Unesco-Welterbe"Bitte kümmern Sie sich!"

Seit 40 Jahren schützt die Unesco das Welterbe. Mechtild Rössler sieht dabei den Staaten auf die Finger. Ein Gespräch über den Kampf mit Putin, die Niederlage von Dresden und heilige Berge von Merten Worthmann

Die Reisterrassen von Banaue auf den Philippinen sind Welterbe. Jetzt stehen sie auf der Gefahrenliste.

Die Reisterrassen von Banaue auf den Philippinen sind Welterbe. Jetzt stehen sie auf der Gefahrenliste.  |  © Romeo Gacad/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Wir stellen uns Ihren Beruf als Traumjob vor: ständig auf Reisen, um ein Weltkultur- oder Weltnaturerbe zu besichtigen...

Mechtild Rössler: Ja, es ist ein Traumjob. Und wenn man vor Ort eine Neueinschreibung feiert, wird man tatsächlich umringt von stolzen, glücklichen Menschen. Als das Obere Mittelrheintal 2003 seine Welterbe-Urkunde erhielt, schritt ich an der Seite von Kurt Beck durch die Liebfrauenkirche von Oberwesel, als ginge es um eine Hochzeit. Hintendrein ging Roland Koch , Katja Ebstein sang. Aber ehrlich gesagt, diese festlichen Anlässe sind selten. Meist bedeutet es Ärger, wenn wir unterwegs sind.

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ZEIT: Vor 40 Jahren trat die Welterbe-Konvention der Unesco in Kraft. Sie verpflichtet alle Unterzeichner-Nationen zum Schutz anerkannter Stätten. Müssen Sie im Dienste der Unesco den Staaten oft auf die Finger schauen?

Rössler: Ja, wir müssen gelegentlich ins Feld ziehen. Häufig haben wir Erfolg.

ZEIT: Ein Beispiel?

Rössler:Mexiko wollte Ende der neunziger Jahre die größte Salzgewinnungsanlage der Welt ins Naturschutzgebiet El Vizcaino bauen. Die Regierung war sich sicher, dass der Umwelt kein Schaden zugefügt würde. Wir waren mit einem Team von 35 Leuten dort und kamen zu dem Schluss, dass das Projekt die letzte Brutstätte der Grauwale bedrohte. Viereinhalb Monate später zog Mexikos Präsident die Pläne zurück. Auch mit Putin sind wir schon aneinandergeraten. Der wollte den Bau einer Ölpipeline in unmittelbarer Nähe des Baikalsees zulassen. Erst nach unserer Intervention 2006 wurde der Verlauf der Pipeline um 400 Kilometer verlegt und das größte Süßwasserreservoir der Welt vor einer enormen Gefahr bewahrt.

ZEIT: In St. Petersburg ist es Ihnen außerdem gelungen, den Gazprom-Tower vom historischen Zentrum wegzurücken.

Rössler: Ja, der soll jetzt neun Kilometer außerhalb der Innenstadt errichtet werden. St. Petersburg ist praktisch die einzige große osteuropäische Stadt, die sich ihren horizontalen Charakter bewahrt hat. Dort ragen nur die Türmchen der Kirchen aus dem Panorama heraus. Der Gazprom-Tower hätte das zerstört. In Riga etwa, dessen historisches Zentrum ebenfalls zum Welterbe gehört, ist die Silhouette längst nicht mehr so homogen. Vor ein paar Jahren fuhr ich dort vom Flughafen in die City und dachte plötzlich: Huch, wo kommt denn dieses Hochhaus her? Das stand doch beim letzten Mal noch nicht da. Ich habe nachgehakt, der lettische Präsident intervenierte, und das Gebäude wurde immerhin eine Stufe zurückgebaut.

ZEIT: Welche Druckmittel haben Sie?

Rössler: Wir drohen mit der Aberkennung des Welterbe-Status. Viele Staaten empfänden das als ungeheuren Gesichtsverlust. Als die Innenstadt von Wien kurz vor der Aufnahme in die Liste stand, las ich zufällig vom Plan einer neuen Bahnhofsüberbauung mit vier Hochhäusern. Zur Einschreibung 2001 legten wir der Stadt dann eindeutig nahe, die Pläne zu korrigieren. Doch die Arbeiten gingen eiskalt weiter. Schließlich mussten wir den Österreichern 2002 klarmachen, dass Wiens Zentrum den Welterbe-Status auch umgehend wieder verlieren könnte. Als das Bahnhofsprojekt gestoppt wurde, hatten die schon 67 Millionen Euro in den Sand gesetzt. 

