Die Oper von Damaskus steht in Sichtweite des Präsidentenpalastes, im Zentrum der Stadt, am Umayyaden-Platz. Dort, wo die Demonstrationen für den Diktator Baschar al-Assad beginnen, dort, wo er zum Volke spricht, dort, wo sich alles befindet, was dem Regime wichtig ist: die Offizierskasinos, das Sheraton-Hotel, in dem die Elite ihre Partys feiert, die Propagandasender des Staatsfernsehens und die Folterkeller des Geheimdienstes.

Die Oper genießt einen guten Ruf. Auf dem Programm stehen Ballette, Opern, Konzerte. Schwanensee, Figaros Hochzeit, die Kindertotenlieder. Die Orgel kommt aus Deutschland. Die Tickets sind günstig, das Publikum ist jung, die Reihen sind voll besetzt.

Als Scharfschützen in der Stadt Homs Demonstranten jagten und Bürger Alleebäume zu Brennholz schlugen, tanzten sie in der Oper von Damaskus argentinischen Tango. Sie tanzten, weil die Leiterin der Oper, eine Violinistin mit zartem Lächeln, der Meinung war, »dass kulturelle Veranstaltungen weitergehen müssen – unter allen Umständen«. Die Umstände. So nennen viele in der Hauptstadt die Revolution.

An diesem Abend spielen die Absolventen der Schauspielschule im Großen Saal Theater. Ein besonderes Stück, 400 Jahre alt und doch mit Sätzen, die klingen, als seien sie gerade erst geschrieben worden. Sätze über die Macht, die locken und töten kann. Der Autor heißt Shakespeare, das Stück Macbeth.

Riad Ismat, der Kultusminister, der Shakespeare verehrt, hat es für die syrische Bühne adaptiert, und Ghassan Massoud, der berühmteste Filmstar des Landes, führt Regie. Scheinwerfer tauchen das Operngebäude in warmes, gelbes Licht. Es regnet, und im Eingang, hinter dem Wachhaus, hängt das Plakat zur Aufführung. Wer näher herantritt, liest den Namen Shakespeares und – größer noch – den Namen des Kultusministers. Der Regisseur hat für das Stück eine neue Überschrift ersonnen: Macbeth heißt hier Thron des Blutes.

Ein passender Titel, in keinem anderen seiner Stücke spielt das Blut eine so wichtige Rolle wie in Shakespeares letzter großer Tragödie. Es ist ein gehetztes Spiel über den Fall eines Mannes, der anfangs große Hoffnungen weckt, dann durch eine Intrige an die Macht gelangt und sich durch Auftragsmord, Spitzeldienste und Repression als Tyrann dort oben hält. Interpreten sagen, Macbeth sei eine Anatomie des Bösen. Will man eine Moral erkennen, könnte sie lauten, dass Verbrechen sich letztlich doch nicht auszahlt. Denn am Ende, nach einer ausländischen Intervention, wird der Machthaber getötet und seine Leiche öffentlich zur Schau gestellt. Er schafft es, vorher noch alle mit in den Tod zu reißen, die ihm wichtig sind, seine Frau, seine Freunde und deren Kinder. Er verhindert nicht, dass es am Ende kommt, wie ihm schon zu Beginn geweissagt wurde.

Ist das Stück als Mahnung gedacht? Als subversiver Akt gegen Assad, direkt im innersten Zirkel der Macht? Was der Regisseur selbst sagt, klingt nicht danach: »Für Syrien besteht heute die Gefahr eines schmutzigen, unmoralischen Krieges. Will die Opposition von den Syrern respektiert werden, muss sie die Todesschwadronen, die auf syrische Kinder, Soldaten, Polizisten, Sicherheitskräfte und Bürger zielen, klar und unmissverständlich verurteilen und sich von ihnen absetzen.«

Aber wenn mit Macbeth keine Politik beabsichtigt ist, warum spielt man dieses blutige Stück dann jetzt – zur Unterhaltung? Soll es ablenken von den sogenannten »Todesschwadronen der Terroristen«, der »amerikanischen Verschwörung«, den bösen westlichen Medien, die alles falsch berichten? Wird der Untergang eines Diktators auf einer Bühne mitten in Damaskus nur zufällig beklatscht?

Vor der Oper umarmen die Wartenden einander zur Begrüßung. Medizinstudenten sind darunter und Juristen. Federboas und Jeans, Lederstiefel und Stöckelschuhe. Ein Mann im Frack öffnet die Türen. Im Foyer nehmen die Gäste auf roten Polstern Platz, auf Stühlen mit Intarsien aus Perlmutt neben Frauen-Akten in Öl. Ein Mann erzählt von seinem Onkel, der mit bleichem Gesicht aus Homs nach Damaskus gekommen sei und sich darüber wundere, wie friedlich es hier sei. In den Saal geht es plaudernd die Treppe hoch, über roten Teppich. Drei Mädchen tuscheln und kichern, sie haben einen Blumenstrauß mitgebracht, mit handgeschriebenem Gruß, für einen Schauspieler. »Wir hoffen, wir sehen Dich in Hollywood«, steht da. Balkone in drei Stockwerken, Kameras drehen, das Licht wird gedämpft, eine Violine erklingt in Moll. Das Stück beginnt. Es beginnt mit drei Hexen, die Macbeth an einem abscheulichen und zugleich schönen Tag auf dürrer Heide seine Zukunft verkünden.