Ein Gepard hält im afrikanischen Masai Mara Reservat nach Beute Ausschau. © Cameron Spencer/Getty Images

Die beiden sind Publikumsmagnete: Queen Elizabeth und Kofi Annan. Das Paar wird rund um die Uhr von einem Dutzend bewaffneter Leibgarden bewacht. Deren Aufmerksamkeit gilt zurzeit bevorzugt der Queen – sie ist schwanger! »Die Geburt steht im Juni bevor«, raunen ihre Wächter.

Elizabeth und Kofi sind Breitmaulnashörner. Ihr Gehege liegt hoch oben an einem Hang im privaten Wildschutzgebiet Ol-Chorro Oiroua im Südwesten von Kenia. Besucher genießen hier einen grandiosen Blick über die schier endlose Savanne des Mara-Gebiets. Fern im Süden, hinter dem Horizont, geht es über in die Masai Mara, das touristische Kronjuwel Kenias. Dieses bildet zusammen mit der Serengeti im Nachbarland Tansania eines der größten noch intakten Ökosysteme der Welt. Nicht nur in den beiden nationalen Reservaten und in den angrenzenden Schutzgebieten, auch weit jenseits von deren Grenzen tummeln sich die »Big Five«. Sie waren einst die größten Trophäen für Safarijäger, heute sind sie die begehrtesten Fotomotive von Touristen: Nashörner, Elefanten, Büffel, Löwen und Leoparden. Durch die Steppe ziehen große Gnu- und Zebraherden, Giraffen, Strauße sowie zahlreiche Antilopen- und Gazellenarten.

Doch außerhalb der Schutzgebiete, und das ist der größte Teil der Mara-Region, verschwinden die großen Wildtiere beängstigend rasch. Besonders betroffen sind die Büffel, Warzenschweine und Wasserböcke, Elen-, Topi- und Kongoni-Antilopen, Gnus, Giraffen und Thomson-Gazellen. Das belegen Zahlen des International Livestock Research Institute (Ilri), das zur Besichtigung der Mara-Region eingeladen hat. Noch leben auf den ungeschützten Flächen die meisten großen Wildtiere, etwa 70 Prozent des Gesamtbestandes. Sie wandern seit Urzeiten frei umher und sind deshalb auch wichtig für das Leben in der Masai Mara und der Serengeti.

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Die Tiere ahnen nicht, dass Menschen willkürliche Schutzlinien gezogen haben. Überschreiten sie diese Grenzen, trachten ihnen vermehrt Wilderer nach dem Leben. Zudem drohen Konflikte mit der rasch wachsenden Bevölkerung. Zäune versperren dem Wild natürliche Wanderwege und zunehmend den Zugang zur wichtigsten und knappsten Ressource, dem Wasser. »In den vergangenen drei Jahrzehnten haben die meisten Wildtierarten in der Mara etwa 70 Prozent ihrer Populationen verloren«, mahnen Jan de Leeuw vom Ilri und Sarah Schomers vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (Zalf). Auch der staatliche Kenia Wildlife Service (KWS) warnt. Er prognostizierte im Februar: »Wenn die Verluste so weitergehen, dann wird in den nächsten 20 Jahren kein einziger Löwe in Kenia übrig bleiben.« Heutiger Bestand: kaum 2.000 Tiere.

Der martialische, waffenstarrende Schutz für Elizabeth und Kofi ist überlebenswichtig: Im vergangenen Jahr wurde hier ein anderes weibliches Nashorn von Wilderern erschossen, sein Horn wurde geraubt. Rund hunderttausend Dollar ist so ein Kopfschmuck auf dem Schwarzmarkt wert. Immer mehr reiche Asiaten schwören auf die Traditionelle Chinesische Medizin und wiegen das Nashornpulver mit Gold auf. Dem Aberglauben an das vielseitige Wundermittel fielen 2011 in Afrika mehr als 500 Nashörner zum Opfer. Sogar aus hiesigen Museen werden die Hörner geklaut, etwa in Hamburg, Bamberg, Wien und Offenburg.

Auch der Elfenbeinschmuggel boomt. Hochgerüstete Killerbanden strecken dafür die Elefanten mit automatischen Waffen nieder und verschwinden mit den Stoßzähnen. »Die Wilderer sind uns weit überlegen«, klagt James Hardy, ein weißer Kenianer, der für das Schutzprojekt »Mara Elephants« die Dickhäuter in mehreren Reservaten der Region um den Mara-Fluss und auch in Ol-Chorro überwacht. Pro Monat entdecken Hardy und seine Truppe mehr als ein Dutzend gewilderter Elefanten in der Region – und kriegen die Räuber nicht zu fassen. Daran haben auch Halsbänder mit Ortungssendern nichts geändert, die über Satellitenfunk ein zeitnahes Verfolgen der wandernden Dickhäuter ermöglichen. James Hardy fordert »dringend mehr Ranger, bessere Waffen und Flugzeuge für die rasche Verfolgung der Täter«. Die Radikalkur anzuwenden und den Tieren unter Betäubung Horn oder Stoßzähne entfernen zu lassen, um sie für Wilderer unbrauchbar zu machen, wagt seine Organisation nicht. Sie fürchtet die Proteststürme von Tierschützern.