Im Jahr 2014 wird die Nato fast alle ihre Truppen aus Afghanistan abziehen. Amerikanische Soldaten werden im Land bleiben, wie viele und mit welcher Aufgabe, das ist derzeit Gegenstand von Verhandlungen mit der Regierung. Trotzdem, 2014 beginnt für Afghanistan das postamerikanische, das Post-Nato-Zeitalter. Das wirft die Frage auf: Wer kommt nach Afghanistan, wenn der Westen nicht mehr da ist?

Viele Afghanen würden sich vermutlich nach den jahrzehntelangen Erfahrungen, die sie mit ausländischen Interventionen gemacht haben, wünschen, dass niemand mehr ihr Land als Entwicklungsbrache begreift. Der Wunsch hat kaum Aussicht auf Erfüllung. Afghanistans geostrategische Lage spricht dagegen. Dieses unglückliche Land liegt inmitten eines gefährlichen Kraftfeldes, und allein kann es sich gegen fremden Einfluss nicht wehren; dazu ist es zu schwach.

Da ist zum einen die Todfeindschaft zwischen Indien und Pakistan. Sie wird auf dem Rücken Afghanistans ausgetragen. Die Pakistaner betrachten Afghanistan als ihren Hinterhof. Die Inder machen ihnen diesen streitig: Unter dem Schutz der Nato hat Indien seit 2001 sein Engagement in Afghanistan erheblich intensiviert. Im Oktober 2011 unterzeichnete Indien mit der Regierung von Hamid Karsai ein »Abkommen über strategische Partnerschaft«. Der Schwerpunkt dieses Abkommens liegt auf wirtschaftlicher Zusammenarbeit, doch gibt es auch militärische Komponenten. Afghanische Sicherheitskräfte können von Indern ausgebildet werden. Auch Waffenexporte sind möglich.

Konkurrenzkampf zwischen Indien und Pakistan wird zunehmen

In Delhi ist man bemüht, die Bedeutung des Abkommens herunterzuspielen, doch der Pakt ist ein integraler Teil indischer Afghanistanpolitik. Und die heißt: Wir wollen hier an Gewicht gewinnen. Die Steel Authority of India hat einen Vertrag mit Kabul über die Ausbeutung einer Eisenerzmine westlich von Kabul abgeschlossen. Man rechnet mit elf Milliarden Dollar Investitionen über dreißig Jahre. Gleichzeitig haben die Inder eine über 200 Kilometer lange Straße gebaut, die Afghanistan mit dem Iran verbindet. Das Ziel ist, für Afghanistan den Weg zu einem iranischen Hafen zu öffnen. Damit wäre die bisherige komplette Abhängigkeit Afghanistans von pakistanischen Häfen gebrochen.

Der Konkurrenzkampf zwischen Indien und Pakistan dürfte sich nach 2014 verschärfen. Schließlich hat die pakistanische Armee erheblichen Einfluss in Afghanistan. Je stärker sich Indien engagiert, desto mehr wird Pakistan die Taliban unterstützen, die ja Pakistans Schöpfung sind. Dies wiederum wird den Iran auf den Plan rufen. Denn die schiitischen Iraner sind traditionelle Gegner der sunnitischen Taliban. Eine Konstellation, die nichts Gutes verheißt.

China fürchtet Islamismus und will Geld verdienen

Und noch ein Akteur ist in den vergangenen Jahren am Hindukusch hinzugekommen: China. Für Peking ist Afghanistan ein wichtiger Teil des zentralasiatischen Tableaus. Wie wichtig, ist am Handelsvolumen zu ermessen. 2002 lag es bei 527 Millionen Dollar. 2009 war es auf knapp 26 Milliarden Dollar gestiegen. Gas, Öl, Handel, Islamisten, mit diesen Begriffen lassen sich die Interessen Chinas beschreiben. Peking fürchtet den Islamismus, besonders mit Blick auf die eigene unruhige und mehrheitlich von Muslimen bewohnte Provinz Xinjang. Wenn in Afghanistan radikale Islamisten in die Vorhand geraten, wird dies in Peking als direkte Bedrohung empfunden.

Bisher konnte China in Afghanistan unter dem Militärschirm der Nato in aller Ruhe seinen Geschäften nachgehen. Nach 2014 ist es damit vorbei. Dann muss China seine Investitionen selbst schützen. Es wird sich inmitten eines Getümmels wiederfinden, in dem sich in jahrzehntelanger Feindschaft abgehärtete Gegner gegenüberstehen. Pakistan, Indien, China, der Iran – sie werden die Player im neuen Afghanistan sein.