BahrainRot für Bahrain

Formel 1 in einem Folterstaat, Eishockey bei einem Diktator? Warum der Sport niemals einfach nur Sport ist von 

Michael Schumacher mit Bahrains Kronprinz Salman bin Hamad al-Khalifa (November 2011)

Michael Schumacher mit Bahrains Kronprinz Salman bin Hamad al-Khalifa (November 2011)  |  © Hamad I Mohammed / Reuters

Formel 1 ist was für Männer, die gern schnelle Runden auf dem Asphalt drehen, und für Frauen, die ihnen dabei zuschauen oder in der Box auf die euphorisierten Piloten warten. Formel 1, das ist eine ziemlich anachronistische Veranstaltung, getragen wie sie ist von rasender Geschwindigkeit, brüllendem Motorenlärm und die Gefahr suchenden Männern. Überflüssig, könnte man meinen. Aber Millionen hängen diesem Sport an, Millionen werden mit ihm gemacht. Wer ein Rennen veranstaltet, erhofft sich davon Prestige. Darum rasen die Boliden durch die Straßen des kitschigen Fürstentums Monaco, durch die pulsierende Metropole Shanghai , und am kommenden Sonntag sollen sie im winzigen Golfemirat Bahrain wieder um die Wette fahren . Wieder, weil das Rennen letztes Jahr abgesagt wurde. Politische Unruhen, Gewalt in den Straßen. Scheich Isa bin Salman al-Chalifa wollte nichts riskieren. Doch jetzt fühlt der Scheich sich sicher genug. Der Formel-1-Zirkus ist in Bahrain hochwillkommen. Der Scheich hat sein kleines Reich befriedet, mit amerikanischen Panzern, Knüppeln, Folter. Die Berichte von Menschenrechtsorganisationen über die Repression in Bahrain sind Berichte des Schreckens.

Auf den Straßen wird gefahren – in den Häusern wird gefoltert

Darf in einem Land wie diesem ein Formel-1-Rennen stattfinden ? Müssen diese Autos wirklich an Häusern vorbeifahren, in denen nach Angaben von Oppositionellen Menschen gefoltert wurden? Müssen Hunderttausende Fernsehzuschauer dem zusehen? Könnte man nicht einfach mal verzichten, aus Protest, aus Solidarität mit den Gefolterten? Diese Frage kann man auch an Mercedes oder Red Bull stellen. 

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Der Präsident der FIA , Jean Todt , gab eine abschlägige Antwort und begründete sie mit den Worten: »Wir sind eine Sportorganisation. Wir interessieren uns nur für Sport!« Das freilich ist eine billige Ausrede, und es ist naiv. Denn Todt mag sich als Sportfunktionär nicht für Politik interessieren, doch die Politik interessiert sich für den Sport. Besonders repressive Regime lieben es, sich in dem doch so unverdächtigen, grellen Licht des Sports zu sonnen. Wo Sportler nach klaren Regeln ihre Kräfte messen, da wird es doch mit rechten Dingen zugehen. Oder wollte man sich vorstellen, dass einem Mann in einem Foltergefängnis die Knochen gebrochen werden, während wenige Meter entfernt Sebastian Vettel siegreich über die Ziellinie rast? Oder dass eine Frau in einem bahrainischen Kellergefängnis vergewaltigt wird, während man vor dem Fernseher sitzt und über den Nationalhelden Michael Schumacher debattiert: »Der Michael, nein, der Michael hätte auf sein Comeback doch lieber verzichten sollen!«? 

