City Guide LissabonDie Quadratur des Lichts

Wer in Lissabon den Azulejos folgt, kommt dabei dem Strahlen der Stadt auf die Spur. von Karin Ceballos Betancur

Am Miradouro de Santa Luzia rahmen Kacheln den Blick auf das Alfama-Viertel

Am Miradouro de Santa Luzia rahmen Kacheln den Blick auf das Alfama-Viertel  |  © Luis Filipe Catarino/4SEE/laif für DIE ZEIT

Es fängt an mit einem stillen, seidenmatten Glanz, der vom weißen Pflaster entlang der Avenida da Liberdade aufsteigt, durchbrochen von schwarzen Ornamenten. Dann, auf dem Hauptplatz, Rossio, und in den Straßen, die ihn umgeben, züngelt ein Leuchten an den Fassaden, frisst sich vorbei an Fensterläden und Balkonen, bis zum Himmel. Oben, in den alten Quartieren auf den sieben Hügeln, flackert das Licht schließlich wie kaltes Feuer an den Flanken der Gassen. Diese Stadt leuchtet nicht nur, sie strahlt. Lissabons Licht ist eine Offenbarung.

Vielleicht wirst du dich nicht gleich nach deiner Ankunft fragen, woran es liegt, dass dieser Ort so außerordentlich funkelt. Du wirst einfach den Glanz genießen und dich ein wenig wundern, weil er neben dir her zu fließen scheint, während du über die Hügel streifst, steile Treppen bezwingst und mit gelben Straßenbahnen um die Wette läufst. Am nächsten Morgen aber, wenn du anfängst, nach dem Ursprung des Lichts zu suchen, wirst du vor einer Mauer landen. Weil es die glasierten Gebäudefronten sind, die jeden Sonnenstrahl in kleine Blitze brechen.

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Niemand kann sagen, wer als Erster auf die Idee kam, sein Haus mit Fliesen, Azulejos, zu schmücken. Aus der Ferne betrachtet, wirken sie wie farbige Tapeten. Als sei die Straße der Salon und der Spaziergänger ein jederzeit willkommener Besucher. Überliefert ist, dass die Kacheln ursprünglich ein Privileg des Adels und des Klerus waren. Anfang des 16. Jahrhunderts schwappte die architektonische Mode von Nordafrika über Spanien nach Portugal. Und weil die Fliesen teuer waren, behielt man seine Schätze für sich, im Gebäudeinneren. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, mit der Entwicklung des Siebdrucks, kam das Leuchten über die gesamte Stadt. Blüten, Rauten und Bordüren verließen die Wohnungen und gingen auf die Straße, die Wände hoch. Der Trend währte nur wenige Jahrzehnte. Aber das reichte aus, um Lissabons Gesicht für immer zu verändern.


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Du kannst die Azulejos hinnehmen wie buntes Beiwerk, ein Blumenfeld, von dem man beim Spaziergang kaum Notiz nimmt. Doch wenn du es genauer wissen, dem Leuchten auf den Grund gehen willst, musst du nach Madragoa fahren, in den Westen der Stadt, ins Biotop der Farben und der Muster.

In keinem anderen Viertel Lissabons sind die Fliesen so gut und so vielfältig erhalten. Die schmalen Häuser stehen dicht an dicht, jede Fassade wird zum Exponat. In der Rua da Esperança, der Straße der Hoffnung, haben die Nummern 94 und 98 nach dem Erdbeben von 1755 zusätzliche Stockwerke bekommen. Madragoa, auf festem Grund gebaut, nahm damals Flüchtlinge aus dem zerstörten Zentrum auf. Die Kachelhaut ebnet die Übergänge im Mauerwerk, bringt die Wunden der Geschichte zum Verschwinden wie ein Pflaster. Unwillkürlich streckst du die Hand aus, um über die warme Keramik zu streicheln. Bis du bemerkst, dass winzige Scherben an deinen Fingern kleben bleiben. Und erschrocken die Hand zurückziehst. 

Schräg gegenüber erstreckt sich ein Gebäude über die Hausnummern 57 bis 63. Von hier aus kannst du nur ein Dekor aus blau-weißen Blumen erkennen. Doch wenn du näher trittst, purzeln Glockenblumenköpfe aus den Blütenblättern. Vier mal vier Kacheln, 14 mal 14 Zentimeter, fügen sich zu einem Tableau, das sich entlang der Mauer wiederholt, immer und immer wieder, vom Trottoir bis zum Dach. Das Haus hat die größte Fliesenfläche Lissabons, womöglich sogar ganz Portugals. Aber das kannst du nicht wissen, weil es in diesem Freilichtmuseum keine Schilder gibt.

City Guide Lissabon

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Weitere Informationen

Offizielle Tourismus-Webseite Portugals http://www.visitportugal.com

Wenn du dich einer Führung anschließt, erzählt es dir die Historikerin Sofia Tempero. An der Ecke Rua da Esperança und Travessa das Isabéis wird sie die Stimme senken und ein Geheimnis mit dir teilen. An dieser Straßenecke steht ein Haus, das sein Baujahr, 1721, im Stein trägt. Rostige Bleche verhindern den Zutritt. Das Gebäude gleicht einer Ruine. »Aber im Innern«, wird Sofia flüstern, »sind die Wände komplett mit äußerst beeindruckenden Kacheln aus dem Jahr 1740 bedeckt.« Portugal, wird Sofia sagen, sei zwar schon immer arm gewesen, »deshalb gibt es in vielen Häusern der Altstadt bis heute keine Toiletten. Aber Azulejos, die gibt es überall. Selbst in den Wohnungen der einfachsten Leute.«

Sofia Tempero arbeitet im Auftrag der Stadt für ein Projekt mit dem sperrigen Namen Programa de Investigação e Salvaguarda do Azulejo de Lisboa, kurz: Pisal – ein Programm also zur Erforschung und Rettung der Fassadenfliesen von Lissabon. Vielleicht nimmt Sofia dich nach der Führung mit zum Mittagessen. Um diese Zeit weht der Geruch von gebratenem Fisch aus den kleinen Lokalen des Quartiers, die ihre Menüs meist nur auf Portugiesisch anschreiben, weil sich nicht viele Touristen nach Madragoa verirren. Und dann wird Sofia dir erzählen, dass die Fliesen, in die du dich gerade erst verliebt hast, dass das Strahlen der Stadt in Gefahr ist. »In manchen Vierteln«, sagt Sofia, »sind allein in den vergangenen Jahren bis zu 20 Prozent der Kacheln verschwunden«.

Die Diebe kommen nachts, mit Hammer und Meißel. Manchmal brauchen sie nur wenige Stunden, um einer Mauer sämtliche Kacheln vom Putz zu schlagen. Und du schluckst, wenn du erfährst, dass deine Begeisterung ein bisschen mit schuld daran ist. Weil erst die Touristen mit ihrem Enthusiasmus die Aufmerksamkeit der Lissabonner auf eine Sehenswürdigkeit gelenkt haben, die in ihren Augen längst zur Selbstverständlichkeit verblasst war.

Leserkommentare
  1. Es gibt in Lissabon auch Führungen auf Deutsch zum Thema "Kunststück Azulejo - Stadtgeschichte und Kachelkunst", zu finden hier:

    http://www.luaverde.com/l...

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    • essilu
    • 03. Mai 2012 18:13 Uhr

    ...für den guten Tipp.

    • essilu
    • 03. Mai 2012 18:13 Uhr

    ...für den guten Tipp.

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