KapitalanlageEs muss Ihnen nicht peinlich sein

Mit Geld umgehen können? Die meisten winken ab. Zu kompliziert! Dieses Gefühl zu überwinden ist gar nicht so schwer. von Carolyn Braun

Hans Bauer ist Mitte 60, erfolgreicher Unternehmer und zumindest so vermögend, dass er mit dem Geld, das er übrig hat, gerne ein bisschen an der Börse spielt. Als ihm ein Angebot der Landesbank Baden-Württemberg ins Haus flattert, juckt es ihn mal wieder in den Fingern. Eine » Commerzbank Protect-Aktien-Anleihe« soll er zeichnen, es winken »15 Prozent Verzinsung«. Verlockend, aber Bauer wundert sich über den hohen Zinssatz, weiß er doch, dass die Banken sich zurzeit günstig refinanzieren können. Warum sollten sie ihm einen solchen Zins für sein Kapital anbieten? Also liest er sich ausnahmsweise den Prospekt bis zu Ende durch und kapiert: Das ist weder eine Anleihe, noch geht es dabei um Zinsen. Vielmehr bietet ihm seine Bank ein strukturiertes Produkt an, das auf den Börsenkurs der Commerzbank wettet. Hat die Wette Erfolg, beträgt die Rendite 15 Prozent. Wenn nicht, verliert er Geld.

Wenn Sie jetzt ungläubig den Kopf schütteln über Bauers Ahnungslosigkeit in Börsendingen, lesen Sie nicht weiter. Weil es ihm selber peinlich ist, will er seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung sehen. Aber vielleicht sind Sie ja unsicher, ob Sie bei einer mit 15 Prozent verzinsten Anleihe nicht auch schwach geworden wären. Sie müssen deswegen ja nicht gleich ein »finanzieller Analphabet« sein – so bezeichnet ein relativ junges Schlagwort Menschen, die finanziellen Angelegenheiten hilflos gegenüberstehen. Aber sind wir nicht alle etwas legasthenisch veranlagt, wenn es um Geldanlage, Altersvorsorge und Risikoabsicherung geht?

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Lebe heute, zahle morgen

Es ist heute schwieriger als vor 20 Jahren, sich in Finanzdingen kompetent zu fühlen. Früher war man mit Sparbuch und Girokonto, einer Immobilienhypothek und betrieblicher Altersvorsorge gut gerüstet für Notfälle und Alter. Heute weiß jeder – oder sollte es zumindest wissen –, dass die gesetzliche Rente nicht reichen wird und man selber vorsorgen muss. Finanzinstitute ködern Privatanleger mit einer Fülle komplexer Anlageprodukte und erfüllen fast jeden Wunsch mit dem passenden Kredit, selbst Urlauben geht heute auf Pump. Frei nach dem Motto: Lebe heute, zahle morgen.

Diese Verlockungen dürften nicht nur den 6,4 Millionen Deutschen zu viel geworden sein, die dem jüngsten Creditreform-Schuldenatlas zufolge überschuldet sind. Damit haben immerhin gut neun Prozent der Bundesbürger über 18 die Kontrolle über ihre Finanzen verloren, jeder Vierte ist unter 30 Jahre alt, Tendenz steigend.

Und dennoch ist Geld, solange es noch da ist, nur Thema unter Profis oder begeisterten Amateuren. Dem Rest ist es unangenehm, darüber zu reden. Man tut das nicht, und langweilig ist es auch noch. Müssen Sie wirklich wissen, was sich hinter der Ablaufleistung Ihrer Lebensversicherung verbirgt und was die Überschussbeteiligung damit zu tun hat? Müssen Sie wissen, wann die Restschuldversicherung einspringt, die Sie höchstwahrscheinlich für Ihren Konsumentenkredit mit abgeschlossen haben? Und haben Sie mal ausgerechnet, wie sich diese Unterschrift auf Ihren Effektivzins auswirkt? Nicht? Hat Ihnen auch niemand beigebracht? Stimmt. Den Schaden haben trotzdem Sie.

Es wird nicht besser dadurch, dass sich Menschen, wenn es um Geld geht, gerne irrational benehmen. Gier frisst Hirn, kurz gesagt. Dass der Mensch in Gelddingen kein rationaler Homo oeconomicus ist, sondern sich von Emotionen leiten – und täuschen – lässt, hat die Wissenschaft der Behavioral Finance dargelegt. Mit klaren Regeln versuchen sich Anleger selbst zu überlisten – indem sie Verluste rechtzeitig realisieren, Gewinne laufen lassen oder ihr Risiko breit streuen.

