Kirch-ProzessBelastende Mitschrift

Im Prozess der Kirch-Erben gegen die Deutsche Bank bringt ein Protokoll die Banker in Bedrängnis. von 

Der ehemalige Deutsche-Bank-Chef Rolf Ernst Breuer im Münchner Gerichtssaal (August 2011)

Der ehemalige Deutsche-Bank-Chef Rolf Ernst Breuer im Münchner Gerichtssaal (August 2011)  |  © Christof Stache/AFP/Getty Images

Für Leo Kirch war die Sache klar: »Erschossen hat mich der Rolf.« Für seine Pleite machte der Medienunternehmer den früheren Chef der Deutschen Bank Rolf-Ernst Breuer verantwortlich. Breuer hatte im Februar 2002 in einem TV-Interview Kirchs Kreditwürdigkeit angezweifelt. Dem hoch verschuldeten Kirch gelang es danach tatsächlich nicht, neue Geldgeber zu finden oder sein Imperium durch Teilverkäufe zu retten. Im April 2002 meldete er Insolvenz an.

Kirch, der im Juli 2011 starb , glaubte an eine Verschwörung: Breuer habe seine Bemerkungen gemacht, um ihn in Schwierigkeiten zu bringen. Als vermutetes Motiv nennen die Kirch-Vertreter, dass es die Bank auf Kirchs 40-Prozent-Beteiligung an der Axel Springer AG abgesehen habe. Außerdem hätten die Banker als Berater bei einer Umstrukturierung der Kirch-Gruppe viel Geld verdienen wollen.

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Ein bislang nicht bekanntes Dokument scheint diese Sicht der Dinge zu stützen und dürfte die Bank und ihren Ex-Vorstandschef Breuer in neue Erklärungsnöte bringen. Es handelt sich um ein Protokoll, das von einem Mitarbeiter der Bayerischen Landesbank verfasst wurde. Es liegt der ZEIT vor.

Die Deutsche Bank und Breuer haben vielfach bestritten, dass sie Kirch hätten schädigen wollen. Breuers Interviewäußerung sei ein »Unfall« gewesen. Es habe auch kein Interesse der Bank gegeben, von Kirch als Berater für die Sanierung seiner Unternehmensgruppe engagiert zu werden, erklärten Josef Ackermann und frühere Vorstände 2011 vor Gericht. Ackermann war zu der fraglichen Zeit für das Investmentbanking verantwortlich.

Die Richter am Münchner Oberlandesgericht schenken diesen Aussagen keinen rechten Glauben, wie sie mehrfach bekundeten. Sie hatten einen Vergleich vorgeschlagen, bei dem die Deutsche Bank mehr als 700 Millionen Euro an die Kirch-Erben hätte zahlen müssen . Die Banker lehnten ab.

Als Josef Ackermann zum Abschluss seiner Amtszeit doch noch zu einer solchen Einigung bereit war, verweigerten ihm seine Vorstandskollegen die Gefolgschaft. Und so gehen die Prozesse nun weiter.

Dabei hat die Bank das Problem, dass Breuer und andere Bankmanager vor Gericht etwas anderes vortragen, als in ihren eigenen Dokumenten steht. In Protokoll der Vorstandssitzung vom 29. Januar 2002 ist festgehalten, dass die Bank gefragt worden sei, ob sie im Fall Kirch als »Mediator« tätig werden könne.

Es wird an dieser Stelle nicht ausgeführt, zwischen wem sie hätte vermitteln sollen, aber vorher im Text werden Rupert Murdoch und der Axel Springer Verlag erwähnt. In dem Vorstandsprotokoll steht auch, dass die Banker zunächst Kirch fragen wollten, ob er ihre Dienste nutzen wolle. Lehne er ab, könne die Bank als Berater für andere Interessenten tätig werden.

