Kamil Aliyev mag klare Antworten. Ein Ja, wenn man Ja meint, ein Nein, wenn man Nein meint. In seiner Heimat Aserbaidschan ist das anders. Niemals, sagt Kamil Aliyev, würde man dort auf die Frage »Mögen Sie einen Tee?« mit Ja antworten. Selbstverständlich lehnt jeder höflich ab. Der Tee aber stehe dann trotzdem auf dem Tisch. Dieses schnörkellose »Ja« – »Nein«, das mag er an Deutschland. Vielleicht weil das in seinem Job auch so ist: Wenn der Informatiker Computerprogramme schreibt, dann sind die Befehle für den PC klar und eindeutig.

Der 25-Jährige lebt seit vier Jahren in Deutschland, für den Mittelstandsbetrieb docuware in Germering bei München erstellt er Programme, die Unternehmen dabei helfen, sämtliche Dokumente elektronisch zu archivieren und zu verwalten. Einen wie ihn zählt die Statistik als »Fachkraft aus EU-Drittstaaten«. Für solche Fachkräfte hat die EU gerade die Zuwanderungsbestimmungen erleichtert und die sogenannte Blue Card eingeführt.

Auch Deutschland fehlen die Fachkräfte – das Institut der deutschen Wirtschaft Köln nennt aktuell 110.000 offene Stellen für Ingenieure, der Branchenverband Bitkom zählt 38.000 offene Stellen für IT-Spezialisten. Für Arbeitgeber soll es jetzt leichter werden, offene Stellen mit gut ausgebildeten Bewerbern aus Osteuropa, Asien und Südamerika zu besetzen. Sie müssen den Fachkräften ein Jahresgehalt von mindestens 44.800 Euro zahlen, Experten aus stark nachgefragten Berufen wie Ingenieure und Informatiker sogar nur 34.900 Euro. Auch die sogenannte Vorrangprüfung fällt jetzt weg: Bisher musste nachgewiesen werden, dass es in Deutschland keinen geeigneten Bewerber gibt, der diese Arbeit machen könnte. Nach drei Jahren erhalten die Fachkräfte dann eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung.

»Bisher waren die Hürden für Zuwanderer so hoch, dass es gerade für den Mittelstand keine Alternative war, im Ausland nach Fachkräften zu suchen«, sagt Oliver Grün, Präsident des Bundesverbands IT-Mittelstand. Auch das bisherige Einstiegsgehalt von 66.000 Euro, das seit einer Gesetzesnovelle von 2009 gezahlt werden musste, sei Oliver Grün zufolge »aberwitzig« gewesen: »Sehr viele Geschäftsführer verdienen gerade mal 70.000 Euro im Jahr.« Der Mittelstand behalf sich mit Outsourcing, beauftragte Fachkräfte im Ausland: »Aber das war nur ein Ausweg, um Projekte überhaupt abwickeln zu können«, sagt Grün.

In Aserbaidschan verdienen Informatiker so gut wie in Deutschland

Auch der IT-Dienstleister docuware – 140 Mitarbeiter, davon 65 in der Zentrale in Germering – ging ins Ausland: Um die Jahrtausendwende gründete die Firma ein Entwicklungszentrum in Bulgarien, »als es eine Katastrophe war, Softwareentwickler zu bekommen«, wie Vorstandsmitglied Jürgen Biffar sagt. Die Uni in Sofia galt damals als Hochburg für Informatik. Biffar befürchtet, dass Deutschland selbst mit der Blue Card für Fachkräfte nicht interessant genug ist: wegen der Sprache. Die meisten Menschen würden nun mal eher Englisch als Deutsch beherrschen: »Fachkräfte, die ins Ausland wollen, gehen in die USA oder nach England.«

Einen ersten Versuch, Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern anzuwerben, gab es bereits im Jahr 2000 – damals führte die Bundesregierung die Green Card ein. Vor allem gut ausgebildete Inder wollte man damit locken. Bis Ende Juni 2003 sollten 20.000 Green Cards ausgegeben werden – 14.566 waren es dann wirklich, und nicht einmal 4.000 davon gingen an Inder. Auch Jürgen Biffar erinnert sich noch gut: »Damals haben wir Hunderte Bewerbungen aus Indien bekommen. Aber die waren alle so schlecht, dass wir niemanden einstellen konnten.« Die Initiative wurde um anderthalb Jahre verlängert, am Ende hatten knapp 18.000 IT-Spezialisten eine Green Card bekommen. Viele von ihnen wurden später arbeitslos, als die Internetblase geplatzt war. Fast alle Green-Card-Inhaber von damals sind wieder zurück in ihre Heimat gegangen.

Die ausländischen Fachkräfte aus Russland, Rumänien oder China, die bisher bei docuware beschäftigt waren, wurden nicht gezielt aus dem Ausland angeworben, sie lebten alle bereits in Deutschland, als sie sich bei dem Mittelständler bewarben.