Wenn Sie sich bewusst sind, dass sich Ihr gesunder Menschenverstand in Gelddingen ab und an verabschiedet, dürfen Sie sich paradoxerweise schon für kompetent halten. Aber das ist der zweite Schritt, der erste verlangt, sich überhaupt damit auseinanderzusetzen. Es lohnt sich: Wer gut mit Geld umgehen kann, ist glücklicher, hat eine Studie der University of Essex ergeben.

Na klar, wer gut mit Geld umgehen kann, hat auch mehr davon, sagen Sie jetzt. Den britischen Wissenschaftlern ging es aber nicht darum, dass die Kompetenteren auch die Vermögenderen waren. Schon die Tatsache, dass sie sich so einschätzen, reicht für das bessere Lebensgefühl. Umgekehrt heißt das laut Studie: Wen Hypotheken, Versicherungen oder auch das Esszimmer auf Raten überfordern, steht unter hohem psychologischen Stress.

Leserkommentare
  1. selbst unsere Politiker, die sogenannte (selbsternannt) "Elite" kann nicht mit Geld umgehen - mit ihrem eigenen nicht (Lindner) und mit anvertrautem sowieso nicht.

    2 Leserempfehlungen
  2. Wenn es Bankmitarbeitern untersagt wäre (so war es einmal) Versicherungen zu verkaufen und zeitgleich Versicherungsvertreter keine Bankprodukte mehr anbieten dürften, dann wäre der volkswirtschaftliche Schaden weit geringer, da die Ausbildung dieser Personengruppen auf dem jeweils anderen "Schlachtfeld" nicht den Anforderungen entspricht.

    • trsnC
    • 20. April 2012 8:10 Uhr

    Oder auch nicht. Zwei Seiten mit dem finalen Ratschlag, zu einem Experten zu gehen, ja, das halte ich für ein wenig mau.

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    • DDave
    • 24. Mai 2012 18:12 Uhr

    ... werden Sie Ihr eigener.
    Vom heutigen Einkommen 70% bis 90% verwenden, 30% bis 10% für schlechte Zeiten & Investitionen aufheben.
    Alles, was weniger als 5000€ kostet und man nicht "bar" bezahlen kann, muss man auf später verschieben, denn 1. Regel keine Kreditaufnahme unter 5000€.
    Keine Finanzierung von Fonds, keinen Aktienhandel, keine Genussrechte, keine Lebensversicherung, keine sonstigen unnötigen Versicherungen, keine Riester-Rente, keine sonstigen Rentenverträge, kein Bauspar-Vertrag, keines dieser widerlichen Bankprodukte, stattdessen Geld auf dem Girokonto oder Sparbuch lagern, bis es genügend Geld ist um ein Eigenheim anteilig(10% aufwärts) zu finanzieren, der Rest per Kredit....
    Denn jede Produkt beinhaltet 2 Dinge, einen Verkäufer und eine Verwaltung, beides kostet Geld und das kommt von IHNEN! Niemand wird mehr Geld aus einer Versicherung, Rente, etc rausbekommen, als er eingezahlt hat!

  3. "Wer gut mit Geld umgehen kann, ist glücklicher, hat eine Studie der University of Essex ergeben."

    Ich lebe von Hartz4 und einem Nebenjob, der offiziell 100€ einbringt, kenne mich bestens in den Gesetzestexten aus und brauche für mich 30€ die Woche zum Leben plus Fixkosten. Mehr brauche ich einfach nicht.

    Ja, und ich fühle mich glücklich, bin dem deutschen Konsumwahn entflohen, habe mich bewusst aus der menschenverachtenden deutschen Arbeitswelt verabschiedet und habe viele Freunde.

    Am Ende des Monats bleiben immer 200€ übrig, die ich unters Kopfkissen lege, weil ich es mir als einzigsten Luxus gönne,1x im Jahr nach Kambodscha oder Indien zu reisen, um an der Natur zu wandern. Verpflegung und Unterkunft gibt es unterwegs billigst.

    [...]

    Man muss mit Geld umgehen können. Wer es kann, braucht sehr wenig davon und ist glücklich. Sehe ich an mir selber.

    Gekürzt. Bitte beachten Sie Ihren Tonfall. Danke, die Redaktion/mo.

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    ... dann wären Sie ziemlich arm dran!

    ist das allerwichtigste. Ich sehe es genauso wie sie: Am glücklichsten ist der Mensch, der auskommt mit dem wenigen Geld was er zur Verfügung hat und der sich von materiellen Bedürfnissen verabschiedet hat.

