Darf man seine Kollegen kritisieren?

Wer sich über eine Kollegin oder einen Kollegen ärgert, darf das grundsätzlich auch ansprechen. Kritik unter Gleichgestellten ist kein Tabu, sie ist sogar sehr wichtig. »Konflikte, die nicht angesprochen werden, vergiften das Arbeitsklima, die können ein ganzes Team sprengen«, sagt die Münchner Psychotherapeutin Bärbel Wardetzki.

Was ärgert mich eigentlich so?

Bevor man das Gespräch sucht, sollte man sich fragen: Hat das, was mich an dem anderen ärgert, etwas mit mir zu tun? Stört man sich zum Beispiel daran, dass ein Kollege sehr langsam arbeitet, sollte man sich fragen, was man mit Langsamkeit verbindet, sagt Wardetzki. »Häufig bekommen wir in unserer Kindheit Werte vermittelt, wie: Langsam ist schlecht, schnell ist gut.« Sie rät, erst einmal darüber nachzudenken, warum man sich nicht gestattet, das eigene Tempo mal zu drosseln.

Gibt es Dinge, die man unter Kollegen auf keinen Fall ansprechen sollte?

Grundsätzlich darf alles angesprochen werden, allerdings sollte mit der Kritik niemals der ganze Mensch infrage gestellt werden. Nach dem Motto: »Du bist ein echter Depp«, oder: »Mit dir ist ja gar nichts anzufangen.« Stattdessen sollte sich die Kritik auf ein konkretes Verhalten oder eine bestimmte Situation beziehen und mit Respekt vorgetragen werden.

Wie äußert man Kritik, ohne zu verletzen?

Es gilt, einen geeigneten Augenblick abzupassen: Das Ärgernis sollte noch nicht zu lange zurückliegen, und man sollte zu zweit sein. Das Gespräch am besten mit etwas Positivem beginnen. »Wichtig ist, gewaltfrei zu kommunizieren«, sagt Karriereberaterin Svenja Hofert. »Beschreiben Sie dem Kollegen die eigene Sichtweise, und erklären Sie, welche Gefühle bei Ihnen ausgelöst wurden. Dann bitten Sie den anderen um seine Sicht der Dinge.« Zum Beispiel so: »Die Ideen, die du in das Projekt eingebracht hast, fand ich großartig. Für mein Empfinden hast du dir bei der Umsetzung aber sehr viel Zeit gelassen. Darüber habe ich mich sehr geärgert. Wie siehst du das?« Verbesserungsvorschläge sind erlaubt und konstruktiv.

Und wenn ich selber kritisiert werde?

Kritik zu ertragen fällt vielen schwer. Zuhören ist dabei der erste Schritt. Sind die Vorwürfe berechtigt, gilt es, darüber nachzudenken, wie man es besser machen kann. »Wer arbeitet, macht Fehler«, sagt Dieter Zapf, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie in Frankfurt am Main. »Ein Mensch, der es nicht ertragen kann, dass er mal einen Fehler gemacht hat, muss an sich arbeiten.« Dabei könne es hilfreich sein, sich zu sagen: »Ich bin als Mensch okay, meine Arbeit ist okay, die Kritik bezieht sich nur auf diese eine Sache.«

Was tun, wenn die Kritik nicht ankommt?

Dann muss unter Umständen der Vorgesetzte hinzugezogen werden. »Es gibt Fälle, in denen jemand gar nicht in der Lage ist, etwas an seinem Verhalten zu ändern«, sagt Zapf, »da muss man dann im ganzen Team nach einer Lösung suchen.«