Nach dem Bout-UrteilHändler des Todes

Der russische Waffenschieber Viktor Bout muss hinter Gitter – Hunderte Kollegen führen seine Arbeit fort.

Es klang nach einer guten Nachricht, es klang nach Gerechtigkeit. Der russische Waffenhändler Viktor Bout, genannt der »Händler des Todes«, muss für 25 Jahre hinter Gitter. Ein New Yorker Richter sprach am vergangenen Donnerstag sein Urteil und beendete den spektakulären Prozess um eine besonders zwielichtige Gestalt des internationalen Waffenhandels.

Doch das New Yorker Urteil enthüllt auch noch etwas anderes: eine abgrundtiefe Heuchelei. Denn gefährliche Waffenhändler wie Bout werden nur hin und wieder hinter Gitter gesetzt – nämlich dann, wenn sie nicht mehr nützlich sind. Bis dahin werden sie von vielen Regierungen auf der Welt benutzt, umsorgt und beschützt.

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Internationale Waffengeschäfte spannen heute einen weiten Bogen von den formellen Geschäften, die direkt zwischen zwei Regierungen abgewickelt werden, über die grauen Märkte bis zum Schwarzmarkt. Es wäre leicht, zu sagen: Das formelle Geschäft ist legal und ethisch in Ordnung, und die Grau- und Schwarzmärkte sind es nicht. In der Praxis aber sind die Grenzen ständig im Fluss. Formelle Geschäfte und Schwarzmarktdeals sind eng miteinander verwoben, ja sie bedingen einander sogar.

Andrew Feinstein

Andrew Feinstein ist ein investigativer Journalist und Politikwissenschaftler, der mit südafrikanischem Pass in London lebt. 1994 wurde er nach den ersten demokratischen Wahlen in Südafrika Abgeordneter der Regierungspartei ANC. Aus Protest gegen einen großen Waffendeal legte er 2001 sein Mandat nieder.

Das beginnt damit, dass in Waffengeschäften Bestechung und Korruption an der Tagesordnung sind. Eine sehr gründliche Studie von Transparency International kam vor einiger Zeit zu dem Schluss, dass auf den Waffenhandel 40 Prozent aller krummen Deals im Welthandel entfallen.

Tatsächlich habe ich in meiner jahrelangen Beschäftigung mit dem Thema nur sehr wenige Waffendeals kennengelernt, die nicht auch in irgendeiner Form mit illegalen Vorgängen verbunden waren, häufig abgewickelt durch Mittelsleute, Agenten oder Händler wie Bout.

Der Russe Viktor Bout hat ein Vermögen verdient, indem er »Transport- und Logistikdienste« rings um den Waffenhandel anbot. Das ist ein Euphemismus, wie man ihn in diesen Kreisen gern benutzt. Bout wirkte in Konfliktgebieten in aller Welt im Auftrag von Regierungen, den Vereinten Nationen, großen börsennotierten Konzernen und einer Vielzahl verdeckt arbeitender Institutionen. Er beschaffte Waffen samt Transportflugzeugen aus alten sowjetischen Lagerbeständen.

Zu seinen Kunden zählten aber auch der liberianische Diktator Charles Taylor, die afghanische Nordallianz und später die Taliban, eine Reihe von Akteuren auf dem Balkan, die Regierung von Angola und ebenso deren Erzfeind, die Unita-Rebellenbewegung, und außerdem alle Seiten in dem Konflikt in der Demokratischen Republik Kongo. Mit seinen Geschäften hat er indirekt zum Tod von Hunderttausenden Menschen beigetragen.

Und dann wiederum stand 2003 das amerikanische Militär, kurz nach seiner Invasion in den Irak, vor großen Problemen: Es war schwer, Nachschub nach Bagdad zu bekommen, weil die Flugzeuge unter Beschuss gerieten und Landungen gefährlich waren. Die USA und ihre militärischen Zulieferer wandten sich also an eine Reihe von Luftfrachtunternehmern – und eines der am nachhaltigsten genutzten war Irbis Air, eine Fluggesellschaft im Besitz von Bout.