    Ich schaffe es nicht so konsequent, gehe arbeiten und konsumiere auch hin und wieder, hinterfrage aber mittlerweile jeden Kauf und wenn das Geld alle ist, dann wird eben nichts mehr gekauft (außer beim Essen, da würde ich nie sparen) Vor allem: Arbeit soll auch Erfüllung bieten. Ich tue alles dafür, mit meiner Tätigkeit etwas sinnvolles zu erreichen und möglichst oft Dinge zu tun die mich begeistern. Daneben sollte noch genug Zeit für Familie, Hobbies und Reisen bleiben. Das ist Glück

    zahlen vor allem Ihre HartzIV-Bezüge! Wirklich dumm!

    • Tammy
    • 20. April 2012 8:53 Uhr

    Entfernt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke. Die Redaktion/kvk

    • tippex
    • 20. April 2012 9:15 Uhr

    Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Danke, die Redaktion/mo.

    Natuerlich kann man davon leben. Ein befreundetes pärchen musste nach dem studium auch kurz auf harz iv zurückgreifen und sie meinten, sie haetten in ihrer gesamten studienzeit nie so gut gelebt.

    Aber manch einer will nun mal mehr. Das bedeutet nicht mal das er konsumverrueckt ist (wie manch superreicher: handtasche fuer 30000euro, 20 sportwagen, 5 haeuser). Wer sich eine familie mit 2-3 kinder wuenscht, ein kleines haeuschen einen schoenen wagen, evtl ein kostspieligeres hobby (zb segelfliegen) ein bis zwei urlaube im jahr (4-5 sterne) ja da duerfte es schon schwer mit dem harz iv werden. Nicht zu vergessen: manch einer hat freude an seiner arbeit und findet es erfuellend eine produktive rolle in dieser gesellschaft zu spielen.
    ....

    • DDave
    • 24. Mai 2012 18:03 Uhr

    Nun ja, zu Hartz4, kann ich nur sagen, seien Sie froh, dass die Gesellschaft Ihnen diese Spesen zahlt, in Amerika liesse es sich nicht so schön leben....

    • Chali
    • 20. April 2012 8:34 Uhr

    Oh - sicher.
    Man muss sein geld nur Maschmeyer und Co anvertrauen, Riester und Rürip, nicht wahr, dann ist es weg und man weiss es gar nicht ...

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  4. ... dann wären Sie ziemlich arm dran!

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    Wir wären dann alle reich.

    ... das es so viele unterschiedliche Möglichkeiten gibt, es zu führen. Dass jemand von HartzIV prima lebt heißt doch noch lange nicht, dass er der Ansicht ist, alle sollten es ihm nachtun.

  5. ist das allerwichtigste. Ich sehe es genauso wie sie: Am glücklichsten ist der Mensch, der auskommt mit dem wenigen Geld was er zur Verfügung hat und der sich von materiellen Bedürfnissen verabschiedet hat.

    Ich schaffe es nicht so konsequent, gehe arbeiten und konsumiere auch hin und wieder, hinterfrage aber mittlerweile jeden Kauf und wenn das Geld alle ist, dann wird eben nichts mehr gekauft (außer beim Essen, da würde ich nie sparen) Vor allem: Arbeit soll auch Erfüllung bieten. Ich tue alles dafür, mit meiner Tätigkeit etwas sinnvolles zu erreichen und möglichst oft Dinge zu tun die mich begeistern. Daneben sollte noch genug Zeit für Familie, Hobbies und Reisen bleiben. Das ist Glück

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    In jedem Fall sind Sie auf dem richtigen Weg.
    Unternehmer, die das hier mitlesen, werden giften. Können sie sich doch ihre Paläste, aus denen sie niederschätzig auf die Bevölkerung blicken, nicht mehr halten, wenn die Menschen entdecken, welch ein gewaltiger sinnloser Popanz "arbeient um jeden Preis" und "Konsum" ist und feststellen, man kann viel besser leben, wenn man beides drastisch zurückfährt, bzw mindestens eine angemessene Arbeitnehmerbeteiligung am immensem Vermögen der Unternehmer fordern würden.

    Ich werde im Hochsommer bei 50 Grad in Indien sein, dieses jahr und mich fast ausnahmslos in der Natur und bei vielen Menschen aufhalten, die ich vormals kennen gelernt hatte und das, was ich dann noch über habe aus Harz4, an die Ärmsten verteilen, so wie immer.

    Es ist die schönste Zeit unter schönen Zeiten des Jahres.

    Die Herren Neider und Moralapostel in diesem Forum sollen wissen, dass sie etwas gutes tun mit ihren Steuern, die mich via H4 erreichen. Ein guter Teil davon hilft ein paar bitterarmen Familien in Indien.

  6. zahlen vor allem Ihre HartzIV-Bezüge! Wirklich dumm!

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