Jonathan Duncan redet langsam. Jede Bewegung, selbst das Spitzen seiner Lippen, scheint ihm schwerzufallen. Wenn er sich mühsam ein paar Schritte vorwärtsschleppt, muss er die Beine weit spreizen, damit die Oberschenkel aneinander vorbeikommen. Als er sich setzt, verschwindet der breite Stuhl vollständig unter seinem ausufernden Körper.

Jonathan (Name geändert) trägt Kleidung der Sondergröße 4XL. Das zeltartige T-Shirt klebt an ihm wie ein Neoprenanzug. Nach Schulschluss geht er am liebsten ins Bett. Eigentlich ist er dauernd müde: Er kann nie lange am Stück schlafen, weil er immer wieder aufwacht und nach Luft japsen muss. Abends setzt er sich stundenlang vor den Fernseher oder spielt an seinem Computer. Dabei verschlingt er süße Oreo-Kekse und trinkt literweise Apfelsaft.

Jonathan lebt mit seiner ebenfalls übergewichtigen Mutter und drei Geschwistern am Rande der amerikanischen Großstadt Atlanta im Südstaat Georgia . Er ist 17 Jahre alt, 1,68 Meter groß und kommt wie 90 weitere Jugendliche mindestens einmal im Monat in das Children’s Healthcare of Atlanta, eine spezielle Tagesklinik für fettleibige Kinder. Alles dort ist riesengroß und superstabil: die hydraulische Liege, die bis zu 500 Kilo stemmt; die Armkrause des Blutdruckmessers, die einen Baumstamm umschlingen könnte; die Waage, die ein Pferd tragen würde; das Toilettenbecken mit seinen Stützpfeilern.

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Jonathan wiegt 165,7 Kilogramm. Das ist ein äußerst besorgniserregendes Gewicht. Geteilt durch Jonathans Körpergröße zum Quadrat, ergibt es einen hochriskanten Wert: einen Body-Mass-Index (BMI) von 58,4. Bereits ab einem Index von 25 gilt man als übergewichtig, ab einem von 30 als fettleibig, was in der Fachsprache adipös heißt. Bei einer Zahl über 40 sollten die Alarmglocken schrillen. Der Wert signalisiert: höchste Gesundheitsgefahr! Zwar errechnen Mediziner den BMI bei jungen Menschen, die wie Jonathan weiter wachsen werden, nach einer noch etwas komplizierteren Formel, aber das fatale Ergebnis bleibt das gleiche.

Ein rundes Drittel aller Amerikaner leidet inzwischen an Adipositas

Im Land von Coca-Cola und McDonald’s gehören fette Menschen zum Straßenbild. Nach der neuesten Statistik des nationalen Center for Disease Control (CDC) leidet inzwischen ein rundes Drittel aller Amerikaner – mehr als 110 Millionen Menschen! – an Fettleibigkeit. Schon jetzt zahlen die Krankenversicherungen für einen adipösen Menschen im Jahr durchschnittlich 1.500 Dollar mehr als für einen Normalgewichtigen. Wegen der Folgen von Fettleibigkeit gehen nach Schätzungen jährlich 40 Millionen Arbeitsstunden verloren. Der Höhepunkt der Adipositas scheint nach Angaben des CDC mittlerweile erreicht, doch es gebe keinen Grund zur Entwarnung. "Wir pendeln uns auf einem erschreckend hohen Niveau ein", sagt Bill Dietz, Adipositas-Experte am CDC.

Amerika hat dem Fett den Kampf angesagt. Landesweit entstehen Einrichtungen wie Jonathans Tagesklinik. Children’s Healthcare ist Teil eines wachsenden nationalen Chors, dessen berühmteste und kräftigste Stimme die Präsidentengattin Michelle Obama ist. Sie hat die Kampagne "Let's Move" ins Leben gerufen und wirbt landauf, landab für gesünderes Essen und mehr Bewegung. Fettleibigkeit, warnt sie, sei nicht nur eines der größten Gesundheitsrisiken Amerikas, sondern zugleich eine gewaltige gesellschaftliche, kulturelle und finanzielle Herausforderung.

Alle Fachleute sind sich einig: Wer diesen Trend umkehren will, muss bei den Kindern und Jugendlichen beginnen. Und zwar sofort! 17 Prozent von ihnen sind bereits fettleibig, dreimal so viele wie noch vor 30 Jahren. Weit mehr noch gelten als übergewichtig, ein Drittel der 17- bis 24-Jährigen ist deshalb untauglich für den Militär- und Polizeidienst. Im Südstaat Georgia, wo die Vorliebe für Barbecue und riesige Portionen groß ist, sind die Zahlen besonders verheerend. Dort ist bereits jedes fünfte Kind adipös. Auf der traurigen Rangliste belegt Georgia Platz zwei hinter Mississippi .