Stimmt's / Stimmt's? : Bleiben Rasierklingen unter einer Papp-Pyramide länger scharf?

Eine Kolumne von
...fragt Ingo Linzen aus Mainz.

Die meisten Legenden über die wundersame Kraft der Pyramiden gehen zurück auf Antoine Bovis. Der Franzose entdeckte in den dreißiger Jahren in einer Ecke der Grabkammer der Cheopspyramide angeblich eine Art Mülleimer, in dem Leichen von Katzen und anderen Tieren unverwest den Lauf der Zeit überstanden hatten. Seither glauben viele Menschen, dass sich unter einer Pyramide Fleisch besonders lange hält.

Die Sache mit den Rasierklingen geht auf den tschechischen Erfinder Karel Drbal zurück, der 1949 ein entsprechendes Patent einreichte, das tatsächlich nach ein paar Jahren anerkannt wurde. Mit Rasierklingen, die unter einer simplen Papp-Pyramide aufbewahrt würden, könne man sich laut Drbal 111-mal rasieren statt wie gewöhnlich fünfmal.

Patentämter prüfen nicht, ob ein Patent tatsächlich funktioniert. Hält die Pyramide wirklich länger scharf? Um das zu testen, verlässt man sich am besten nicht auf Männer, die behaupten, dass sich eine Rasur glatt anfühlt. Man untersucht die Klingen mikroskopisch – und dabei konnten weder parapsychologische Forscher 1972 noch die Mitarbeiter der Fernsehsendung MythBusters 2005 einen Schärfungseffekt finden.

Für weitere Artikel zur Serie "Stimmt's?" klicken Sie auf dieses Bild © Jeff J. Mitchell/Getty Images

So schön es klingt: Der Pyramideneffekt ist reine Fantasie. Selbst die Geschichte von Herrn Bovis ist falsch, das fand vor ein paar Jahren der Wissenschaftsautor Daniel Loxton heraus. In seinen Aufzeichnungen gibt der Franzose zu, nie selbst bei den großen Pyramiden gewesen zu sein.

Die Adressen für "Stimmt’s"-Fragen: DIE ZEIT, Stimmt’s?, 20079 Hamburg oderstimmts@zeit.de. Das "Stimmt’s?"-Archiv:www.zeit.de/stimmts

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Verwesungsprozess

"Die meisten Legenden über die wundersame Kraft der Pyramiden gehen zurück auf Antoine Bovis. Der Franzose entdeckte in den dreißiger Jahren in einer Ecke der Grabkammer der Cheopspyramide angeblich eine Art Mülleimer, in dem Leichen von Katzen und anderen Tieren unverwest den Lauf der Zeit überstanden hatten. Seither glauben viele Menschen, dass sich unter einer Pyramide Fleisch besonders lange hält."

War es nicht so, dass man in Studien festgestellt hat, dass in einer bestimmten Stelle einer Pyramide das Fleisch langsamer verweste als an anderen Stellen? Es kam auf den Ort in der Pyramide an und angeblich lagen die Mumien immer an der gleichen Stelle einer Pyramide. Versuche, dies in Pyramidenmodellen kleineren Ausmaßes nachzustellen kamen zu den gleichen Ergebnissen. An einer bestimmten Stelle verweste Fleisch dort langsamer als an anderen Stellen.

Ihr Beitrag illustriert, warum es so schwierig ist, reine

Behauptungen wissenschaftlich zu widerlegen.

Nichts von dem, was Sie schreiben, ist in irgend einer Weise quantifizierbar. Was bitte bedeutet "langsamer verwesen". Der Verwesungsprozess und dessen zeitliche Dauer sind von derartig vielen äußeren Faktoren abhängig, dass es richtig schwierig wird, den Einfluss eines weiteren Faktors - etwa die Vermutung, der Verwesungsprozess fände in einer pyramidenförmigen Struktur statt - auch noch zu berücksichtigen.