ZEIT: Einmal hat aller Druck nicht geholfen: Dem Dresdner Elbtal hat die Unesco 2009 den Welterbe-Status nach dem Streit um die neue Waldschlösschenbrücke aberkannt.

Rössler: Ja. Ich habe damals als Sachverständige vor dem Oberlandesgericht in Bautzen und vor dem Kulturausschuss des Bundestags gesprochen. Ohne Erfolg. Am Ende gab es nur Verlierer.

Leserkommentare
  1. ja mein Traumjob. Kultur erkennen und bewahren..

  2. Städte verändern sich eben. Auch ein Prunkbau von Gazprom ist "Kultur" - und unterscheidet sich von Prunbauten der Zaren zunächst mal durch die Zeit der Entstehung.

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    Es ging in diesem Fall nicht darum, dass kein Prunkbau gebaut werden durfte. Es ging darum, dass das Ding für die einheitliche Stadtsilhouette zu hoch gewesen wäre. Ein „ungebührlicher Solitär“ sozusagen. Wäre der Bau lang statt hoch gewesen, hätte niemand etwas gesagt. Steht doch auch so im Text :)

  3. Es ging in diesem Fall nicht darum, dass kein Prunkbau gebaut werden durfte. Es ging darum, dass das Ding für die einheitliche Stadtsilhouette zu hoch gewesen wäre. Ein „ungebührlicher Solitär“ sozusagen. Wäre der Bau lang statt hoch gewesen, hätte niemand etwas gesagt. Steht doch auch so im Text :)

    Antwort auf "Veränderung zulassen"
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    Es durfte nichts neues eingebracht werden. In Dresden durfte keine Brücke gebaut werden, wo vorher keine war, in Riga kein Hochhaus, wo vorher keins war und wo vorher keine Schiffe gefahren sind, dürfen auch heute keine sein.
    Frau Rössler will aus der Welt ein Museum machen, aber nicht jeder möchte gern in einem Museum leben.

  4. Es durfte nichts neues eingebracht werden. In Dresden durfte keine Brücke gebaut werden, wo vorher keine war, in Riga kein Hochhaus, wo vorher keins war und wo vorher keine Schiffe gefahren sind, dürfen auch heute keine sein.
    Frau Rössler will aus der Welt ein Museum machen, aber nicht jeder möchte gern in einem Museum leben.

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    "Frau Rössler will aus der Welt ein Museum machen, aber nicht jeder möchte gern in einem Museum leben."

    Man sollte sich eben vorher überlegen, was es bedeutet, irgend etwas als Weltkulturerbe anzumelden. Wenn man nicht bereit ist, die Konsequenzen zu tragen, sollte man es gleich lassen. Leider versuchen Einige das Prestige eines solchen Titels einzuheimsen, ohne die Bereitschaft, sich dafür an anderer Stelle einzuschränken.

  5. spätestens hier sollte man über den streng konservierenden Sinn und Unsinn des manchmal etwas aus der Welt zu fallen scheinenden Welterbes nachdenken.

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    Ein einziger “Interessenssumpf” im “rustikalen” Dresden. Wie ein zäher, klebriger Brei. Leider nicht nur im Bereich Kultur.
    Es fehlt Freigeist, Feinsinn und Augenmaß.

  6. Wenn man heute ins Dresdner Elbtal schaut kommen einen die Tränen, welch brutale Verschandelung, ja wir haben alle verloren, unsere Stadt hat verloren, Dresden ein Trauerspiel!

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    Wenn man heute ins Dresdner Elbtal schaut kommen einen die Tränen, welch brutale Verschandelung,
    Unsinn. Was genau soll denn die Verschandelung darstellen? Nur weil da ne Brücke steht (worüber man sich angesichts der vollgestopften anderen Brücken nur freuen kann), ist das Elbtal doch nicht verschandelt.

    Das Elbtal war vor der Brücke da und ist nach der Brücke da. Und sieht kaum anders aus als vorher.

    Witzig ist ja, dass niemand was gegen die Brücke hatte, bis die Unesco auf einmal gemeint hätte, wenn wir ne Brücke bauen, dann nimmt man uns den Erbtitel.

    S***** drauf. Kein Mensch braucht so ein Titel. Jetzt haben wir Elbtal und Brücke, daran ist ja kaum was verkehrt.

    mfg henry

  7. Ein einziger “Interessenssumpf” im “rustikalen” Dresden. Wie ein zäher, klebriger Brei. Leider nicht nur im Bereich Kultur.
    Es fehlt Freigeist, Feinsinn und Augenmaß.

  8. 8. Danke

    Spannendes Interview zu einem spannenden Thema!

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