DIE ZEIT: Sie sind nicht nur Richterin, sondern auch die Leiterin des Stuttgarter Juristenkabaretts . Jura und Kabarett – wie passt das zusammen?

Anette Heiter: Kabarett ist ein Gegengewicht. Ich mache das schon genauso lange, wie ich Jura betreibe, seit den achtziger Jahren. Mit Beginn des ersten Semesters bin ich ins Juristenkabarett eingetreten, es hat mich über viele Durststrecken gebracht. Das Jurastudium ist Aktenstaub von morgens bis abends. Grauenerregend – so habe ich das empfunden und mich immer wieder gefragt, willst du wirklich weitermachen? Ich habe das dann durchgezogen, mithilfe von Kabarett und Musik. Letztere habe ich immer nebenher gemacht und mir dadurch mein Studium finanziert.

ZEIT: Was macht ein Juristenkabarett?

Heiter: Unsere Gruppe wurde in den fünfziger Jahren gegründet, um beim Juristenball aufzutreten, damals ein Tanz-Event mit 3.000 Gästen. Es muss eine bizarre Situation gewesen sein: Diese sehr honorigen Richter, Staats- und Rechtsanwälte, alle im Frack, und plötzlich stellen die sich auf die Bühne und singen Opernarietten mit umgeschriebenen Texten. Das war die Keimzelle des heutigen Juristenkabaretts. Wir sind mit unserem politischen Kabarett aber auch schon beim Juristentag in Hamburg , Berlin und Mannheim aufgetreten und auf Bühnen wie der Kleinen Komödie in Hamburg oder im Stuttgarter Renitenztheater.

ZEIT: Was ist Ihre Rolle dabei?

Heiter: Ich bin entweder der Vamp oder die strenge Richterin oder die schwäbische Hausfrau, die gern Vamp wäre – also die verführerische Person.

ZEIT: Und worum geht es in Ihren Programmen?

Heiter: Immer das Gleiche: Wir thematisieren die Schnittstelle zwischen Juristerei und echtem Leben, indem wir zum Beispiel die Absurdität mancher Prozesse darstellen – etwa die Kündigung einer Krankenhausangestellten wegen des unerlaubten Verzehrs einer Maultasche. Eine Figur, die neuerdings in unseren Programmen auftaucht, ist Kretschmann, der erste grüne Ministerpräsident der Republik. Im Ensemble haben wir jemanden, der ihn eins zu eins parodieren kann, das ist sehr schön. Außerdem kommt immer eine Gerichtsszene vor, in der der Richter eingefleischter Schwabe ist und der Staatsanwalt Hochdeutsch spricht. Diese Welten prallen aufeinander und verstehen sich nicht.

ZEIT: Gibt es Witze, die nur Juristen verstehen?

Heiter: Das ist eine sehr gute Frage. Juristen haben ja eine ganz eigene Sprache. Wir bringen in unserem Programm auch Ausschnitte aus Urteilen, Gesetzestexten, die jeder normal Denkende für lustig hält. Die schöne Vorschrift über das sogenannte Kranzgeld zum Beispiel. Paragraf 1300 BGB lautet: »Hat eine unbescholtene Verlobte ihrem Verlobten die Beiwohnung gestattet, so kann sie, wenn die Voraussetzungen des Paragraf 1298 oder des Paragraf 1299 vorliegen, auch wegen des Schadens, der nicht Vermögensschaden ist, eine billige Entschädigung in Geld verlangen«. Zu meinem großen Bedauern wurde dieser Paragraf 1998 abgeschafft. Man gewöhnt sich in diesem Beruf an eine sprachliche Kompliziertheit, die normal Denkenden nicht mehr zugänglich ist. Daraus entstehen Witze.

ZEIT: Und wer lacht dann am lautesten?

Heiter: Alle Zuschauer lachen, aber aus unterschiedlichen Gründen. Die Juristen unter ihnen sind stolz auf uns, weil sie sagen, die gehören zu uns. Und sie erkennen durch die Überspitzung, dass das, was sie da vor Gericht treiben, bisweilen absonderlich ist. Die Nichtjuristen goutieren in hohem Maße, dass da Juristen sind, die sich über die eigene Zunft lustig machen. Sie sehen, das sind nicht nur die, die uns unseren Führerschein wegnehmen und uns verurteilen, sondern das sind Menschen, die eine kritische und satirische Distanz zu ihrem Tun haben. Dafür braucht man das Juristenkabarett wirklich, weil Humor unter Juristen nicht übertrieben verbreitet ist.

ZEIT: Warum verstehen Juristen denn keinen Spaß?

Heiter: Das hängt damit zusammen, dass wir uns ständig mit einer ernsten Materie beschäftigen. Wenn man den ganzen Tag zum Beispiel über Räumungsklagen oder übel zugerichtete Wohnungen von Mietnomaden nachgedacht hat, ist einem nicht zum Scherzen zumute. Umso wichtiger ist es, dass man das Zwerchfell entspannt und durch Lachen wieder zu etwas mehr Lockerheit kommt.