ÖkonomieEinstürzende Altbauten

Die Krise hat die Ökonomen kalt erwischt. Neue Modelle sind gefragt. Kein Problem, sagt die Wissenschaft. von 

Montgomery Marvin ist ein junger Ökonom, der die Welt verändern will. Aber erst brauche er eine Professur auf Lebenszeit, sagt sein Mentor in Harvard, und die erhalte man nicht, wenn man zu nah am richtigen Leben forsche. Also etabliert sich Marvin mit Modellen über die Preisbildung auf dem Kühlschrankmarkt. Alles geht dort streng rational vor sich. Privat entwickelt er eine ganz andere Theorie, die von Euphorie, Gier und Vergesslichkeit handelt – und Ausschläge an der Börse vorhersagt. Damit spekuliert sich Marvin ein Vermögen zusammen und setzt es für ein besseres Amerika ein. Er finanziert Friedensforschung beim Militär und fördert die Chancengleichheit der Frauen.

Der Mann ist erfunden, und zwar vor 22 Jahren von dem Harvard-Ökonomen John Kenneth Galbraith . Die Hauptfigur aus dem Roman A Tenured Professor ("Ein beamteter Professor") ist aktuell: Als Ökonom kommt man mit strengen, aber irrelevanten Theorien voran, sagt sie. Im Leben dagegen macht man große Sprünge mit Ideen über das Ungeordnete und Allzumenschliche.

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Hier der Wirtschaftswissenschaftler, dort die Wirklichkeit : Zeitlebens regte sich Galbraith über Kollegen auf, die so taten, als funktioniere die Welt wie der Markt für Kühlschränke in geordneten Bahnen und brauche keine Regeln. Sie ignorierten Finanzblasen, weil sie in ihren Modellen nicht vorkamen, oder wollten nicht wahrhaben, dass es in der Marktwirtschaft nicht bloß um Konkurrenz, sondern auch um Macht und Ohnmacht der Konzerne und des Staates geht.

Keine Frage, Galbraiths große Zeit wäre heute. Doch der alte Mann starb kurz vor der Finanzkrise . Jetzt hört die Kritik an den Ökonomen gar nicht mehr auf. Und sie geht so: Selbstgewiss forderten die tonangebenden Leute bis 2008 die Deregulierung der Finanzwelt, die dann die Welt mit entfesselter Kraft in die Krise riss. Alle Zweifel an ihrer Theorie wiesen sie von sich – und sahen die Krise nicht kommen.

Das Besondere im Jahr fünf der Finanzkrise: Die Kritik kommt aus dem Herzen des Establishments . Früher argumentierte der Schweizer Chef des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts oft marktliberal, heute schwört Thomas Straubhaar öffentlich den alten Weisheiten ab und verlangt, dass die Ökonomen eng mit Historikern, Psychologen oder Umweltforschern zusammenarbeiten. Auch der amerikanische Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft hat genug von der alten Theorie. Dennis Snower will jetzt in einem großen Projekt erforschen, was Menschen wirklich motiviert – und mit den Ergebnissen die wirtschaftliche Entwicklung besser erklären.

Heute winkt für solche Projekte viel Geld. George Soros , milliardenschwerer Spekulant und Philanthrop, hat als Hauptsponsor ein Institut ins Leben gerufen, das Institute for New Economic Thinking (INET). Vergangene Woche hielt die Organisation ihre Jahreskonferenz in Berlin ab, und die Anziehung war groß. Im Orbit von INET sind Nobelpreisträger und Institutsleiter ebenso unterwegs wie junge Rebellen von der Forschungsfront. Ein paar Stunden in dem Tagungsgebäude am Brandenburger Tor, und man merkte: Die Reformationsbewegung ist kaum noch zu stoppen.

Deutsche Ökonomen, besessen von ihrer Denkschule? Das stimmt einfach nicht

Begonnen hat sie vor mehr als einem halben Jahrhundert, als Ökonomen wie der spätere deutsche Nobelpreisträger Reinhard Selten in Experimenten erforschten, wie die Menschen als Sparer, Konsumenten oder Arbeitnehmer wirklich ticken. Antwort: Jedenfalls nicht so eigennützig und effizient wie gedacht. Psychologen und Hirnforscher nahmen sich der ökonomischen Frage ebenfalls an, und ihre Indizien formten sich langsam zu einem Bild.