Um das ganze noch unlösbarer (und damit natürlich damit für naive Gemüter interessanter) zu machen, wird dann noch der Ablauf des Verwesungsprozesses an einer bestimmten Stelle innerhalb der pyramidenförmigen Struktur ins Spiel gebracht.

Am Ende bringen Sie dann noch "Untersuchungen" ins Spiel, die dies alles "bewiesen" hätten. Ohne natürlich eine Quelle zu nennen, bei der man das nachlesen könnte.

Dass Sie das nicht tun, ist wiederum kein Wunder. Eine solche Quelle wird es nämlich einfach nicht geben, da es aus den geschilderten Gründen nicht zu erwarten ist, dass es derartige Studien überhaupt geben könnte.

Dabei ist der Fundus für Untersuchungen bezüglich des Verwesungsprozesses wirklich gigantisch, weil er aus kriminalistischer Sicht bezüglich der Feststellung von Todeszeitpunkten nicht so ganz uninteressant ist.

Leider werden aber die meisten Menschen nicht innerhalb pyramidenförmiger Gebilde ermordet, so dass dieser Aspekt in den meisten Studien keine Rolle spielt.

Täte er das, käme nichts dabei heraus.

Mythbusters als wissenschaftlicher Beweis?

Nun, wenn es sich bei den "paraspsychologischen " Forschern um eine gewisse "Skeptikerorganisation" handeln sollte, ist deren "Forschung" wohl noch unter dem der Mythbusters zu verorten.

Wenn wir also schon fair sein wollen, dann zeigen wir doch einmal den Gegenbeweis:

http://www.youtube.com/wa...

Das war eine Dokumentation von 1986, welche meines Wissens im ZDF lief. Ab ca 2.15 min werden sowohl die Mumifizierungs- und die Rasierklingenexperimente gezeigt. Übrigens wurden die Rasierklingen wissenschaftlich untersucht.

Tja, wem glauben wir nun? Den abstrusen "Skeptikern" und den Mythbustern oder den Wissenschaftlern im Film?

Und dem Autor empfehle ich in Zukunft doch eine bessere Recherche!

Im Film wird keine Wissenschaft gezeigt.

Nun ja, mit den im Film gezeigten "Experimenten" kann man sich so richtig um seine wissenschaftliche Reputation bringen:

1) Eine Stichprobe mit einer Klinge hat keine statistische Relevanz. Würde man die "Schnittbreite" messen, dann müsste diese variieren, wenn man das Experiment oft wiederholt. Insbesondere die Varianz würde eine Menge über die Relevanz des Versuchs sagen. Nur darüber spricht in dem Film niemand darüber. Hat man das etwa nicht gemacht?

2) Der komische Dr. in dem Film hat perfekte Erklärungen parat. Nur sind es leider nur Thesen. Er müsste zunächst einmal eine Hypothese aufstellen und mit Hilfe dieser Hypothese quantitativ vorhersagen was in der Pyramide passiert. Das müsste sich dann mit dem Experiment decken und zwar mit statistischer Signifikanz. Und zwar quantifizierter innerhalb einer statistischen Signifikanz. Dann könnte evtl. aus der Hypothese eine Theorie werden und man könnte den Erklärungen glauben schenken.

3) Die benutzen zur Ausrichtung der Pyramiden einen Magnetkompass. Aber hoffentlich nicht in einem Stahlbetongebäude. Und umgeben von elektrische Leitungen, Studioequipment und Kameras?

4) Wäre die Cheopspyramide nach dem Magnetpol ausgerichtet, dann wäre es kein Grab für die Ewigkeit. Ein Blick auf eine gängige Seekarte sagt warum. Aber das Magnetfeld spielte doch eine Rolle in den Erklärungen, oder?

Der Film ist ein schönes Beispiel für etwas was der Physiker Richard Feynman Cargo-Cult Wissenschaft genannt hat.