Auch eine künstlich verbesserte Darmflora beeinflusst offenbar das Verhalten, wie ein anderer Versuch zeigt: Ein irisch-kanadisches Forscherteam fütterte eine Mäusegruppe mit dem darmfreundlichen Bakterium Lactobacillus rhamnosus, das in Joghurt vorkommt, die Kontrollgruppe bekam normales Futter. Wurden die Mäuse dann auf ein liegendes Kreuz mit zwei freien und zwei durch Wände geschützten Armen geschickt, verhielten sich die beiden Gruppen unterschiedlich. Gemäß einem Bericht der Proceedings of the National Academy of Sciences (online) trauten sich die bakteriengefütterten Mäuse viel öfter auf die freien Flächen – davor fürchten sie sich normalerweise – als ihre konventionell ernährten Artgenossen. Das Bakterienfutter mache mutiger, folgern die Forscher.

In einem zweiten Experiment mussten die Mäuse schwimmen. Die Bakterienfresser versuchten länger, sich über Wasser zu halten, als die Mäuse aus der Kontrollgruppe. Die Forscher führen das auf eine positivere Stimmung in der ersten Gruppe zurück. Tatsächlich stieg bei diesen Mäusen in solchen Gefahrensituationen der Spiegel des Stresshormons Corticosteron weniger stark an. Außerdem veränderten sich bei ihnen die Strukturen im Gehirn, die für die Aufnahme eines Neurotransmitters (GABA) zuständig sind. Vermutlich sei dies die Ursache für weniger ängstliches Verhalten. In einem weiteren Versuch durchtrennten die Forscher den Vagusnerv der Mäuse. Dieser Nerv gilt als wichtig für die Kommunikation zwischen Bauch und Hirn. Dann erst gab es Futter mit Bakterien. Diesmal zeigten sich keine Veränderungen der GABA-Rezeptoren im Gehirn und auch kein Anti-Angst-Effekt. Offenbar muss der Vagusnerv intakt sein, damit darmfreundliche Bakterien das Hirn verändern können.

Solche Experimente stützen die These, Darmbakterien beeinflussten auch die Psyche. Falls dies für Menschen zuträfe, würfe das grundlegende Fragen auf – kann man sich etwa glücklich essen? Schließlich dürfte sich die Darmflora durch die Ernährung steuern lassen. Wären gar psychische Krankheiten behandelbar? Und sollten Ärzte vorsichtiger Antibiotika verschreiben, weil diese die Darmflora verändern und womöglich psychische Probleme verursachen oder verstärken?

Während Wissenschaftler emsig einzelne Elemente der Kommunikation zwischen Bauch und Kopf aufklären, hat Emeran Mayer von der University of California in Los Angeles die Rolle des Masterminds übernommen. Der Neurogastroenterologe erforscht die Zusammenhänge zwischen Gehirn und Magen-Darm-System und hat die Puzzlestücke seiner Kollegen zu einem großen Ganzen zusammengesetzt. In einem Überblicksartikel zeichnet er eine detaillierte Karte von verschiedenen Kanälen zwischen Darm und Hirn, über die Signale laufen könnten. »Darmbakterien kommunizieren miteinander über chemische Botenstoffe und Rezeptoren, die menschlichen Signalsystemen ähneln«, sagt Mayer. Die Bakterien haben zwar keinen direkten Kontakt zu unseren Nerven. Sie setzen aber Substanzen frei, die durch die Darmwand Signalkaskaden über die Nerven in Richtung Gehirn auslösen könnten.

Mayer beschreibt diese Kommunikationswege aufgrund gesichteter Studien so detailreich und lückenlos, dass fast der Eindruck aufkommt, man lese ein Lehrbuch mit gesicherten Fakten. Davor warnt er: »So aufregend diese Erkenntnisse auch sind – derzeit gibt es keinen Nachweis dafür, dass solche Signalsysteme beim Menschen existieren.« Die zugrunde liegenden Studien bezögen sich alle auf Untersuchungen an Tieren. Inwiefern die Ergebnisse auf Menschen übertragbar sind, sei noch unklar. Zumal er manche Zusammenhänge auch nur interpretiert habe.

Also doch lieber gleich am Menschen forschen? »Meine Kollegen und ich sind sehr gespannt, was wir mithilfe von my.microbes herausfinden werden«, sagt Peer Bork. Auch ihm erscheint es manchmal noch ungewohnt, Menschen anhand ihrer Ausscheidungen zu typisieren. »Wir haben bei der Entschlüsselung des menschlichen Genoms mitgewirkt und das Erbmaterial von Bakteriengemeinschaften im Ozean studiert«, sagt Bork. In die Erforschung der Darmflora sei er erst vor ein paar Jahren eingestiegen. Früher habe er sich mit den Kollegen »auch beim Mittagessen über die Arbeit unterhalten. Das haben wir uns inzwischen abgewöhnt.«