Man muss Simão Vaz einmal dabei beobachten, wie er die weiße, gestärkte Decke behutsam auf dem Tisch auseinanderfaltet, wie er sie dann in die endgültige Lage zurechtzuppelt und wie seine braunen Hände mit den langen, eleganten Fingern noch einmal sanft darüber hin und her fahren – als wolle er sie streicheln. Wie er das silberne Besteck auflegt, dabei die Abstände zur Tischkante wahrt, Augenmaß, schon klar, und wie er schließlich die Gläser absetzt, geräuschlos, in perfekter Position. Die Choreografie dieses jungen, freundlichen Barmannes und Kellners scheint wie aus der Zeit gefallen zu sein. Und deshalb passt sie so gut in dieses geschichtsträchtige Haus.

Es gibt in Lissabon viele Hotels in historischen Gebäuden, weit mehr als in anderen europäischen Städten. Man kann in alten Klöstern oder in Herrenhäusern wohnen, und zuweilen bieten sie auch einen guten Service an. Im Lapa Palace jedoch, dem ehemaligen Privatanwesen des Grafen von Valença, ist der Service außergewöhnlich. Hier schenkt man den kleinen Dingen des Hotelalltags noch große Aufmerksamkeit. So wie Simão Vaz in der Bar den Tisch eindeckte, während ich bei einem Drink wartete, bis mein Zimmer bezugsfertig würde. Jemand spielte auf dem Flügel, durch die Terrassentür strömte klare Frühlingsluft herein – und das Zwitschern der Vögel. Sie saßen in einem haushohen Gummibaum, dessen dicke Wurzeln den Boden überzogen wie Venen den Handrücken eines alten Mannes. Weiter hinten im Park reinigten zwei Angestellte den organisch geschwungenen Pool für die kommende Saison.

Neugierig schlenderte ich durch die Botanik und kehrte am anderen Ende des Gartens wieder in den Palast zurück. Der Graf von Valença hatte das feudale Anwesen im Jahre 1877 von namhaften Künstlern gestalten lassen. Einige ihrer Werke haben die Jahrhunderte überdauert. Irgendwo sah ich ein Ölgemälde, das den Marquês de Pombal zeigt: einen feinen Mann, mit Locken und Kniebundhose, der nach dem Erdbeben von 1755 für den Wiederaufbau Lissabons verantwortlich zeichnete.

Ich lief noch ein paar Meter über den knarzenden Holzboden und steuerte schließlich, magisch angezogen, auf einen Raum zu, dessen Tür zum Flur geöffnet war. Und erstarrte ehrfürchtig vor einem zauberhaften Festsaal. Bläulich fiel das Licht durch mundgeblasene Scheiben ein, Rundbögen spannten sich über den Balkontüren, golden schimmerten die Stuckaturen. Eine Komposition aus Kunst und Handwerk. Über alles erhaben, musizierten dann noch Männer und Frauen, umgeben von kräftig rosafarbenem Tuch – eine Deckenmalerei. Columbano, der größte portugiesische Porträtmaler seiner Zeit, hat die Gruppe derart lebhaft dargestellt, dass ich meinte, ihre Musik hören zu können. Und für einen Moment tauchte ich ein in ein Fest, auf dem getrunken und getanzt wurde und sich die feine Gesellschaft später sicherlich unzüchtigen Liebesspielen hingeben würde.

»Wir nutzen den Saal nur noch für besondere Anlässe«, wurde plötzlich eine Frauenstimme vernehmbar. Es war Lina, eine Hotelangestellte, die mich bereits gesucht hatte, um etwas zu tun, was selbst in Luxushotels leider mehr und mehr aus der Mode gerät: den Gast zu seinem Zimmer zu führen. Dort angekommen, öffnete sie die Tür und verabschiedete sich. Ich warf zunächst einen Blick ins Bad, in dem große Kacheln von Portugals Seefahrergeschichte erzählten. Dann stand ich vor dem Doppelbett des Turmzimmers, in dem schon Barbra Streisand geschlafen hatte. Von dort sah ich direkt auf eine Glastür, hinter der man ein paar Stufen hinunter- und ein paar wieder hinauflaufen musste, um schließlich ganz oben auf dem Dach eines Turmes zu stehen. Der Graf hatte sich den Turm seinerzeit als Garderobenzimmer errichten lassen. Er liebte es, den Blick über Lissabon schweifen zu lassen, während ihn seine Bediensteten für den Tag ankleideten. Rechts erkannte ich die rote Hängebrücke über dem Tejo, geradeaus schimmerte das Wasser des Flusses in der Sonne, links reichte die Sicht über die Dächer der Nachbarschaft bis hin zur Altstadt.

Es dauerte ein wenig, bis ich nachts einschlief. Barbra Streisands Song Night of my life rauschte durch meine Ohren. Und als ich am nächsten Morgen noch etwas benommen zum Frühstück lief und mich setzte, kam Simão Vaz, lächelte und legte mir eine Zeitung auf den weiß gedeckten Tisch.