Wer Ursula Meier interviewt, muss sich nicht sorgen, dass ihm die Fragen ausgehen könnten. Zu welchem Thema auch immer man sie anspricht – sofort sprudelt die Regisseurin drauflos, engagiert, mit starker Stimme und in zungenbrecherisch schnellem Französisch. Schauspielerin Léa Seydoux, die eine der Hauptrollen in Meiers neuem Film Sister  spielt, nennt sie einen Vulkan. »Jeder Film muss ein Risiko sein«, sagt sie selbst. »Ich liebe es, in unbekanntes Territorium einzubrechen.«

Wenn die 40-Jährige über ihre Filme spricht, geht es um die Sache: die Arbeit, ihre Filme und die Themen, mit denen sie sich darin auseinandergesetzt hat, die Erzählweisen und immer wieder auch die schwierige Situation des Autorenkinos in der Schweiz. Ursula Meier vereint Bodenständigkeit, Pragmatik, künstlerischen Anspruch und Intellekt. Sie weiß, was sie will – und sie hat einen langen Atem. In den letzten zwei, drei Jahren hat sich auch ihr Äußeres zu einem klareren Ausdruck verwandelt, wie viele, die sie kennen, bestätigen: Die Filmemacherin wirkt heute, da sie ihren zweiten Langspielfilm zu den Premieren begleitet, drahtiger, feiner – aber selbstbewusster.

Ursula Meier hat keine einfache Zeit hinter sich. Der Erfolg von Home, ihrem ersten Kinolangspielfilm, der mit dem Schweizer Filmpreis 2009 ausgezeichnet wurde und als Beitrag für den Oscar 2010 in der Kategorie »Bester fremdsprachiger Film« eingereicht wurde, bestärkte sie zwar in ihren filmischen Visionen. Doch das plötzliche Interesse an ihrer Person und die beinahe endlose Promotionstour ermüdeten sie und ließen ihr kaum Zeit, um an einem neuen Drehbuch zu arbeiten. Und dann verunmöglichte ein Brand, der sie vieler ihrer Habseligkeiten beraubte, ein ruhiges Arbeiten. Trotzdem schaffte Meier, was seit 1999 keinem Schweizer Anwärter mehr gelungen ist: die Einladung zum Internationalen Wettbewerb der Berlinale 2012. Und sie durfte, wenn auch keinen der Hauptpreise, so doch einen Silbernen Bären als Sonderauszeichnung entgegennehmen.

Auch in sehr anstrengenden Phasen durchzuhalten und auf das Licht am Ende des Tunnels zu hoffen, das hat Ursula Meier zuerst einmal auf einem anderen Gebiet als dem des Films gelernt: als junge Leichtathletin mit hohen Zielen. Ein Teenager-Traum, der ein abruptes Ende fand. Ihr erster Spielfilm Des épaules solides (2002), zuerst eine Fernsehproduktion, seither öfters im Kino gezeigt, taucht in diese erbarmungslose Welt ein. Er zeigt ihre Gesetze und knallharten Regeln. Ursula Meier inszeniert die Kämpfe im Laufwettbewerb und vor allem das Ringen einer zur jungen Frau heranreifenden Sportlerin mit ihrem sich verändernden Körper – mit der Kamera rückt Meier den sich Quälenden buchstäblich auf den Leib. So sehr sich die Protagonistin auch anstrengt, sie muss letztlich anerkennen, dass sie nie eine Spitzensportlerin werden kann; und ab einem gewissen Punkt auch den Drill nicht mehr akzeptieren will.

An die eigenen Grenzen gehen und darüber hinaus, ohne allzu viel Rücksicht auf sich selbst, darin kann man unschwer eine Grundhaltung in Meiers Arbeitsweise erkennen.

Zu ihrem Charakter gehört aber auch, abzuwägen, ob ein Ziel es überhaupt wert ist, angestrebt zu werden. Als Fünfzehnjährige verabschiedete sich Ursula Meier vom Spitzensport: Die Schinderei lohnte sich nicht mehr. Dafür trat die Filmwelt in ihr Leben. Ihre Schwester hatte eine 16-Millimeter-Kamera gekauft, ein erster Film entstand, Ursula Meier entdeckte eine Leidenschaft. Bald kaufte sie sich die erste eigene Kamera; das Geld dafür verdiente sie in den Schulferien als Supermarkt-Kassiererin. Wenige Monate später nahm sie Kontakt auf zum von ihr verehrten Filmemacher Alain Tanner. Er riet ihr, Film im Ausland zu studieren. Danach solle sie sich wieder melden.

Ursula Meier fand einen Studienplatz in Belgien, wo sie die nächsten Jahre verbrachte. Sicher ist das einer der Gründe, warum in ihren Filmen die Schweiz mit einem verfremdenden Blick ins Bild gerückt wird. Und wenn sie auch Geschichten erzählt, die auf helvetische Kultur, Befindlichkeiten und Verhaltensweisen reflektieren, so sind die Schauplätze nie klar lokalisierbar, sondern verharren letztlich in einer Unbestimmtheit, einem imaginären Zwischenraum. Ursula Meier nennt ihre Filme selbst »Fabeln«, womit sie das Beispielhafte und den Verweischarakter der Geschichten betont.