Mikrobiologie : Vom Bauch zum Kopf

Die Darmflora ist nicht nur für die Verdauung entscheidend. Sie könnte auch unser Nervensystem und unser Verhalten beeinflussen.
Besucher laufen durch eine riesiges, 20 Meter langes Modell des menschlichen Darms (Archivfoto). © Joern Pollex/Getty Images

Peer Bork arbeitet an einer etwas seltsamen Partnervermittlung. In dem Sozialen Online-Netzwerk, das er mit entwickelt hat, suchen die Mitglieder keinen Partner fürs Leben, keine alten Bekannten oder keinen neuen Arbeitgeber, sie treffen Menschen, deren Darmflora ihrer eigenen ähnelt.

Das eigenwillige Projekt ist das Resultat knochenseriöser Forschung. Peer Bork, Biochemiker am Europäischen Laboratorium für Molekularbiologie in Heidelberg, will ein Rätsel lösen, das für Laien zunächst seltsam klingt: Wie stark beeinflussen die zahllosen Bakterien, die unseren Darm besiedeln, den Rest des Körpers, etwa unser Gehirn? Um diese Frage zu klären, benötigt Bork möglichst viele Daten, und die hofft er über das Soziale Netzwerk zu bekommen.

Unser Darm bietet Myriaden Mikroben Unterschlupf. Diese helfen beim Verdauen und unterstützen das Immunsystem. Nun weist eine Vielzahl neuer Studien darauf hin, dass die Darmbakterien für unseren Körper eine noch größere Rolle spielen. Die kühnen Vermutungen: Sie entscheiden, ob jemand dick wird, beeinflussen sogar das Verhalten. Bestätigten sich diese Annahmen, wäre das eine medizinische Revolution. »Wir werden unser Bild vom menschlichen Körper völlig überdenken müssen«, prophezeit Peer Bork.

Noch zeigen die Studien ein eher lückenhaftes Bild, aber eindeutig ist: Darmbakterien, Immunsystem, Stoffwechsel und Gehirn interagieren miteinander. Inzwischen ermitteln Mediziner, Mikrobiologen und Biochemiker aus der ganzen Welt in Sachen Darmflora. Obwohl nicht alle als Team zusammenarbeiten, hat sich eine Art Aufgabenteilung ergeben. Die meisten Experten versuchen, Einzelaspekte zu klären und etwa mögliche Einflüsse der Darmbakterien auf Stoffwechsel, Immunsystem oder Gehirn mittels Mäuseexperimenten zu erkunden. Andere Forscher tragen solche Einzelergebnisse wie ein Mosaik zusammen. Und schließlich sind da noch die kreativen Köpfe um Peer Bork, die neue Wege gehen, um ihre Informationen einzuholen. Das Facebook-Pendant ist ein solcher Weg.

Die Idee mit dem Sozialen Netzwerk hat eine lange Vorgeschichte. Bork und seine Kollegen analysierten die Besiedelung des menschlichen Darms. Dazu suchten sie in Stuhlproben aus Europa, Asien und Amerika nach Genfragmenten von Mikroben. Dann versuchten sie, diese Fragmente bereits in Datenbanken gespeicherten Bakteriengenomen zuzuordnen. Zusätzlich verwendeten sie ältere Analysen von Stuhlproben aus den USA und Dänemark.

»Eigentlich hatten wir erwartet, dass die Besiedelung des Darms bei jedem Menschen anders ist«, sagt Peer Bork. Doch dann entdeckten die Wissenschaftler drei Typen von Darmflora, die sie Enterotypen nennen. Bei jedem der drei Typen ist eine bestimmte Bakterienart besonders häufig im Darm vertreten. Alle Versuchspersonen ließen sich einer dieser drei Gruppen zuordnen. So haben Menschen offenbar unabhängig von Faktoren wie Herkunft, Alter oder Body-Mass-Index einen der drei Enterotypen. »Sie sind vergleichbar mit Blutgruppen«, sagt Peer Bork.

Einen kleinen Haken hat die Untersuchungsmethode allerdings: Die Entdeckung der Enterotypen basiert allein auf Analysen von Stuhlproben, und die sind nur begrenzt aussagekräftig. Schließlich könnte die Besiedelung im Darm ganz anders aussehen als jene Bakterienpopulationen, die ausgeschieden werden. Bisher werden meist Stuhlproben untersucht, weil die einfacher erhältlich sind als Proben aus dem Darm selbst. Und auch die würden Fragen offenlassen: Wo genau nimmt man die Probe? Die Darmbesiedelung variiert von Zentimeter zu Zentimeter.

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Kommentare

21 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Faszinierend und irgendwie auch logisch, dass ...

... wissenschaftlich aufgearbeitet wird, was eigentlich jeder an sich selber erleben kann: Die Ernährung bestimmt auch unser Verhalten.

Ich sage das als jemand, der isst, was ihm schmeckt und dabei in engen Grenzen sein Gewicht hält, das schon oft als eigentlich zu niedrig bezeichnet wurde. Früher habe ich mir mal Gedanken darüber gemacht, ob Ärzte und andere recht haben. Heute bügele ich solche Bemerkungen damit weg, dass ich auf eine jahrzehntelange Konstanz verweise und Versuche mir wissentlich eine Wohlstandswampe anzufressen gescheitert sind.

Bei solchen Fresskuren habe ich persönlich nur eines deutlich festgestellt: Zwei kg über meinem "Normalgewicht" werde ich träge, das Denken wird zäh, und ich habe keinen Appetit mehr. Ein Weiterstopfen wird zum Problem und der Gewichtszuwachs geht gegen null.

Erst, wenn ich wieder meinen Appetit bestimmen lasse, worauf ich gerade Lust habe, normalisiert sich das Ganze. Das Gewicht sinkt auf "Normal-60", der Brägen tickt wieder wie gewohnt, Stimmung und Antrieb normalisieren sich.

Das sind meine persönlichen Erfahrungen, wer mir heute von allgemeinen Erkenntnissen und Tabellen (die auf Statistiken beruhen) ausgehend Gewicht und Ernährung bestimmen will, läuft in ein offenes, durch eigenes Erleben geschärftes, Messer.

Ob es ein Umweg ist, oder in die Irre führt, im Zusammenhang mit Wohlfühlfaktor und Psyche die Darmbakterien zu untersuchen, wird sich zeigen. Zumindest ist dieser Ansatz erfrischend innovativ.

Kai Hamann