Diktaturen lieben den Sport. Die argentinische Junta war außer sich vor Freude, als sie die Fußballweltmeisterschaften 1978 austrug, Chinas KP benutzte die Olympiade 2008 zur weltweiten Selbstdarstellung, der weißrussische Diktator Alexander Lukaschenko freut sich wie ein Eiskönig, weil in seinem Land 2014 die Eishockey-Weltmeisterschaft stattfindet, und der Scheich aus Bahrain, ja, der Scheich wird Jean Todt gesagt haben: »Recht haben Sie! Sport ist Sport, und Sport muss Sport bleiben!«

Was wäre die richtige Antwort? Soll man überhaupt keine Sportveranstaltungen in Diktaturen abhalten ? Wie immer in Fragen der Moral kann die Antwort nur konkret sein, von Fall zu Fall ist zu entscheiden. Im Falle Bahrains sollte die FIA verzichten – der Grund dafür ist ein moralischer, aber er ist auch ein politischer.

Leserkommentare
  1. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Polemik. Danke, die Redaktion/kvk

    7 Leserempfehlungen
  2. ...(gerade nach dem letzten spannenden Rennen).

    Aber wie war das mit der Moral und dem Geld und dem Brot und den Spielen?

    Eine Leserempfehlung
  3. ... warum haben Sie diesen Text nicht schon im Zusammenhang mit dem voruigen Grand Prix entsprechend angepasst lanciert?

    2 Leserempfehlungen
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    • joG
    • 20. April 2012 11:17 Uhr

    ....ist das kein Grund den Missstand wieder auf den Tisch zu bringen. Ob aber die F-1 schlimmer ist als der Verkauf an Diktatoren, ist für mich fraglich. Mit dem Handel unterstützt man den Diktator und sein Tun. Das ist ganz einfach und unbestreitbar. Die Osteuropäer waren länger unterjocht, weil Deutschland Energie in Russland einkaufte, mit dem sich die Nomenklatura an der Macht hielt. Das ist halt so. Die Olympiade wurde in China abgehalten und manch Eine trägt einen Blutdiamanten, weil der Freund sich ein paar Euros sparen wollte. Warum also kein F-1 dort, wohin man BMWs verkauft?

  4. gesicherte Information, daß in S audi Arabien Gefangenen
    die Knochen gebrochen werden ?

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    "Ein Gericht in Riad hat sechs Männer wegen "Wegelagerei" zur Amputation ihrer rechten Hand und ihres linken Fußes verurteilt." Amnesty International.
    Das sind die Leute denen wir 200 Panzer liefern. Aber über die Iraner regen wir uns auf. Und das soll nicht pure Heuchelei sein?
    Btw, 15 der 16 Leute vom 9/11 waren Saudis - und wen greifen "wir" an?

    Das F1 Rennen ist in Bahrain, und ja, es ist gesichert, dass dort brutal gefoltert wird. Ich lebe nur eine Stunde von Bahrain entfern und meine firma hat eine Niederlassung mit mehreren 100 Mitarbeitern in Bahrain. Es wird nur wenig, von dem was dort sein vielen Jahren geschieht, in Deutschland berichtet.

    • Spez
    • 20. April 2012 10:37 Uhr

    Kurz, knapp und präzise. Danke dafür!

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    • PigDog
    • 20. April 2012 12:39 Uhr

    ...wenn er mit den Worten enden würde:

    "und daher wird die Zeit nicht über den GP in Bahrein berichten!"

    Aber damit würde ja möglicherweise der eine oder andere Werbekunde vergrätzt werden...

  5. ist ein Formel 1 Rennen die beste Gelegenheit der Regimegegner zu demonstrieren: Wenn alle Welt nach Bahrein schaut, es nur so von Journalisten im Lande wimmelt, können Demonstrationen nicht so leicht niedergeschlagen werden. Öffnung in diesem Sinne hilft (weswegen Syrien z. B. sich nicht öffnen will).

    5 Leserempfehlungen
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    >> Pragmatisch gesehen ist ein Formel 1 Rennen die beste Gelegenheit der Regimegegner zu demonstrieren: Wenn alle Welt nach Bahrein schaut, es nur so von Journalisten im Lande wimmelt, können Demonstrationen nicht so leicht niedergeschlagen werden. <<

    Sie sind gerade dabei, sich Ihre Selbstrechtfertigung zu basteln, um sich das Rennen ohne moralisches Zwicken anschauen zu können?

