DIE ZEIT: Herr Rohner, reisen Sie noch nach Deutschland?

Urs Rohner: Selbstverständlich.

ZEIT: Sie haben keine Angst, verhaftet und wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung angeklagt zu werden?

Rohner: Nein, sicher nicht. Wir haben im Unternehmen seit vielen Jahren sehr strenge Regeln für das grenzüberschreitende Geschäft. Wenn es einzelne Mitarbeiter gab, die sich nicht an diese Regeln gehalten haben, dann ist das ärgerlich und bedauernswert. Sie und das Unternehmen mussten die Konsequenzen tragen.

ZEIT: Das waren zum Teil kostspielige Konsequenzen.

Rohner: Leider ja.

ZEIT: Verstehen Sie diese Aufregung in Deutschland um den Steuerstreit mit der Schweiz ?

Rohner: Nachdem ich ja einige Jahre in Deutschland gelebt und gesehen habe, wie sich Themen im Vorwahlkampf hochschaukeln , kann ich die Aufregung halbwegs nachvollziehen. Allerdings ist da auch viel Scheinheiligkeit im Spiel. Ich finde es interessant, dass diejenigen, die jetzt am lautesten gegen dieses Abkommen wettern, die Gleichen waren, die 2004 in Deutschland eine Steueramnestie vorschlugen, welche wesentlich tiefere Steuersätze beinhaltete, als es der Staatsvertrag jetzt vorsieht. Wenn man also alle Rhetorik beiseiteschiebt und sich an den Fakten orientiert, ist dieses Abkommen eine sinnvolle Art, eine bestehende Altlast loszuwerden.

ZEIT: Wie kann ein künftiges Geschäftsmodell für den Schweizer Finanzplatz aussehen?

Rohner: Für eine Bank wie die unsrige und wohl für alle Schweizer Banken kann es kein Geschäftsmodell sein, unversteuerte Gelder anzuziehen oder auch nur anzunehmen. Die Banken sollten selbstbewusst genug sein, ihr Geschäft erfolgreich zu betreiben ohne solche Gelder.

ZEIT: Der Staatsvertrag mit Deutschland wird laut meinen Informationen scheitern, aus ideologischen Gründen. Hat die Schweiz dann ein Problem?

Rohner: Ich weiß nicht, ob Ihre Annahme richtig ist. Ich gehe davon aus, dass das Abkommen zustande kommt – wenn auch aus bekannten Gründen mit ein paar Wochen Verzögerung.

ZEIT: Mal angenommen, es scheitert dennoch. Hat die Schweiz dann ein Problem?

Rohner: Ich glaube nicht. Es wäre eher schlecht für Deutschland, weil dann erwartete Steuererträge fehlen. Denn all die anderen Ansätze, die zum Teil ins Spiel gebracht werden, etwa der automatische Informationsaustausch, führen erst mal zu viel Papier, aber nicht zu Geld. Abgesehen davon, dass der automatische Informationsaustausch kein internationaler Standard ist.

ZEIT: Könnten Sie sich vorstellen, den automatischen Informationsaustausch einzuführen, wenn er internationaler Standard würde?

Rohner: Es ist nicht auszuschließen, dass der automatische Informationsaustausch einmal internationaler Standard wird. Dann werden wir uns diesem auch unterziehen. Das hieße aber, dass sich alle Länder daran halten müssten, auch sehr große. Auch dies wird jedoch das Problem der Altlasten nicht lösen. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Scheitert der Staatsvertrag mit Deutschland, hätte man eine große Chance vertan. Das wäre für beide Länder schlecht, aber deswegen hätte der Schweizer Finanzplatz kein existenzielles Problem. Dafür ist das Geschäftsvolumen mit Deutschland zu wenig groß.

ZEIT: Der immer noch ungelöste Steuerstreit mit den USA ist für Sie also gravierender?

Rohner: Da liegt das Problem auf einer anderen Ebene. Es geht um den Konflikt zweier unterschiedlicher Rechtsauffassungen. Wir haben einerseits Verpflichtungen, denen wir nachkommen müssen, und andererseits Verpflichtungen, denen wir nicht nachkommen können, weil wir sonst unsere Rechtspflichten in der Schweiz verletzten würden. Das kann man nur in Einklang bringen, wenn man es bilateral regelt.

ZEIT: Die Amerikaner machen nicht den Anschein, als wollten sie das wirklich.

Rohner: Derartige Verhandlungen sind immer mit einem großen Maß an Vertraulichkeit und Unsicherheit behaftet. Deshalb darf man auch nicht jede Wortmeldung zum Nennwert nehmen. Und bevor das Verhandlungsmandat des Bundesrates nicht abgeschlossen ist, ist es müßig, darüber zu spekulieren.

ZEIT: Schauen wir mal das große Bild an. Seit Jahren liegt der Schweizer Finanzplatz im Streit mit wichtigen Handelspartnern, seit Jahren bestehen Rechtsunsicherheiten. Brauchen die Schweizer Banken nicht mal langsam einen großen Befreiungsschlag?

Rohner: Ich bin seit 2004 bei der Credit Suisse und hatte früher schon als Anwalt viel mit Banken zu tun. Ich beobachte die Entwicklung also schon lange. Deshalb denke ich nicht, dass es einen großen Befreiungsschlag geben muss oder kann. Was es braucht, ist die Erkenntnis, dass das Geschäftsmodell klare und nachvollziehbare Grundlagen hat: hohe Dienstleistungsqualität, guter Service, stabiles Umfeld, die Wahrung der legitimen Privatsphäre. Der Abschied vom unversteuerten Geld muss endgültig sein. Denn einmal abgesehen von allen moralischen Gründen, die ich auch für wichtig halte, befinden wir uns im Zeitalter der großen Transparenz. Wenn nicht mal mehr Regierungen ihre geheimsten Dokumente zu 100 Prozent schützen können, dann ist dies wohl für ein Unternehmen gänzlich unmöglich. Generell würde ich aber für uns die Prognose wagen, dass heute bereits 99 Prozent der Neugelder, die von Kunden aus unseren Nachbarländern stammen, versteuert sind.