Leserkommentare
  1. Bei jedem Artikel über die "Ökonomen", sprich"economists", wird nicht vernünftig zwischen den Begrifflichkeiten unterschieden:

    Ökonomik= Wissenschaft von der Wirtschaft <<-->> Ökonomie= Wirtschaftsprozess an sich; vgl. economy, economics

    Das ist schade, denn sonst ist ihr Artikel treffend verfasst.

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    • zappl
    • 22. April 2012 11:24 Uhr

    wenn man schon die alten nicht durchsetzt..?

    http://www.faz.net/aktuel...

  2. Vielen Dank für diesen gut geschriebenen Artikel. Ich bin selbst Student der VWL und habe die Wissenschaft stets als vielfältiger empfunden als in vielen Zeitungsartikeln zum Thema dargestellt.

    Wie sie richtig beschrieben haben gibt es gerade im Gebiet der Verhaltensökonomie sehr interessante Entwicklungen, die in die ökonomischen Modelle nach und nach eingebaut werden. Es ist also eine Evolution im Gange, die eine Revolution in meinen Augen überflüssig macht.

    Interessant wäre noch ein Hinweis auf frühe Ökonomen des 18. und 19, Jahrhunderts gewesen. Leute wie Smith, Wicksell oder Fisher hatten viele irrationale Verhaltenszüge der Menschen bereits in ihre Theorien eingebaut. Dann kam die mathematische Revolution in der VWL und dies wurde vernachlässigt. Heute sind wir jedoch in der guten Situation, das mathematische Intrumentarium der VWL benutzen zu können und dennoch wieder an die alten Theorien anknüpfen zu können. Damit hat die VWL unter allen Sozialwissenschaften ein wirklich einzigartiges Instrumentarium geschaffen.

    Wie sie richtig dargestellt haben verfolgen die Kritiker der Disziplin wohl nur eigennützige Ziele, und intrumentalisieren ihre Kritik dementsprechend. Nicht alle Volkswirte sind "blind marktgläubig". Gerade in der Mikroökonimik gibt es seit langem etablierte Theorien, die ganz andere Schlüsse ziehen, als oft behauptet wird.

    Abgesehen davon ist die VWL eine Wissenschaft und kein Instrument, um vorgefertigte Meinungen zu transportieren.

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  3. 3. Danke!

    Dank an Autor Heuser, dem es m.E. recht zutreffend gelingt, berechtigte Teile der Kritik an der Volkswirtschaftslehre gegen unberechtigte abzusetzen.

    • PALVE
    • 20. April 2012 10:58 Uhr

    Hirnforschung etc.

    "Der Mensch ist das Mass aller Dinge, solange er sich der Verantwortung als vernuftbegabtes Wesen bewusst ist" - so ein sowjetischer Schriftsteller.

    Da helfen keine Labors und auch keine Hirnforschungen.

    Philosophie schon eher.

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  4. Eine solche Betrachtung war überfällig und sie ist fundiert und komplex genug angelegt. Allerdings greift mir die Schlussfolgerung zu kurz. Selbst wenn sich die Wissenschaft künftig in den Bewertungen wieder stärker des Faktors Mensch bewusst werden sollte, der Effekt auf die Entwicklung von Wirtschaft wird solange bescheiden bleiben, solange die Konzentration in der Wirtschaft fortbesteht und dadurch zwangsläufig strategische Entscheidungen "gremienorientiert" und wissenschaftlich abgesichert vorgenommen werden. Eine Wirtschaft, die sich des kurzfristigen Erfolges wegen und orientiert an Kennzahlen weiterentwickelt, wird auch künftig weitgehend statisch bleiben und die Folgen der Entwicklung werden erst mit enormen zeitlichen Verzögerungen durch die Menschen in den jeweiligen Märkten sanktioniert. Durch den weitgehenden Verzicht, die Dynamik des Marktes angemessen einzubeziehen, entfernt sich die wissenschaftliche Prognose immer weiter von den praktischen und unmittelbaren Auswirkungen der Märkte.

