Das schönste Yoga-Lächeln im Popgeschäft: Norah Jones © Noah Abrams

Ein Mädchen mit den Armen voller Grammys, dieses Bild ging vor knapp zehn Jahren um die Welt. Heute steht Norah Jones in einem mit Holz, Messing und Glas verschwenderisch ausgestatteten Kölner Hotelzimmer und wärmt sich an einer Tasse Tee. Kaffee würde nicht zu ihr passen – nicht zu diesen Rehaugen, diesem Yoga-Lächeln und dieser Attitüde personifizierter Sanftheit. Überraschend klein ist sie, die 33-Jährige, sie trägt Ballerinas, Leggings und ein hauchdünnes Jäckchen mit Leopardenmuster. Wer Glamour und Exaltiertheit sucht, ist bei Norah Jones verkehrt.

Man kann sie sich noch immer problemlos als unbekannte Pianistin in einer kleinen Hotelbar vorstellen: An guten Tagen würde Norah Jones dann sicher auch ein paar eigene Songs spielen, so etwas wie Come Away With Me , den Titelsong ihres Debüts, das sich bis heute mehr als 25 Millionen Mal verkauft hat. Seitdem gilt sie als Megastar ohne Starallüren, als Expertin für feinsinnige, aber eben auch ein bisschen biedere Balladen zwischen Jazz, Pop und Country. Klatschgeschichten und Exzesse spielen in ihrem arbeitsamen Leben keine Rolle, musikalische Traditionen waren ihr immer wichtiger als Innovationen. Bisher jedenfalls.

Als mysteriöses Mädchen hat sie selbst einmal angefangen

Ganz wohl scheint sie sich nämlich nicht mehr zu fühlen in der Rolle des braven Girls. Das Cover ihrer neuen CD Little Broken Hearts ziert eine Kopie des Filmplakats von Mudhoney , dem Trash-Klassiker von Russ Meyer. »Ich bin keine Kennerin der Filme von Russ Meyer«, sagt sie dazu knapp. »Aber die Plakate hingen überall im Studio.« Ignorieren ließen sie sich bei der Arbeit nicht: »Auf den meisten waren riesige Brüste und großkalibrige Waffen zu sehen, doch das Poster von Mudhoney war anders: mysteriös, unheimlich und sexy. Man weiß nicht, was in diesem Mädchen vorgeht. Das gefiel mir.«


Als mysteriöses Mädchen hat sie selbst einmal angefangen, ein unbeschriebenes Blatt in der großen Stadt. Nicht mehr als zehn Jahre ist es her, da trat die in Texas aufgewachsene Tochter des Sitar-Altmeisters Ravi Shankar noch ohne Gage in den Jazz-Clubs von Manhattan auf und arbeitete nebenher als Kellnerin. Ein ganz normales New Yorker Boheme-Leben, das mit der Verleihung von fünf Grammys abrupt und irgendwie zu früh endete: »Der Erfolg traf mich aus heiterem Himmel, und es war anfangs schwer, damit klarzukommen.« Es klingt trotzig, wenn sie sagt: »Heute ist meine Welt voller kleiner Dinge, die gut klingen und die ich gerne tue. Das lasse ich mir nicht vom Erfolg kaputt machen.«

Die kleinen Dinge, von denen Norah Jones spricht, sind manchmal so groß wie ihre Duette mit Ray Charles und Willie Nelson und manchmal so unerwartet und überraschend wie die Beiträge zu Alben von Outkast oder Belle & Sebastian. Mit Mike Patton, dem ehemaligen Sänger der Progressive-Rockband Faith No More nahm sie sogar das Stück Sucker auf: »What makes you think you’re my only lover / The truth kinda hurts, don’t it motherfucker?« Zur Untermalung eines gepflegten Abendessens mit Freunden war das Stück garantiert ungeeignet.

Auch die Wahl des Produzenten, Co-Songwriters und Mitmusikers für Little Broken Hearts lässt sich als Entscheidung für einen neuen, eigenwilligeren Sound verstehen. Brian Burton , bekannt unter dem Namen Danger Mouse, gilt seit seinem Debüt The Grey Album , auf dem er das Kunststück fertigbrachte, das Weiße Album der Beatles mit dem Black Album des Rappers Jay-Z zu kreuzen, als exzentrisches Genie. Bei seinem Projekt Rome , einer Hommage an die Musik der Spaghetti-Western, war Norah Jones bereits als Sängerin vertreten. Das Ergebnis klang, als träfe amerikanischer Softrock auf eine Überdosis Speiseeis, süß, sanft und romantisch.