Daniel Cohn-Bendit © BERTRAND GUAY/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Herr Cohn-Bendit, welche Rolle spielt der Erfolg des deutschen Wirtschaftsmodells im französischen Wahlkampf?

Daniel Cohn-Bendit: Nicolas Sarkozy hatte eine einfache Botschaft: Es gibt in Europa eine Wirtschaft, die funktioniert, das ist die deutsche. Also lasst uns das kopieren, dann brummt es auch bei uns. Darum wollte er Angela Merkel in seine Kampagne einspannen.

ZEIT: Von Merkel lernen heißt siegen lernen?

Cohn-Bendit: So etwa. Doch er hat schnell merken müssen, dass es den Leuten gegen den Stolz geht, ein deutsches Modell nachzuahmen. Seither ging es immer hin und her: Mal sollte Merkel auftreten, dann lieber wieder nicht. Das Ganze ist ein ziemlicher Flop. Die Deutschen haben ihre Führungsrolle in Europa aber auch selber beschädigt. Die Pose des Zuchtmeisters war sehr schädlich. Das kam in Frankreich schlecht an, ganz abgesehen davon, ob es sachlich richtig war oder nicht.

ZEIT: Immerhin hat Sarkozy darauf hingewiesen, dass es von Deutschland etwas zu lernen gebe.

Cohn-Bendit: Ja, aber Deutschlands Erfolg wurde reduziert auf Austerität. Sarkozy konnte den Leuten nie erklären, was eigentlich das deutsche Modell ausmacht. Er hat es vielleicht selber nicht verstanden, darum konnte er es auch nicht vermitteln. Er will so etwas wie die Hartz-Gesetze und mehr Deregulierung auf dem Arbeitsmarkt einführen. Er pestet gleichzeitig gegen die Gewerkschaften, die angeblich dem Wandel im Wege stehen. Das deutsche Modell funktioniert aber ohne Gewerkschaften nicht, die etwa durch Verhandlungen über Lohnverzicht und Kurzarbeit Teil des Reformerfolgs sind. So bleibt von seiner »deutschen Kampagne« nur übrig, dass er seine ohnehin ungerechte Politik noch mal verschärfen wollte mit dem Hinweis auf den deutschen Erfolg.

ZEIT: Wie hat sich die wechselseitige Wahrnehmung der Franzosen und Deutschen durch die Krise verändert?

Cohn-Bendit: Die Deutschen sagen zu Recht, wir können keine gemeinsame Währung haben, wenn zugleich die Schuldenkulturen der Länder so weit auseinandergehen. Dafür fehlt in Frankreich das Verständnis. Aber von Frankreich aus sieht man den blinden Fleck der Debatte in Deutschland: Die Deutschen wollen nicht über die makroökonomischen Ungleichgewichte diskutieren, die ihrem Erfolg zugrunde liegen und die durch ihn noch schlimmer werden. Die Schulden der einen sind die Gewinne der anderen.

ZEIT: Da halten die Deutschen entgegen: Stellt so schöne Produkte her wie wir, und es wird bei euch aufwärtsgehen.

Cohn-Bendit: Das ist teilweise richtig. Aber es kann trotzdem nicht funktionieren, dass alle immer nur Überschüsse erwirtschaften. Unsere beiden Länder sind auf ihre je eigene Weise blind und wollen bestimmte Wahrheiten nicht anerkennen: Die französische Blockade, am schlimmsten in der Linken, besteht darin, die Notwendigkeit des Schuldenabbaus zu verkennen. Schuldenabbau wird von weiten Teilen der Linken zusammen mit der Austeritätspolitik verdammt. Die deutsche Blockade besteht in der Weigerung, die Ungleichgewichte zu diskutieren. Beides ist borniert.

ZEIT: Entsteht allmählich eine gemeinsame Öffentlichkeit durch Wahlkämpfe wie diesen?

Cohn-Bendit: Europa kommt heute nur noch dann weiter, wenn Deutschland und Frankreich zusammen etwas vorantreiben. Auch im öffentlichen Bewusstsein kommt das langsam an, aber nicht unbedingt positiv. Die Regierung Europas durch Merkel und Sarkozy wird als eine Art undemokratisches Direktorium wahrgenommen. Die Menschen in Frankreich kritisieren die deutsche Politik, als wäre sie die Politik ihrer eigenen nationalen Regierung, allerdings einer Regierung, die sie nur zum Teil demokratisch beeinflussen können.