    Ihre Darstellung trifft aus meiner Sicht nicht zu. "Alle" Welt schaut nicht auf Bahrein, sondern nur auf die Rennstrecke, und die anwesenden Journalisten sind nicht vom Politikressort, sondern als Sportjournalisten Teil des Kommerzzirkus. Die interessiert das kein bißchen, was außerhalb des Rennens passiert. Pflichtgemäß wird man eventuell ein pseudokritisches Sätzchen fallen lassen, und dann geht der Spaß los.

    Und unerwünschte Kontakte mit Protest, Gewalt und Unterdrückung wird das Regime zu verhindern wissen, das hat es auch schon im Vorfeld deutlich gemacht.

    Viel Spaß dann beim Gucken.

    • pestei
    • 20. April 2012 10:40 Uhr

    [...]
    Die Sportler sind Teil einer Verbandsmaschine und sie haben die Austragungsorte nicht zu verantworten. Die Sportler können nicht das in Ordnung bringen, was die Politik verbricht. Und was Bahrain speziell betrifft, so gibt es weder UNO-Sanktionen oder dergleichen. Bahrain ist US-Marinestützpunkt. Warum hauen Sie nicht in diese Kerbe? Aber dafür fehlen Ihne die Cojones. Unglaublich, diese doppelte moralische Überheblichkeit.
    Schreiberling.

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf eine angemessene Wortwahl. Danke, die Redaktion/au.

    21 Leserempfehlungen
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    Deshalb wendet er sich auch nicht an Schumi sondern spricht von der FIA. Die FIA könnte es sich durchaus erlauben das Rennen ab zu sagen,aber entscheidet sich bewußt dagegen.

    Das wird kritisiert und aus meiner Sicht auch nicht zu Unrecht. Wie ekelhaft ist es den bitte sich von einem Scheich den Pokal überreichen zu lassen der seine eigene Bevölkerung umbringt. Und das seit Monaten.

    Ausserdem ist es nicht selbstgefällig wenn der Autor die Durchführung kritisiert. Wäre ihm mit einer Absage geholfen?
    Nein, aber es würde die Willkür der internationalen Friedensbemühungen im Nahen Osten zeigen. Dort passiert das Gleiche wie in den anderen Ländern der Region. Nur hier wird ein Mantel des Schweigens drüber gelegt, weil unsere Saudischen "Freunde" involviert sind.

    Keiner der Fahrer macht den Mund auf was meine Meinung über Formel 1 Fahrer mal wieder bestätigt. Hauptsache mit 17 in die Schweiz ziehen und 1 mal im Jahr ein Fussballspiel für krebskranke Kinder. Bravo!!

    Die Formel 1 ist durchzogen von Korrupten Funktionären, Nazis(Ecclestone) und Blendern.

    Aber gut was will man auch erwarten. Die Interviews zeigen ja regelmäßig wie beschränkt die Fahrer zum großen Teil sind. Zwischen den ganzen Affären mit Busenwundern,Champagnerparties und Training bleibt ja auch nicht mehr viel Zeit um seine priviligierte Position für Gutes zu nutzen. Ich bewundere Sportler wie Ali oder Drogba die auch ausserhalb des Sports Sachen bewegt haben. Schumi wird nie dazu gehörn

    auf einen vergleichbaren Artikel.
    Denn dort findet das Rennen in den USA statt.

    Der größte Kriegstreiber der Welt, mit einem Rüstungsetat, der alle anderen Länder der Welt zusammengenommen übertrifft.

    Und - nicht zu vergessen - ein Land, in dem bekannte Folterknechte amnestiert werden, bzw. erst gar nicht verfolgt werden.

    Insofern empfinde ich den aktuellen Artikel in der ZEIT, als einen Gipfel der Bigotterie!

  6. 8. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Die Redaktion/ds

    Eine Leserempfehlung

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