Raoul SchrottKüssen, beißen, fressen

Literatur aus dem Reagenzglas: Raoul Schrotts Erzählung "Das schweigende Kind" ist eine gekonnte Spielerei. von Friedhelm Rathjen

Ein Mann sitzt in einer Nervenklinik und muss »Zeugnis alles Falschen ablegen«, um »die Wahrheit sagen zu können«. Auf Veranlassung seines Arztes schreibt er sich etwas vom Leib, von dem nie auch nur annäherungsweise klar wird, ob es Realerinnerungen sind oder Fantasien oder – wahrscheinlich doch – ein Gemisch aus beidem. Die Aufzeichnungen beginnen mit der Geburt seines Kindes, dem Anfang von etwas; dennoch herrscht hier keine chronologische Ordnung, Vor- und Nachgeschichten wirbeln in Bruchstücken durcheinander: »Was aber, wenn alles zugleich gegenwärtig ist, an unterschiedlichen Orten, zu verschiedenen Zeiten, ohne ein Nacheinander zuzulassen?«

Der Berichterstatter sieht sich »gefangen in einer Geschichte, die mich auch hier keinen Tag losließ«, und Stück für Stück schält sich für uns aus dieser Geschichte der »Schattenriss einer Familie« heraus, die nie wirklich eine Familie ist. Der Mann, von Beruf Maler, erzählt davon, wie er sich auf eine zerstörerische Liebe zu einem Aktmodell einließ, wie aus dieser Liebe ein Wunschkind hervorging, gezeugt freilich im Reagenzglas, und wie sich im Moment der Geburt des Kindes die Liebe zwischen Mann und Frau endgültig verflüchtigte und abgelöst wurde durch die Liebe zum Kind, das die Frau dem Mann bald planmäßig zu entziehen beginnt. All das erzählt der seines Kindes beraubte Mann allerdings nicht uns, er schreibt es für die einzige Adressatin auf, die er sich vorstellen kann, nämlich seine Tochter – und dies, ohne zu wissen, ob er sein Briefkonvolut je abschicken und ob die Tochter seine Beichte je lesen wird.

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In den erinnernden Beschreibungen der Liebe herrscht ein sadomasochistischer Ansatz vor, dem zufolge die unterschiedlichen Funktionen der Körperteile in eins fallen: Küssen, beißen und fressen wird ebenso ununterscheidbar wie streicheln, ritzen, verwunden. Was gleichzeitig heißt, dass es keine Differenz zwischen Schmerz und Linderung, zwischen Anklage und Beichte, zwischen Täter- und Opferrolle gibt – oder dass, falls es doch eine gibt, diese irrelevant ist für die Welt dieses Textes. Insofern ist es nur konsequent, dass der Mann, der sich als Opfer der Mutter-Tochter-Beziehung sieht, in einer bizarr surrealen Sequenz, die im Milieu der Balkan-Mafia spielt, zum Täter im explizitesten Sinne mutiert. Die losen Erzählfäden verknoten sich auf eine Weise, die aus diesem Buch vorübergehend einen Krimi zu machen droht. Freilich zerfällt der Knoten am Ende doch wieder, die scheinbare Folgerichtigkeit erweist sich als Würfelspiel von Zufälligkeiten, die Verknüpfung von Gewalt und Geschlechtlichkeit ist »bloß die Aleatorik von Chromosomen«.

Raoul Schrotts Erzählung Das schweigende Kind fügt sich aus Sätzen, die allesamt in die Irre weisen und eine plane Tektonik vorschützen, die gar nicht vorhanden ist. Nichts wäre unsinniger, als dieses Buch als literarische Auseinandersetzung mit dem etwas in Mode gekommenen Thema Kindesentzug zu lesen (dann wäre es lachhaft) oder als Studie zur Ethik von Schuld und Sühne (dann wäre es banal). Wir dürfen uns auch von dem Tiefsinn vortäuschenden raunend-prätentiösen Duktus nicht beirren lassen, in dem insgeheim Zitate aus diversen Quellen von Nietzsche (»absolute Willensfreiheit ohne Fatum würde den Menschen zu Gott, das fatalistische Prinzip allein ihn zum Automaten machen«) bis zu Beckett (»auge und hand nach unselbst fiebernd«) mitschwimmen, allesamt leicht frisiert. Die eigentlichen Gelenkstellen sind jene, wo »Bildsprünge und verschobene Metaphern« die Prosa durchkreuzen, wo Raoul Schrott grammatische, semantische und syntaktische Patzer (»Was die anderen ablenkte oder übergingen«, »An- und Abstoßungskräfte«, »Abneigung für«) in den Text einbaut, die zu gröblich sind, als dass sie ihm versehentlich unterlaufen sein könnten. Von diesen Stellen her gerät die austariert scheinende Erzählung in Schieflage und die Spiegelachse zwischen Identität und Differenz, zwischen Künstler und Modell aus dem Lot.

Genau in der Mitte der 33 Erzählsegmente steht eines, das die Blickrichtung der übrigen umkehrt – der Maler, der das Ich dieser Erzählung ist, wird zum Modell, und das Bild, das nach diesem Modell entsteht, »diese Kopie meiner selbst«, erschrickt ihn zutiefst: »bei jedem Mal erschien es mir noch trister als das Nachbild, das mir gerade noch vor Augen stand, so pathetisch wie lächerlich, bis ich schließlich die Fassung verlor und wortlos zur Tür hinausging.« Raoul Schrotts Das schweigende Kind ist ein ausgefuchstes Schelmen- und Kabinettstück literarischer Perspektiventechnik. Das ist nicht wenig, aber auch nicht viel.

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