Es ist eine Weile her, da wurde Jean-Claude Juncker in Bad Honnef zum Aalkönig ernannt. Anderswo werden Kohl- oder Kartoffelkönige gekürt, in der kleinen Stadt am Rhein pflegen sie das Aalkönigtum, auch um sich an die eigene, vergangene Wichtigkeit zu erinnern. An die Zeit, als im nahe gelegenen Bonn regiert wurde und Helmut Kohl hier gelegentlich beim Italiener aß.

Jean-Claude Juncker kommt an diesem Abend aus Warschau, dort haben sich – es ist Herbst 2011 – einmal mehr die Wichtigen Europas getroffen. Nun empfangen ihn die Honnefer Honoratioren im festlich geschmückten Kursaal. Es soll ein Abend unter Freunden werden, für den luxemburgischen Regierungschef eine kurze Pause vom hektischen Krisenmanagement, das ihn seit Monaten in Atem hält. Einer der Freunde ist Friedhelm Ost.

Ost war in den achtziger Jahren in Bonn Regierungssprecher, nun ist er Mitglied des Aalkönigkomitees. Er preist Juncker als »großen Europäer«, der in einer Reihe mit Robert Schuman, Konrad Adenauer und Helmut Kohl stehe. Juncker streicht Ost daraufhin liebevoll über den Kopf. Später wünscht er seinen neuen Untertanen »fröhliche Knechtschaft« und flachst mit Kohls ehemaligem Kanzleramtsminister Rudolf Seiters, der eine der Festreden hält.

Griechenland, die Krise, die Erschütterung der EU, all das wird an diesem Abend in Nebensätze verbannt. Und doch – oder gerade deshalb – schwebt die Frage im Raum, ob der grauhaarige, leicht zerknitterte Mann, der dort vorne auf der Bühne steht und aus voller Kehle Ein Prosit der Gemütlichkeit schmettert, eigentlich noch ein Mann der Gegenwart ist oder schon einer der Vergangenheit. Singt dort noch der amtierende Euro-Gruppen-Chef oder bereits ein Ehemaliger, der mit Ehemaligen feiert?

In diesem Sommer endet Junckers Amtszeit als Chef der Euro-Gruppe. Er hat mehrfach erklärt, er wolle nicht noch einmal kandidieren. Doch nicht alle glauben ihm. Hört er wirklich auf, wäre das eine Zäsur – nicht das Ende, aber doch ein Rückzug des Europapolitikers Juncker.

Einige Monate nach dem Treffen am Rhein. In Brüssel haben die Osterferien begonnen, im Europaviertel ist es ruhig geworden. Auch die Krise tritt seit einigen Wochen etwas leiser. Jean-Claude Juncker sitzt an einem Besprechungstisch in der Vertretung des Großherzogtums Luxemburg. Vor ihm liegt griffbereit ein schwarzes Lederetui mit Zigaretten, daneben ein Aschenbecher, eine Kaffeetasse, Unterlagen. Wie viele Zigaretten es am Ende des Gesprächs gewesen sein werden, darf nicht verraten werden. Genauso wenig wie der Grund, warum der Luxemburger kurz vor Ostern noch einmal nach Brüssel gereist ist. Nur so viel: Juncker muss »noch etwas regeln«.

Das ist die Rolle seines Lebens: Juncker hat vieles geregelt in Europa, seit er vor dreißig Jahren als junger Staatssekretär das erste Mal an einem europäischen Ministerrat teilgenommen hat. Die EU zählte damals zehn Mitglieder; später, als er Ministerpräsident wurde, waren es zwölf. Juncker erinnert sich: Der erste Gipfel, an dem er teilnahm, fand in Cannes statt, im Juni 1995. In Bosnien herrschte Krieg; Jacques Chirac war gerade zum französischen Präsidenten gewählt worden; der griechische Ministerpräsident hieß Andreas Papandreou, der Vater des vorletzten Ministerpräsidenten Giorgos Papandreou. Chirac und Papandreou stritten damals heftig über die Rolle Serbiens.