Hans Bauer ist Mitte 60, erfolgreicher Unternehmer und zumindest so vermögend, dass er mit dem Geld, das er übrig hat, gerne ein bisschen an der Börse spielt. Als ihm ein Angebot der Landesbank Baden-Württemberg ins Haus flattert, juckt es ihn mal wieder in den Fingern. Eine » Commerzbank Protect-Aktien-Anleihe« soll er zeichnen, es winken »15 Prozent Verzinsung«. Verlockend, aber Bauer wundert sich über den hohen Zinssatz, weiß er doch, dass die Banken sich zurzeit günstig refinanzieren können. Warum sollten sie ihm einen solchen Zins für sein Kapital anbieten? Also liest er sich ausnahmsweise den Prospekt bis zu Ende durch und kapiert: Das ist weder eine Anleihe, noch geht es dabei um Zinsen. Vielmehr bietet ihm seine Bank ein strukturiertes Produkt an, das auf den Börsenkurs der Commerzbank wettet. Hat die Wette Erfolg, beträgt die Rendite 15 Prozent. Wenn nicht, verliert er Geld.

Wenn Sie jetzt ungläubig den Kopf schütteln über Bauers Ahnungslosigkeit in Börsendingen, lesen Sie nicht weiter. Weil es ihm selber peinlich ist, will er seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung sehen. Aber vielleicht sind Sie ja unsicher, ob Sie bei einer mit 15 Prozent verzinsten Anleihe nicht auch schwach geworden wären. Sie müssen deswegen ja nicht gleich ein »finanzieller Analphabet« sein – so bezeichnet ein relativ junges Schlagwort Menschen, die finanziellen Angelegenheiten hilflos gegenüberstehen. Aber sind wir nicht alle etwas legasthenisch veranlagt, wenn es um Geldanlage, Altersvorsorge und Risikoabsicherung geht?

Lebe heute, zahle morgen

Es ist heute schwieriger als vor 20 Jahren, sich in Finanzdingen kompetent zu fühlen. Früher war man mit Sparbuch und Girokonto, einer Immobilienhypothek und betrieblicher Altersvorsorge gut gerüstet für Notfälle und Alter. Heute weiß jeder – oder sollte es zumindest wissen –, dass die gesetzliche Rente nicht reichen wird und man selber vorsorgen muss. Finanzinstitute ködern Privatanleger mit einer Fülle komplexer Anlageprodukte und erfüllen fast jeden Wunsch mit dem passenden Kredit, selbst Urlauben geht heute auf Pump. Frei nach dem Motto: Lebe heute, zahle morgen.

Diese Verlockungen dürften nicht nur den 6,4 Millionen Deutschen zu viel geworden sein, die dem jüngsten Creditreform-Schuldenatlas zufolge überschuldet sind. Damit haben immerhin gut neun Prozent der Bundesbürger über 18 die Kontrolle über ihre Finanzen verloren, jeder Vierte ist unter 30 Jahre alt, Tendenz steigend.

Und dennoch ist Geld, solange es noch da ist, nur Thema unter Profis oder begeisterten Amateuren. Dem Rest ist es unangenehm, darüber zu reden. Man tut das nicht, und langweilig ist es auch noch. Müssen Sie wirklich wissen, was sich hinter der Ablaufleistung Ihrer Lebensversicherung verbirgt und was die Überschussbeteiligung damit zu tun hat? Müssen Sie wissen, wann die Restschuldversicherung einspringt, die Sie höchstwahrscheinlich für Ihren Konsumentenkredit mit abgeschlossen haben? Und haben Sie mal ausgerechnet, wie sich diese Unterschrift auf Ihren Effektivzins auswirkt? Nicht? Hat Ihnen auch niemand beigebracht? Stimmt. Den Schaden haben trotzdem Sie.

Es wird nicht besser dadurch, dass sich Menschen, wenn es um Geld geht, gerne irrational benehmen. Gier frisst Hirn, kurz gesagt. Dass der Mensch in Gelddingen kein rationaler Homo oeconomicus ist, sondern sich von Emotionen leiten – und täuschen – lässt, hat die Wissenschaft der Behavioral Finance dargelegt. Mit klaren Regeln versuchen sich Anleger selbst zu überlisten – indem sie Verluste rechtzeitig realisieren, Gewinne laufen lassen oder ihr Risiko breit streuen.

Wenn Sie sich bewusst sind, dass sich Ihr gesunder Menschenverstand in Gelddingen ab und an verabschiedet, dürfen Sie sich paradoxerweise schon für kompetent halten. Aber das ist der zweite Schritt, der erste verlangt, sich überhaupt damit auseinanderzusetzen. Es lohnt sich: Wer gut mit Geld umgehen kann, ist glücklicher, hat eine Studie der University of Essex ergeben.

Na klar, wer gut mit Geld umgehen kann, hat auch mehr davon, sagen Sie jetzt. Den britischen Wissenschaftlern ging es aber nicht darum, dass die Kompetenteren auch die Vermögenderen waren. Schon die Tatsache, dass sie sich so einschätzen, reicht für das bessere Lebensgefühl. Umgekehrt heißt das laut Studie: Wen Hypotheken, Versicherungen oder auch das Esszimmer auf Raten überfordern, steht unter hohem psychologischen Stress.