Rolf und Joachim KühnFamilienfest des Jazz

Atemberaubend! Was die Brüder Rolf und Joachim Kühn mit ihrem Quartett auf dem neuen Album "Lifeline" festhalten, ist großer Gegenwartsjazz. von Stefan Hentz

Jazzbrüder: Joachim und Rolf Kühn

Jazzbrüder: Joachim und Rolf Kühn  |  © Jens Herrndorff

Rolf und Joachim Kühn, geboren in Leipzig; die Mutter Jüdin, bevor sie nach Theresienstadt abtransportiert werden soll, ist der Krieg vorbei; der Vater ein Varietékünstler mit Arbeitsverbot und Aufenthalten im Arbeitslager. Die Brüder werden in der Thomaskirche konfirmiert, wo der Geist des einstigen Kantors Bach gegenwärtig ist. Beide widmen ihr Musikerleben dem Jazz. So weit die Gemeinsamkeiten.

Es gibt auch Trennendes: Rolf Kühn, Jahrgang 1929, muss in aller Heimlichkeit bei einem Klarinettisten des Gewandhaus-Orchesters sein Instrument erlernen. Das Geld für den Unterricht verdient er sich mit kleinen Auftritten bei Beerdigungen und ähnlichen Anlässen. Mit dem Kriegsende tritt der Jazz in sein Leben. Die Eleganz der Swingklarinette wird für ihn die Fanfare der Freiheit.

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Joachim Kühn, 14 Jahre jünger, sieht als Sechsjähriger, wie sein Bruder in die Jazzszene eintaucht und in den Westen geht. Auch er erhält eine klassische Musikausbildung, aber für ihn klingt Freiheit im Jazz schon ganz anders: Selbst der Free Jazz wird ihm zu eng. In seiner Improvisationskunst verbindet er Cluster und Atonalität mit romantischen und impressionistischen Klängen, setzt die Musik swingend und rockend in Bewegung. Anything goes schon in der DDR der frühen Sechziger. 1966 verschaffen ihm sein Bruder und Friedrich Gulda die Gelegenheit zur Flucht. Die Kühn-Brüder geben umjubelte gemeinsame Auftritte und nehmen eine Schallplatte bei dem Label auf, das auch John Coltrane produziert. Dann gehen die beiden wieder ihre eigenen Wege.

Von Zeit zu Zeit gönnen sie sich ein Familientreffen, das dann zu einem musikalischen Fest wird – wie Lifeline, das neue Album. Für das Deutsche Jazzfestival in Frankfurt im Oktober 2011 hatten die Brüder zehn Kompositionen ausgewählt, mehr grobe Skizzen als kompositorisch durchgearbeitetes Material, um sie nach nur einer Probe mit dem Bassisten John Patitucci und dem Schlagzeuger Brian Blade zunächst auf der Festivalbühne und am nächsten Tag im Studio einzuspielen. Keine Umstände also: Es geht um Spontaneität und Spielfreude, Kraft und Vision, Verständnis und Kommunikation.

Und so spielen die vier: entschlossen, zupackend, draufgängerisch, radikal. Während Joachim Kühn am Klavier die harmonische Grundlage absteckt, die er immer wieder spannungsreich ins Ungewisse öffnet, ankert Patitucci mit seinem Bass in den Tiefen des Universums. Blade bollert monochrom oder latinbunt oder in schillerndem Swing. Und Rolf Kühn bleibt es überlassen, die Unruhe der flüchtigen, melodischen Kürzel emotional aufzuladen, ihnen hier eine verzweifelt fragende Konnotation zu geben, dort mit tiefer Trauer zu überziehen, in ihrer Energie die Wut zu erkennen oder eine existenzielle Hoffnung. Als seien sie von einem gemeinsamen Gehirn gesteuert, reagieren die vier Musiker aufeinander und folgen einander auf den verschlungensten Wegen. Dass die Brüder Kühn dieses gegenseitige Verständnis aufbringen, mag sich vielleicht genetisch erklären lassen, dass jedoch auch Patitucci und Blade auf diesem Niveau zusammenkommen, verschlägt einem den Atem. Eine Familie. Ein Fest. Gefeiert wird mit großem Gegenwartsjazz.

Rolf und Joachim Kühn Quartet: »Lifeline« (Impulse/Universal)

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