Er windet sich wie eine Schlange", sagt die junge blonde Frau im schwarzen Anzug, die im Flur des Osloer Gerichtsgebäudes steht. Sie ist braun gebrannt, sieht gesund aus und ist eine von zwei Staatsanwälten, die gerade mit der Befragung von Anders Behring Breivik begonnen haben. "Er ist ein Manipulator", räumt Inga Bejer Engh ein, als ich sie direkt anspreche.

"Aber warum reden Sie mit ihm wie mit einem Kind?", will ich wissen.

"Warten Sie es ab", sagt sie, während sie sich abwendet, "ich habe einen Plan."

Einer der Opferanwälte, dem ich in dem geschäftigen Korridor begegne, bestätigt: "Sie ist tough, sie weiß, was sie tut. Wissen Sie, zunächst einmal geht es darum, ihn zum Sprechen zu bringen, dafür zu sorgen, dass er sich wohlfühlt, dann wird sie ihn schon festnageln. Ihre Fragen sind gut durchdacht, auch wenn Sie das jetzt nicht erkennen können."

Vielleicht liegt es an der Abscheulichkeit seines Verbrechens, dass die Befragung so harmlos wirkt. Enghs Gesicht ist so freundlich, ihre Stimme so sanft, ihr Tonfall so leicht, mit ansteigender Stimme, als befragte sie ein Kind.

Die vergangenen Tage in Oslo waren auf eine merkwürdige Art eine Demonstration des Lebens, vor allem, was das Wetter betraf: kalt, frisch, mit strahlendem Sonnenschein am Montagmorgen, der in einen leichten Schneesturm am Dienstag überging. Launige Apriltage, die den Winter fortfegten, ihn einfach schmelzen ließen. Doch die Schönheit der Natur blieb draußen, als wir Gerichtssaal 250, den dunkelsten Raum in ganz Oslo, betraten. Zum Prozessauftakt hörten wir von jugendlichen Opfern, von Kindern, die mit dem Gewehr gejagt und erschossen worden waren, mit ein, zwei, mit bis zu sechs Schüssen, meist in den Kopf, in den Hinterkopf. Sie hatten versucht zu fliehen. Wir hörten von Überlebenden, von denen, die Glück hatten, von klinischen Befunden wie der Amputation von Beinen und Armen, von Erblindungen, von Mädchen, denen mit Dum-Dum-Patronen in die Brust geschossen worden war, die aber überlebt haben.

In einigen Stuhlreihen zittern die Zuschauer stärker als in anderen, als die kalten Fakten verlesen werden. Es sind die Reihen derjenigen mit besonderen Umhängeausweisen, der Opfer oder vielmehr der Überlebenden , wie sie genannt werden wollen, und der Eltern, die zum ersten Mal den Mann sehen, der ihnen ihre Kinder genommen hat.

Am zweiten Prozesstag erhält Breivik das Wort. Und er nutzt seine Redezeit. Er redet lange. Über eine Stunde lang darf er seinen Text verlesen, in dem er erklärt, warum er die Jugendlichen der Arbeiterpartei töten und den Sprengsatz im Osloer Stadtzentrum zünden musste. Weil die Regierung den Multikulturalismus fördert, eine Ideologie, die den Untergang des norwegisches Volkes bedeutet, musste er seine grausige Tat begehen; um sein Land und das Volk, das er die norwegischen Ureinwohner nennt, die Arier mit den blauen Augen, zu retten.

Als er sich nicht an die Redezeit hält, die man ihm zum Verlesen seines wohlvorbereiteten Manuskripts gewährt hat, unterbricht er Richterin Wenche Arntzen mit den Worten: "Wenn Sie mich nicht weiterlesen lassen, sage ich überhaupt nichts." Bei jedem weiteren Versuch, ihn mit einem "Kommen Sie zum Schluss" zu stoppen, antwortet er "Noch drei Seiten", "Noch eine Seite" und schließlich "Die letzte Seite". Wie ein Teenager, der seiner Mutter noch eine Stunde abringt, und noch eine, und der, wenn sie ihn drängt, sagt, ansonsten komme er überhaupt nicht nach Hause.