul der Philippinen stand vor der Tür, um der Schweiz in diesen schwierigen Zeiten seine Solidarität zu bekunden. Der Dichter nahm die Worte angesichts der Notlage dankend entgegen.

Die Sache, die einen so aufgeregten Anfang genommen hatte, endete am 12. August 1998 mit einem Vergleich und einer Zahlung der Schweizer Großbanken von 1,25 Milliarden Dollar an Vertreter von Überlebenden des Holocaust.

Rund 15 Jahre später ist die Schweiz wegen ihrer Vergangenheit wieder in Bedrängnis . Das im September 2011 unterzeichnete und vergangene Woche mit einem Zusatzprotokoll versehene Steuerabkommen mit Deutschland steht auf der Kippe. Die SPD-regierten Länder wollen es zu Fall bringen. Sollte der Staatsvertrag mit Deutschland aber nicht zustande kommen, erlitte die sogenannte Weißgeldstrategie der Eidgenossen einen herben Rückschlag. Sie soll im Wesentlichen dazu dienen, endlich das Image des Tresoristen Europas loszuwerden. Da nützt es auch wenig, dass genau so ein Steuerabkommen von Großbritannien gerade ratifiziert wurde. Deutschland ist der mit Abstand wichtigste Handelspartner der Schweiz. Wenn mit diesem Nachbarn nicht endlich Rechtssicherheit gefunden wird, hilft alles andere wenig.

Schon viel haben die Schweizer getan, um zu den Anständigen zu gehören. Sie haben eines der härtesten Geldwäsche-Gesetze der Welt – jedenfalls ist es strenger als das deutsche. Sie haben das Geld von arabischen Herrschercliquen so schnell blockiert wie kein anderes Land. Sie haben auf Druck der amerikanischen Behörden Kontodaten von US-Kunden ausgeliefert. Auch wurden nirgendwo nach der Finanzkrise so strenge regulatorische Maßnahmen ergriffen wie in der Schweiz. Und doch schaffen es die Eidgenossen nicht, aus den Schlagzeilen zu kommen.

Niemand spricht von den Steueroasen wie dem amerikanischen Delaware , den englischen Kanalinseln oder Singapur . Fast niemand spricht davon, wie sich die EU-Länder Luxemburg und Österreich dem in der Union üblichen automatischen Informationsaustausch verweigern. Nein, alle sprechen von der Schweiz. Zu attraktiv ist das Klischee eines Landes, das seinen Reichtum den Bösen dieser Welt zu verdanken hat. Zu eindrücklich sind die Zahlen. Etwa 2850 Milliarden Franken haben ausländische Anleger zurzeit im Herzen Europas geparkt. Real trägt der Finanzsektor aber nur acht Prozent zum Bruttoinlandsprodukt der Schweiz bei. Und zu verlockend ist offenbar auch die Aussicht, das kleine Land und seinen Finanzplatz zu zermürben.