Es war Februar, und eine Frau hatte mein Herz gebrochen, als ich zum ersten Mal in die Stadt am Tejo reiste, von der es heißt, hier sei die Melancholie zu Hause. In Deutschland regnete es seit Wochen, über Lissabon aber spannte sich ein unwirklich blauer Himmel. Ich hatte keinen Reiseführer eingepackt, Sehenswürdigkeiten interessierten mich nicht. Stattdessen schlenderte ich ziellos durch die Straßen und trank Portwein in Kneipen voller traurig aussehender Männer. In die Straßenbahn bin ich nur gestiegen, weil mir irgendwann am Abend die Füße weh taten.

Die Carreira 28 dos Eléctricos de Lisboa verbindet die Lissabonner Stadtteile Alfama, Baixa, Lapa und Prazeres und zählt zu den berühmtesten Straßenbahnstrecken der Welt, aber das wusste ich damals nicht. Ich hatte auch keine Ahnung von den legendären 13,5 Prozent Steigung, die die Bahn auf ihrer Strecke überwindet. Ich wollte einfach sitzen, meinen Gedanken nachhängen und mich in die Nacht bringen lassen.

Eine Fahrt mit der 28 ist nicht die bequemste Art, in Lissabon von A nach B zu kommen. Sie setzt sich zusammen aus einem stetigen Wechsel von abruptem Bremsen und ruckartigem Anfahren. Die Räder rattern höllisch laut, die Sitze sind unbequem, und sehr oft bleibt sie stehen, weil Autos die Gleise blockieren. Gleichzeitig hat eine Fahrt in der 28 aber auch etwas wunderbar Nostalgisches. Man ertappt sich dabei, wie man mit dem Finger über das polierte Holz fährt. Und spürt, wie man allmählich ruhiger wird.

Damals, beim ersten Mal, ruckelte die 28 an den Fenstern großer Wohnungen vorbei, in denen Licht brannte, und in einer dieser Wohnungen saß eine junge Frau hinter ihrem Computer. Sie schaute aus dem Fenster, als die Bahn in Zeitlupe vorbeizuckelte, und für ein paar Sekunden trafen sich unsere Blicke. Dann lächelte sie, und sie lächelte alle Melancholie weg, einfach so. In diesem Moment wusste ich, dass ich eigentlich nie mehr aussteigen wollte.

Seitdem fahre ich immer mit der 28, wenn ich in Lissabon bin, oft gleich zweimal hintereinander von einer Endstation zur anderen, weil sich in der Zwischenzeit so viel verändert hat: In der Wohnung, in der eben noch ein Tisch gedeckt wurde, sitzt die Familie nun beim Dessert. Das Paar, das sich eben noch in den Armen lag, streitet jetzt. Und aus der Sé, der Kathedrale, auf deren Treppe sich zwei Großmütterchen abmühten, strömt mittlerweile ein himmelhochjauchzender Choral.

Manchmal entdecke ich auf diesen Fahrten Passagiere, die wie ich kein Ziel zu haben scheinen. Die Frau am Computer habe ich nie mehr gesehen. Doch ihr Lächeln trage ich in meinem längst reparierten Herzen, jedes Mal, wenn ich in der 28 sitze.