Gonçalo M. Tavares, 41, Autor © Teresa Sá

Ich sitze gerne auf der Esplanada do Adamastor und lese. Meistens komme ich irgendwann am späten Nachmittag und bleibe bis zum Einbruch der Dunkelheit. Die Esplanada ist ein Aussichtspunkt, ein miradouro, was in der wörtlichen Übersetzung so viel wie »Gold anschauen« bedeutet. Und genau das macht jene Plätze Lissabons aus, die über den Dächern der Stadt liegen: Der Sonnenuntergang entfaltet hier die magische Anziehungskraft eines Lagerfeuers. Alle bleiben stehen, alle sehen zu, wie dieses große, leuchtende Etwas langsam hinter dem Horizont verschwindet. Und es fühlt sich an, als würden sich die Menschen wie in alten Zeiten rings um ein Feuer versammeln.

In der Mitte der Esplanada befindet sich ein Standbild des Ungeheuers Adamastor, nach dem der Platz benannt ist. Es symbolisiert die Gefahren der Meere, denen die portugiesischen Seefahrer im Laufe der Geschichte tapfer getrotzt haben. Am Miradouro do Adamastor versammeln sich Menschen aus aller Herren Länder: Weiße und ganz Weiße, Schwarze und ganz Schwarze, Orientalen. Die Lissabonner sitzen auf der Terrasse und trinken ihren Kaffee, doch man trifft hier auch viele Zugereiste. Es sind weniger die Touristen, die hierher kommen, als die in Lissabon lebenden Ausländer. Auch sie haben diesen Ort für sich entdeckt: als einen außergewöhnlichen Treffpunkt für außergewöhnliche Menschen. Sie alle sind hier, um die Sonne anzusehen. Und nach oben zu schauen.

In einem Buch über das russische Künstlerpaar Ilja und Emilia Kabakow habe ich einmal etwas gelesen, das mir perfekt zur Esplanada do Adamastor zu passen scheint. Die beiden empfehlen darin eine Augenübung, bei der es darum geht, regelmäßig den Blick zu heben. Es sei nämlich wissenschaftlich erwiesen, so die Künstler, dass dabei die negativen Gefühle verschwinden, die Gedanken zur Ruhe kommen und Raum für erhebende, edle Ideen und Eingebungen entstehen. Es geht den Kabakows also um ein Mentaltraining, analog zum Körpertraining. Ob der Kopf gehoben oder gesenkt ist, beeinflusst die Art des Denkens.

Vielleicht sitze ich auch deshalb so gerne auf der Esplanada do Adamastor – weil ich an diese Medizin der Vorstellungskraft glaube. Man kann die Einwohner Lissabons in zwei Kategorien unterteilen: die mit gesenktem Kopf (die Depressiven, in sich gekehrten) und die mit erhobenem Kopf (die Leidenschaftlichen, die sich ins Leben stürzen). Und Letztere besuchen regelmäßig die Esplanada.

Einige haben Piercings, andere tragen Anzug und Krawatte, aber allen geht es gut, weil sie von derselben Sonne beschienen werden. Manche Leute spielen Gitarre und trommeln, andere sitzen im Gras und unterhalten sich, wieder andere lehnen sich entspannt in ihren Stühlen zurück und lassen sich vom Sonnenlicht berieseln wie von den Meldungen einer Nachrichtensendung. Und vielleicht ist sie wirklich eine große Neuigkeit, diese Lissabonner Sonne. Eine Nachricht, die niemals veraltet sein wird.

Ja, tatsächlich, ich glaube, ähnlich wie die Kabakows, dass jemand, der sich fünf Mal pro Woche am späten Nachmittag für eine halbe Stunde auf der Esplanada do Adamastor aufhält, nach zwei bis vier Wochen zu einem anderen Menschen wird. Er ist gelassener, geduldiger und toleranter. Er sitzt einfach da und schaut nach oben, mit sich und der Welt im Reinen. Danach wird er verändert in den Alltag zurückkehren. Ganz so, als schwebe er ein paar Zentimeter über dem Boden.

Übersetzung von Claudia Stein