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  6. Betriebswirtschaft ist keine Wissenschaft, anhand von Modellen wird der augenblickliche Zustand erklärt, die Auswahl nder Modelle ist sehr gross, so dass sich ein passendes immer findet.
    Es finden sich auch immer ´´Wissenschaftler´´, die im Gegensatz zu den anderen alles haben vorhersehen können. Das es immer Gewinner und Verlierer gibt, das ist bei jedem Glückspiel vorhersehbar.
    Die Zahl der Menschen steigt, daraus folgt, dass mehr Lebensmittel benötigt werden. Tolle Erkenntnis.
    Sie nutzt den Herstellern von Düngemittel, da sich die vorhandene Ackerfläche nicht vergrössern lässt. Wenn aber jetzt irrationalerweise statt Lebensmittel Benzin angebaut wird, müsste dies Einfluss auf die Nahrungsmittelpreise haben, diese wiederum werden aber in der Regel staatlich kontrolliert und erforderlichenfalls subventioniert, für steigende Preise werden dann Spekulanten verantwortlich gemacht.
    Was hat das alles mit Ökonomie zu tun ? Ökonomie ist mit Politik so eng verbunden, dass sie garnicht separat existiert.
    Den Solarmodulherstellern in Deutschland war sicherlich nicht bewusst, dass in China, auch mit Hilfe der KfW Überkapazitäten aufgebaut wurden, die eine Fertigung in einen Hochpreisland hinfällig machten, sonst hätten sie die Investition gleich in China gemacht. Da hat sie auch kein Ökonom vor gewarnt, erstaunlicherweise, obwohl dieses doch bei einer auch nur oberflächlichen ´´Erforschung´´ hätte bekannt sein müssen.

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    Hat ja diesmal lange gebraucht bis die üblichen trolligen Sprüche auftauchen, die der Ökonomie den Status einer Wissenschaft absprechen möchten.

    Von BWL war übrigens nicht die Rede, das ist ein Studiengang.

    Wer der Ökonomie den Status einer Wissenschaft abspricht, müsste dies konsequenterweise auch bei allen anderen Sozialwissenschaften machen. Aber es geht ihnen ja offensichtlich nicht um wissenschaftlich fundierte Kritik sondern um das transportieren eines Weltbildes, genauso wie im wirtschaftswissenschaftlichen Lehrbetrieb der letzten Jahrzehnte.

    Erweitern Sie doch bitte jetzt auch ein wenig ihr Weltbild.
    Danke sehr.

  7. Ich unterstütze Ihre Warnung vor neuen Ideologien in der VWL. Allerdings ist mir nicht ganz klar, was Sie in dem Absatz meinen, in dem Sie von den "Gegnern" reden, die der "alten gleich eine neue Ideologie entgegensetzen" wollen. Wer ist denn "Sie"? Von welcher Strömung sprechen Sie hier genau und was genau ist Ihr Kritikpunkt? Ethik an sich ist ja keine Ideologie...

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    • Burian
    • 22. April 2012 10:49 Uhr

    Sehr richtig, diese Frage! Das Problem löst sich, wenn man sieht, dass U.J.Heuser ein Rückzugsgefecht führt (siehe meinen Kommentar Nr.33). Es ist nicht verwunderlich, dass schon Ethik als Bedrohung gesehen wird - angesichts der grausamen Realitäten dieser Welt (1400000000 (1,4 Mrd) Menschen leben von weniger als 1,25 Dollar pro Tag während die reichsten 1210 Einzelpersonen mehr Vermögen haben als 4000000000 (4 Mrd) Menschen also ca. 60% der Menschheit!). U.J.Heuser kommt gar nicht auf die Idee diese schreienden Misstände mit dem Denken der Ökonomen der letzten Jahrzehnte zu verbinden. Statt dessen tut er so, als hätte einfach die Wissenschaft im Dunklen getappt. Das ist krasse Beschönigung, wenngleich es natürlich richtig ist, dass die Forschungsrichtung sich ändern muss!

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