Für den Buchmarkt gilt, wie für andere Märkte, eine Regel: Wer Produkt, Preis und Vertrieb kontrolliert, lebt bequem. Er hat die Macht, und deutsche Buchverleger kamen mit ihrem Zugang zu Autoren und dem seit 124 Jahren geltenden Recht, die Preise für ihre Bücher festzusetzen, diesem idealen Zustand recht nahe. Doch mit dem Siegeszug von Amazon und E-Books gerät diese Welt ins Wanken.

Digitale Lesegeräte sind gewissermaßen Papier, Druckerpresse und Vertrieb in einem. Wer die Technik beherrscht, wird zu einem bestimmenden Akteur im Buchmarkt. Besonders drastisch lässt sich das derzeit in Amerika verfolgen. Dort befinden sich die Verleger in einer gefährlichen Abhängigkeit: Populär sind vor allem der Kindle von Amazon, das iPad von Apple und dazu noch das hierzulande unbekannte Nook vom Buchhändler Barnes & Noble. Wer ein E-Book vertreiben will, kommt an diesen drei nicht vorbei, aber entscheidend sind letztlich nur Amazon und Apple.

Amazon versuchte zunächst, sich und das Lesegerät Kindle über Dumpingpreise am Markt durchzusetzen, und im Jahr 2010 kontrollierte die Firma 90 Prozent eines noch kleinen elektronischen Buchmarkts. Doch dann entwickelte Apple das iPad – und bot den Verlagen bessere Konditionen an. Fünf Verlage schlugen ein, unter ihnen Macmillan, der zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck gehört (die Gruppe hält ihrerseits 50 Prozent an der ZEIT). Infolge der Apple-Verträge wurden E-Books insgesamt teurer, weil auch Amazon seine Preise erhöhen musste, aus Angst, sein elektronisches Buchsortiment an Apple zu verlieren.

Doch nun hat das US-Kartellamt eine Klage wegen angeblicher Preisabsprache gegen Apple und die Verlage erhoben. Millionen Dollar zu viel hätten Kunden für E-Books in den vergangenen zwei Jahren bezahlt, so Justizminister Eric Holder, und so wird Amazons einziger ernsthafter Konkurrent gerügt. Prompt kündigte der Internethändler an, E-Books künftig wieder zu Kampfpreisen anzubieten.

Der Konzern will also wieder elektronische Bücher billiger verkaufen, als er sie von den Verlagen einkauft, und die Verlage fürchten zu Recht, dass Amazon diese Strategie nur so lange fortführt, bis seine Marktmacht so groß ist, dass der Internethändler den Verlagen seine Bedingungen diktieren kann.

Ähnliches droht in Europa, nur sind die Mechanismen andere. Auch hier hat es angeblich Absprachen zwischen Apple und vier Großverlagen gegeben: Schon im Dezember leitete die EU-Kommission eine Kartellrechtsklage ein – und unterstützt damit indirekt Amazons Vorherrschaft.

Und selbst in Deutschland wächst, trotz Buchpreisbindung, die Preissetzungsmacht des Internethändlers. Genaue Zahlen sind nicht bekannt, aber die Branche geht davon aus, dass Amazon inzwischen jedes vierte Buch verkauft. Es ist daher nur eine Frage der Zeit, bis der Konzern anfangen wird, mit der Branche über neue Preisstrukturen für elektronische Bücher zu verhandeln. Einziger ernsthafter Ausweg auch hierzulande bisher: Apple.

So liegt der Schlüssel zur Zukunft der Buchbranche derzeit in den Händen zweier amerikanischer Hightechkonzerne. Nur kämpfen sie eben eine ganz andere Schlacht als die Buchverleger: Für Apple und Amazon geht es um die Vorherrschaft als digitaler Dienstleister. In diesem Kampf sind elektronische Bücher nur ein Schauplatz von vielen – während es für Verlage und Autoren eben um die Existenzgrundlage geht.

An ihrer Lage sind die Verleger, auch das gehört zur Wahrheit, nicht unschuldig. Lange haben sie den Markt des elektronischen Lesens Apple und Amazon überlassen. Statt Initiative zu zeigen, schieben sich die großen Handelsketten und Verlage nun gegenseitig die Verantwortung zu.

Noch schützt die Buchpreisbindung hierzulande alle Beteiligten. Doch diese passt nicht zu den Wettbewerbsidealen der EU, und sollte sie irgendwann kippen, wären auch deutsche Verleger dem Machtspiel zwischen Apple und Amazon ausgeliefert. Niemand mag sich ausmalen, wie es ohne die Buchpreisbindung um die Verlage stünde. Aber sie werden sich mit dieser Frage beschäftigen müssen.