Im Altstadt-Gasthaus Warsberger Hof herrscht Aufbruchstimmung. Die Trierer Energiegenossenschaft stellt sich vor. Sechzig Zuhörer sind gekommen, und Zeljko Brkic, Volkswirt und Initiator der neuen Genossenschaft, berichtet über den Fortgang des Projekts. Er sagt, dass eine Solar- und eine Windkraftanlage schon in Planung seien. Die formelle Gründung der Genossenschaft, der Treneg , stehe kurz bevor. »Jetzt suchen wir Gleichgesinnte.«

Ob Handwerker, Professor oder Bankangestellter: Die meisten im Saal können der vorgestellten Idee eine Menge abgewinnen. Es geht darum, dass sie künftig die Stromversorgung ihrer Stadt selbst in die Hand nehmen wollen, zu einem Teil zumindest, und das auch noch auf ökologisch verträgliche Weise. »Was hier entsteht, das ist etwas ganz Modernes«, findet die Apothekerin Ursula Schöffling. Sie ist für die Genossenschaft, weil man bei den erneuerbaren Energien endlich »Nägel mit Köppen machen« solle.

Die Trierer liegen mit ihrem Genossenschaftsvorhaben im Trend. Mehr als 450 ähnlicher Energiegenossenschaften sind in den vergangenen fünf Jahren in Deutschland entstanden. Eine Renaissance erleben solche gemeinschaftlich betriebenen Start-ups nicht bloß im Sog der Energiewende. Auch Ärzte und Software-Entwickler, Ökobauern und Steuerberater schließen sich immer häufiger in Genossenschaften zusammen. Seit 2002 wurden rund 1.500 neue Kooperativen gegründet.

Die Zahl klingt zwar mickrig, verglichen mit dem Gründungssaldo von rund 20.000 neuen Unternehmen in einem einzigen Jahr (2011). Doch der Genossenschaftssektor stagnierte zuvor jahrelang, und die Kurve wird steiler: von elf Neugründungen im Jahr 2005 stieg sie 2011 auf 253 an. Viel höher liegt außerdem die Zahl der neu gewonnenen Genossenschaftsmitglieder. Allein den Kreditgenossenschaften schlossen sich zwischen 2008 und 2010 rund 466.000 neue Mitglieder an. »Erfolgreicher denn je« sei diese Unternehmensform, befand darauf die Financial Times. Auch Theresia Theurl, Ökonomin an der Universität Münster, sieht da ein »Traditionsmodell mit Zukunft« wachsen.

Und das erfährt in diesen Wochen noch mehr Aufmerksamkeit: Die Vereinten Nationen haben 2012 zum Internationalen Jahr der Genossenschaften erklärt und fordern alle Mitgliedsstaaten dazu auf, diese Wirtschaftsvereine stärker zu fördern. Am kommenden Mittwoch wird aus diesem Anlass auch die Bundeskanzlerin bei den Genossenschaftsverbänden sprechen. Doch woher rührt dieses neue Interesse an einer ziemlich alten Idee?

Alt ist der Gedanke wirklich. Friedrich-Wilhelm Raiffeisen hat ihn einmal in einen Leitspruch gepackt: »Was der Einzelne nicht vermag, das vermögen viele.« Mitte des 19. Jahrhunderts setzte der konservative Sozialreformer das erstmals in die Praxis um. Mit »Brodvereinen« und Darlehenskassen versuchte er, die Not leidenden Bauern des Westerwaldes aus dem Würgegriff von Wucherern zu befreien. Etwa gleichzeitig kam der liberale Politiker Hermann Schulze-Delitzsch in Preußen auf die Idee, verarmten Handwerkern mit »Rohstoff-Associationen« zu helfen. Die Kleingewerbe konnten in der Konkurrenz zu den neuen Industrieunternehmen nur überleben, wenn sie ihr Material gemeinsam günstig einkauften und sich in »Vorschuss-Vereinen« gegenseitig Geld liehen.

Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung: Auf diese Prinzipien der Pioniere berufen sich die Genossenschaften auch heute. Sie sind Unternehmen und rufen nicht nach dem Staat – dienen aber andererseits nicht in erster Linie dem Zweck, möglichst hohe Gewinne und Renditen zu erwirtschaften. Ihr Ziel lautet vielmehr, ihren Mitgliedern durch das gemeinschaftliche Wirtschaften auf Dauer einen bestimmten wirtschaftlichen Vorteil zu verschaffen. Das können bei den Genossenschaften in der Landwirtschaft günstige Preise für Düngemittel sein oder bei den Wohnungsgenossenschaften eine billige und sichere Unterkunft.

Oder es kann in einer Gemeinde »die Selbstversorgung mit Wärme und Strom, die auch in Zukunft bezahlbar bleibt und zugleich die Umwelt schont« sein, wie Zeljko Brkic es gerade seinen potenziellen Mitgenossen im Warsberger Hof erklärt. 300 Interessenten haben dem Trierer Projekt schon vor dem offiziellen Startschuss insgesamt 150.000 Euro in Aussicht gestellt.

Bedürfnis nach Sicherheit und Vertrauen rückt Genossenschaften wieder ins Blickfeld

Wer einen Genossenschaftsanteil zeichnet, ist zugleich Eigentümer und Kunde und kann bei allen wichtigen Entscheidungen mitreden. In den Generalversammlungen werde zum Beispiel festgelegt, »welche Rendite wir auszahlen und welche Rücklagen gebildet werden, damit wir in neue Anlagen investieren können«, sagt Zeljko Bkric. So mobilisieren Energiegenossenschaften Geld aus den Taschen vieler Bürger für die dezentrale Energiewende – und damit für Investitionen, bei denen sich die Großen bislang Zeit gelassen haben.

Wie bei GmbHs, AGs oder GbRs ist auch bei den eGs die Vielfalt groß. So steht bei manchen die soziale Seite im Vordergrund; zum Beispiel wenn Arbeitslose gemeinsam etwas auf die Beine stellen, um sich selbst Jobs zu organisieren – beispielsweise einen genossenschaftlichen Senioren-Service. Bei anderen dominiert der unternehmerische Vorteil. Mediatoren, Modedesigner oder die Berlin MusicCommission, ein Zusammenschluss von Künstlern und Konzertveranstaltern, stärken sich mit gemeinsamen Labels oder kombinierten Produktangeboten gegenseitig. Locker verbunden in einer unkomplizierten Rechtsform, bei der man kein hohes Mindestkapital braucht und nur mit seinem Anteil haftet, könnten sie klein und unabhängig bleiben und sich trotzdem behaupten, sagt Theresia Theurl.

Rund 20 Millionen Bundesbürger sind heute an einem der über 7600 Gemeinschaftsunternehmen beteiligt. Dazu gehören 2.000 Wohnungsgenossenschaften. Das sind fünfmal so viele Genossenschaftler wie Aktionäre. Weltweit summierten sich 800 Millionen Mitglieder zu einem »unbekannten Riesen«, schreibt Konny Gellenbeck, Leiterin der Zeitungsgenossenschaft der taz, in ihrem jüngst erschienenen Buch Gewinn für alle.

Lange wurde dieser Riese übersehen, weil Genossenschaften mit dem Image ökonomischer Kuschelecken für risikoscheue Geschäftsführer und piefige Kleinbürger zu kämpfen hatten. Man belächelte die Kooperativen, die aus der Alternativbewegung der siebziger Jahre übrig geblieben sind. Ihre Schwestern im Osten, die das Prinzip der Eigenverantwortung mit ihrer staatlichen Kontrolle pervertierten, galten ohnehin als Inkarnation sozialistischen Missmanagements. Trotzdem hat die Genossenschaftsidee im Stillen all das überdauert.

