Zum Mittag gibt es tödliches Gift – und zwar gleich eine doppelte Ration. Wie ein internationales Forscherteam herausgefunden hat, konsumiert der Meereswurm Olavius algarvensis vor Elba nicht nur gern Schwefelwasserstoff, sondern er ernährt sich auch fleißig von toxischem Kohlenmonoxid.

»Das macht den Wurm zu etwas ganz Besonderem«, sagt Manuel Kleiner. Der Biologe am Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie ist Erstautor einer Studie über den Wurm, die im Fachmagazin PNAS veröffentlicht worden ist . Man kennt frei lebende Mikroorganismen, die das giftige Gas verstoffwechseln. Für Tiere galt das als undenkbar, weil die chemische Verbindung so schädlich ist. Das hat sich nun geändert. »Als wir entdeckten, dass der Wurm Proteine für die Verwertung von Kohlenmonoxid besitzt, waren wir sehr überrascht«, sagt Kleiner. Mehrfach haben die Forscher daraufhin im Lebensraum des Wurms die Konzentration des Gifts nachgemessen. Sie hatten nicht gewusst, dass es im sandigen Sediment vor Elba überhaupt Kohlenmonoxid gibt.

Das verschnörkelte Tierchen ist aus einem weiteren Grund einzigartig: Es hat weder einen Mund noch einen Verdauungstrakt oder Ausscheidungsorgane. »Das ist bisher von keinem anderen Meerestier bekannt«, sagt die Meeresbiologin Nicole Dubilier. Ausscheidungsorgane brauche der Wenigborster nicht, denn er ist ein Meister der Wiederverwertung und nutzt seine eigenen Abfallprodukte rückstandslos.

Alle anderen Meerestiere, die in sauerstofffreien Sedimenten lebten, würden »versauern«, wenn sie ihre Abfallprodukte aus Kohlenstoff nicht loswerden könnten. Ähnliche Vorgänge würden sich abspielen, wenn unsere Muskeln unter Belastung zu viel Lactat produzieren. »In diesem Fall aber wird nichts eingelagert oder ausgeschieden, sondern die unter der Haut des Wurms lebenden Bakterien werden mit einer Extraportion Energie versorgt.« Nur so kann er in der nahrungsarmen Umgebung überleben. »Es ist unglaublich, zu sehen, wie der Wurm quasi aus dem Nichts Energie gewinnt und erhält«, sagt Dubilier.

Der Power-Winzling wurde erstmals im Jahr 1998 an der Algarve-Küste entdeckt. Vier Jahre später fanden Forscher Olavius algarvensis auch vor Elba. Schon zuvor hatte man vermutet, dass der Wurm in den kalkhaltigen Sedimenten vor der Mittelmeerinsel leben könnte. Jahrelang blieb die Suche nach dem Tierchen jedoch erfolglos. Es war schlechtes Wetter, das Dubiliers ehemaligen Doktorvater Olav Giere dazu brachte, in der geschützten Bucht von Sant’Andrea Proben zu nehmen. Die Untersuchung im Labor lieferte unverhofft das gewünschte Ergebnis: Im Sand wimmelte es nur so von den darmlosen Würmern.

»Das Sammeln der Tiere ist noch heute recht aufwendig«, sagt Dubilier. Es erfordert Geduld und ein gutes Auge. Denn die Wenigborster sind extrem dünn, messen gerade mal 0,2 Millimeter im Durchmesser und werden nur bis zu zwei Zentimeter lang. Auch verkriechen sie sich bis zu 15 Zentimeter tief in den Meeresboden. »Man muss sie daher einzeln mit Pinzetten aus dem Sediment pulen«, sagt die Meeresbiologin. »Wenn ich nach einem Arbeitstag die Augen schließe, sehe ich lauter weiße Würmer.«

Ob es sich bei den Elba-Würmern und jenen von der Algarve um dieselbe Art handelt, ist noch ungeklärt. Die Antwort soll eine Genomanalyse liefern. Dafür müssen die Forscher allerdings erneut im Meeresboden wühlen. In der Aufregung um den beeindruckenden Insel-Wurm sind den Forschern die Vergleichsexemplare ausgegangen.