Kammermusik : Amerikanische Geschichte streichen

Vietnamkrieg und Holocaust auf 16 Saiten: Das französische Quatuor Diotima hat amerikanische Kammermusiken eingespielt, die hellwach das 20. Jahrhundert reflektieren.
Das französischen Quatuor Diotima © Indigo

Metallische Insektenschwärme jagen als glitzernde Wolken an uns vorbei. Später erscheint rasselnd, pochend, knirschend, zupfend der Hymnus zum Tag des Zorns wie ein Skelett, dem Tod und Mädchen folgen – ein Schubert-Zitat, gehaucht wie von einem Gambenconsort in zwölf Kilometern Entfernung, während sich woanders die Fälschung einer spanischen Renaissance-Sarabande auf den Weg macht.

So wild, so dreist collagiert, so düster, aber auch hell vor Unbekümmertheit war es noch in keinem Streichquartett zugegangen, als Robert Crumb 1970 seine black angels aufsteigen ließ. Sie spiegeln den Vietnamkrieg als Trauma der amerikanischen Nation.


Ein anderer Entgrenzer des Streichquartetts ist Steve Reich. In seinen Different trains setzt er Sirenengeheul und O-Töne von emigrierten Überlebenden des Holocaust in ein Streichergeflecht daraus abgeleiteter Sprachmotive. Keine Ästhetisierung des Grauens, sondern dessen Bewusstmachung in Musik, der man auch sehnsüchtig lauschen darf, wenn die Rufe amerikanischer Dampfloks vor und nach dem Krieg in eine andere Welt führen.

Das französische Quatuor Diotima präsentiert auf seiner CD American Music starke Stücke und spielt sie bissig und aufgekratzt. Crumbs horizontsprengende Unbefangenheit und Reichs hellwaches Reflektieren – so was fehlt uns.

Quatuor Diotima: »American Music« (Naïve/Indigo)

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