Die Solidität gewinne neue Anziehungskraft, so erklärt sich das Theresia Theurl. Vor dem Hintergrund der globalen Finanz- und Klimakrisen würden Gemeinschaftsunternehmungen wieder als Chance ins Spiel gebracht, als »dritter Weg« zwischen Privat und Staat. Konny Gellenbeck schreibt, mit ihrem demokratischen Aufbau demonstrierten Genossenschaften ein »künftiges Wirtschaftsmodell, das den Horror des unregulierten Raubtierkapitalismus ebenso vermeidet wie die Lähmungen kollektiver Zwangswirtschaft«.

Die Vereinten Nationen betonen unterdessen besonders den Beitrag der Kooperativen für eine »nachhaltige Entwicklung« und die »Beseitigung der Armut«. In vielen ärmeren Ländern lebt die Mehrheit der Bevölkerung auf dem Land, und seit in den achtziger Jahren staatliche Vermarktungsorganisationen ausgedünnt wurden, sind die Erzeuger oft ähnlich verarmt und isoliert wie europäische Bauern zu Raiffeisens Zeiten. In Genossenschaften, meinen manche UN-Experten, hätten sie größere Chancen, die Qualität ihrer Produkte zu verbessern und sich Zugänge zu Märkten zu erschließen.

Aber auch in Industrieländern werden zunehmend Aufgaben für Genossenschaften ausgemacht: Zum Beispiel dort, wo der demografische Wandel ländliche Regionen schwächt. Wo junge Leute wegziehen und Gemeindekassen entsprechend klamm sind, machen rein gewinnorientierte private Unternehmer häufig keinen ausreichenden Schnitt mehr, und sie ziehen weg oder schließen ihre Filialen.

Immer häufiger betreiben dann die Bewohner selbst, mal in Eigenregie und mal gemeinsam mit der Gemeindeverwaltung, Dorfläden, Schwimmbäder oder Schulen. Kämmerer verschuldeter Ruhrgebietsgemeinden lassen sich zum Beispiel von einer Kulturgenossenschaft im fränkischen Ansbach anregen, die mit Faust-Inszenierungen, Kino und Konzerten für Furore sorgt.

Vor allem aber hat das Bedürfnis nach Sicherheit und Vertrauen, das nach der Finanzkrise gestiegen ist, die Genossenschaften wieder ins Blickfeld gerückt. Ihre Orientierung auf einen »Member Value«, einen Nutzen für die Mitglieder, der über das reine Aktionärsinteresse (»Shareholder-Value«) hinausgeht, die breitere Kontrolle durch die Mitglieder und die verpflichtenden Check-ups beim Prüfungsverband lassen die Kooperativen oft bodenständiger wirtschaften als andere.

Vor schlechten Managern sind freilich auch Genossenschaften nicht gefeit. Und ihre Neigung zur Risikoscheu lässt sie ab und zu neue Chancen verpassen. Als vertrauenswürdige Geldverwahrer aber haben sie manchen verängstigten Sparer und Anleger nach der Finanzkrise überzeugt. Das erklärt Überraschungserfolge wie den eines Bochumer Kreditinstitutes mit dem ausgefallenen Namen »Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken«.

Genossenschaftliche Kreditinstitute kamen ohne staatliche Milliardenhilfen aus

Ursprünglich hatte sie in einer winzigen anthroposophisch geprägten Nische agiert, aber nun hat sie seit 2011 rund 4.000 neue Anteilseigner gewonnen und will laut Eigenwerbung die »erste sozial-ökologische Universalbank der Welt« sein. Und immerhin: Das Anlegergeld fließt hier nur in Projekte, die man für »nachhaltig« erachtet, zum Beispiel die Züchtung ökologischen Saatguts, die Einrichtung von Behinderten-Wohngemeinschaften, freier Schulen oder eines Vereins für mehr Demokratie.

Auch der Marktanteil der Volks- und Raiffeisenbanken stieg nach dem Schockjahr 2008 auf über 18 Prozent deutlich an. Im Gegensatz zu vielen Konkurrenten, die sich in Zockeranlagen verheddert hatten, kamen die genossenschaftlichen Kreditinstitute ohne staatliche Milliardenhilfen über die Runden. Gedankt war ihre Stabilität vorsichtigeren Anlagen, höheren Rücklagen und der Tatsache, dass die Anteile ihrer Mitglieder nicht auf den Finanzmärkten gehandelt werden. Da sie regional organisiert sind, stehen sie überdies ähnlich wie die Sparkassen oft in engerem Kontakt mit lokalen Mittelständlern und gaben ihnen auch noch auf dem Höhepunkt der Krise eher Kredite.