Allein zwischen 2003 und 2004 flog Irbis Air den Aufzeichnungen der Flughäfen zufolge etwa 90-mal Bagdad an und außerdem andere irakische Flughäfen, man transportierte dabei alles Mögliche von Stiefeln bis zu Munition. Zu den Kunden gehörten das United States Air Mobility Command und eine Reihe großer angesehener Firmen, darunter KBR.

Leserkommentare
  1. "Mit seinen Geschäften hat er indirekt zum Tod von Hunderttausenden Menschen beigetragen."
    Lieber Herr Feinstein, das finde ich ein bisschen kurzsichtig. Ohne die Erwähnung der Kriegstreiber, Hersteller und... empfinde ich das Statement eher "Sündenbock gefunden" like. Gruß

    2 Leserempfehlungen
  2. Finde ich wirklich schön, dass Ihr Andrew Feinstein veröffentlicht. Sein Buch "Waffenhandel" kann ich nur empfehlen - insbesondere meinem Vorkommentator - darin wird die gesamte Kette mit Erwähnung der Kriegstreiber, Hersteller etc. sehr gut beleuchtet. Ich denke auch, dass sie hier nur deswegen nicht erwähnt werden, da der Text Rahmenbedingungen wie Maximalgröße erfüllen soll.

    2 Leserempfehlungen
  3. "Bout wirkte in Konfliktgebieten in aller Welt im Auftrag von Regierungen, den Vereinten Nationen, großen börsennotierten Konzernen und einer Vielzahl verdeckt arbeitender Institutionen."
    "Zu seinen Kunden zählten aber auch der liberianische Diktator Charles Taylor, die afghanische Nordallianz und später die Taliban, eine Reihe von Akteuren auf dem Balkan, die Regierung von Angola und ebenso deren Erzfeind, die Unita-Rebellenbewegung, und außerdem alle Seiten in dem Konflikt in der Demokratischen Republik Kongo."

    da sieht Mann sehr gut woher die Bergterroristen ihre AK`s und Raketenwerfer herbekommen. Es geht doch im endefekt nur um Profit. Es war schon immer so, krieg bedeutet Profit für die die ihn anzetteln. Heutzutage sucht man sich halt immer Sündenbücke für die Öffentlichkeit. "nur wer die Zeitung richtig herum liest erfährt die wahrheit"lautet ein altes türkisches sprichwort

    3 Leserempfehlungen
  4. einen gut recherchierten und knackig geschriebenen Artikel. Vielen Dank! Liebe Zeit-Redaktion: Das ist Journalismus...

  5. Das gilt besonders für die USA und Ihre Lobbyisten

    • iriahi
    • 13.04.2012 um 9:57 Uhr

    Auch ich freue mich, mal wieder einen sehr guten Artikel auf Zeit-Online zu lesen. Vielen Dank dafür. Habe mich wirklich sehr gefreut, dass Sie uns einen Experten wie Feinstein präsentieren können. Ich kann wie User Nullouvert Feinsteins Buch "The Shadow World - Inside the Global Arms Trade" sehr empfehlen. Gibt es recht preiswert und komfortabel auch als Hörbuch.

    • deDude
    • 13.04.2012 um 10:40 Uhr

    ... werden sich immer die Aasgeier, die vom Leid anderer leben, niederlassen. Das scheint in der Natur des Menschen zu liegen.

    Nicht umsonst (im wahrsten Sinne des Wortes) mischt z.B. auch die Deutsche Bank erwiesenermaßen bei der Produktionsfinanzierung auf dem Waffenmarkt mit.

    Ein Spiel mit gezinkten Karten...

  6. "Doch der Wille, all dies zu tun, wird nur entstehen, wenn der politische Druck der Bürger und Steuerzahler weltweit zunimmt."
    Was soll den der Bürger und Steuerzahler machen? Links wählen? Piraten wählen? Steueranteile verweigern mit dem Verweis auf illegale Geschäfte?
    Verzeiht meine Naivität, aber ich weiß es wirklich nicht.
    Ansonsten ist das ein sehr guter Artikel. Sowas sollte in der Printausgabe mal auf Seite 1 oder so
    Beste Grüße

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