Damit kommen Genossenschaften einem weiteren gesellschaftlichen Trend entgegen: der Rückbesinnung aufs Regionale.

Zum Beispiel in den Energiegenossenschaften à la Trier, die gerade so in Mode kommen. Auch die haben neben dem Klimawandel die heimische Wirtschaft im Blick. In Trier machen die Volksbank und die Stadtwerke bei der Treneg auch deshalb mit, weil sie auf neue Wertschöpfung hoffen, wenn die Gewinne aus dem sicheren Stromgeschäft nicht mehr in die Zentralen der Energiekonzerne abfließen. Ein lokaler Versorger, sagt Gerhard Dehen von der Trierer Volksbank, denke bei Installations- und Wartungsaufträgen eher an heimische Firmen.

Für viele Bürger wird es zum völlig neuen Wirtschaftsgefühl, plötzlich mitten dabei zu sein. Die Kronenbergs zum Beispiel: Er ist Elektriker in Trier, sie Grundschullehrerin. Zwei Treneg-Anteile à 500 Euro wollen sie zeichnen. Wichtiger als die mögliche Rendite von maximal vier Prozent sei ihr, »zu zeigen, dass es ohne Kernenergie geht«, sagt Maria Kronenberg. »Wir wohnen ja hier nur ein paar Kilometer vom französischen Atomkraftwerk Cattenom mit seinen ewigen Pannen entfernt.«

Ein Mitglied, eine Stimme: Mit ihren 1.000 Euro haben die Kronenbergs die gleichen Rechte wie Mitstreiter, die das Mehrfache eingezahlt haben. Nach dieser Regel wird verhindert, dass sich finanzstarke Teilhaber der Sache bemächtigen können.

Wiederentdeckt werden Genossenschaften als Teil einer »solidarischen Ökonomie« auch dort, wo die Mieten unerschwinglich zu werden drohen. »Anonyme Investoren oder wir?«, stand auf einem Flugblatt, mit dem Ulrich Haneke und Aino Simon ein kühnes Modell starteten. Ihre Genossenschaft baut mitten in Kreuzberg einen ganz neuen Kiez.

Nach langen Werbetouren im Viertel und zähen Verhandlungen mit dem Grundstücksbesitzer, trieben die beiden vor zwei Jahren innerhalb weniger Wochen 230 Pioniere und satte acht Millionen Euro auf – und konnten ein drei Hektar großes Gelände mit Park auf dem früheren Anhalter Güterbahnhof erwerben. »Dabei wussten unsere Mitglieder seinerzeit noch nicht mal«, sagt Aino Simon, »ob das Projekt gelingen würde.«

Die beiden Vorstände stehen für die Grundidee des Zusammenlebens der Generationen. Haneke, Betreiber eines Rechenzentrums, ist im Rentenalter; Aino Simon, eine 31-jährige Politologin, hat gerade erst eine Familie gegründet.

Mittlerweile hat die Genossenschaft 1.060 Mitglieder und eine lange Warteliste. Ab Herbst soll gebaut werden, 420 Wohnungen sind geplant. Und zwar ökologisch integer mit – mindestens – Passivhausstandard und ohne Autos, rollstuhl- und kinderwagengerecht nebst Läden, Cafés, einem Hotel.

Bei so hohen Ansprüchen geht es bei den Versammlungen in der Heilig-Kreuz-Kirche manchmal ganz schön rund, etwa wenn darüber diskutiert wird, was das alles kosten darf oder wie man auch einkommensschwache Mieter einbeziehen kann. Solche Debatten mögen abschrecken. Aino Simon ist da aber ganz pragmatisch: »Wem das zu anstrengend ist, der sucht sich eben was anderes.«