Eine Bankerrunde beriet über die Lage bei Kirch – einer schrieb mit

Heute stellt die Bank dieses Protokoll infrage. Es sei missverständlich formuliert. In Wahrheit habe die Bank gar kein Mandat von Kirch gewollt. Das steht aber auch im Widerspruch zu einer eidesstattlichen Versicherung, die Breuer vor Jahren abgegeben hat. Darin erklärte er, er habe Kirch im Februar 2002 angeboten, sein Haus könne als »Schutzschild« für ihn tätig werden.

Dazu befragt, sagte Ackermann 2011 vor Gericht: »Wenn ein Schutzschild angeboten worden ist, ist das ohne Zustimmung des Vorstands erfolgt.« Keiner der befragten Banker konnte oder wollte sich vor Gericht erinnern, wer sie damals gefragt hatte, ob sie bei Kirch als Vermittler wirken könnten.

Für Kirchs Verschwörungsthese gibt es Indizien. Eine Woche vor dem Interview hatte Breuer an einem Abendessen mit dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder teilgenommen, bei dem es um Kirchs Probleme ging. Mit dabei waren der damalige Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff und der WAZ- Verleger Erich Schumann , der Interesse an Kirchs Springer-Aktien hatte. Zwei Tage nach dem Kanzlergespräch berichtete Breuer seinen Vorstandskollegen davon. Fünf weitere Tage später sprach er die verhängnisvollen Sätze in eine Fernsehkamera. Und als das Interview hohe Wellen geschlagen hatte, reiste Breuer zu Kirch und bot ihm die Hilfe der Bank an.

Leserkommentare
  1. den von Ackermann ausgehandelten Vergleich nicht angenommen zu haben.

  2. Vielleicht spricht man im Zusammenhang mit Banken nicht immer von "Verschwörungen" sondern auch mal von Tatsachen. Die kriminelle Energie dieser Branche sollte doch jedem hinlänglich bekannt sein.

  3. ... dass nur dank Staatshilfen an seine Gläubiger überhaupt noch noch existiert.

    • PALVE
    • 19. April 2012 8:16 Uhr

    "Die Lüge ist einmal um die Welt gelaufen, da zieht sich die Wahrheit erst die Schuhe an."

  4. Wie realistisch ist es, dass Führungskräfte der Deutschen Bank nicht an ihren Vorteil dachten und dass sich niemand an sie wendete, um selbst Vorteile aus Kirchs Lage zu ziehen?

    Mit dieser Logik lässt sich zwar nichts beweisen, aber ohne dieser Logik sähe die Welt anders aus.

  5. ....ist zu köstlich!

  6. einer Bank?", wusste schon Bertold Brecht zu fragen.

    Die Mühlen der Justiz mahlen langsam aber (hoffentlich) gründlich. Dass Josef Ackermann den vorgeschlagenen Vergleich annehmen wollte, spricht Bände. Dass der Vorstand der Deutschen Bank den Vergleich de jure nicht annehmen durfte, man ist ja schließlich dem shareholder value verpflichtet, ist als Treppenwitz kaum zu überbieten :-))

    Wenn dereinst der "Euro-Rettungsschirm" juristisch aufbereitet wird, erleben wir die gleiche Spirale in Schwindel erregender Höhe.

    Bis dahin: wach bleiben ;-)

  7. Die Deutsche Bank, genauer: einzelne Personen und Gremien im Konzern, hat/haben sich also überlegt, welche Konsequenzen eine Kirch-Pleite haben könnte und sich darauf vorbereitet. Kein Wunder, Kirch war kein unbedeutender Kunde. Das wird der Bank jetzt von Einigen als "Verschwörung" ausgelegt.

    Hätten Gremien der Deutsche Bank sich diese Überlegungen aber nicht gemacht, dann würden Einige (vermutlich dieselbe Leute) ihr dies aber als "Unfähigkeit" auslegen.

    Die Frage Verschwörung oder lediglich Gute Vorbereitung wird noch dadurch erschwert, dass es gut möglich ist, dass verschiedene Akteure innerhalb der Bank ganz verschiedene Hintergedanken hatten. Ab wann sind diese persönlichen Hintergedanken "Absicht der Bank"?

    Nun, es ist wie immer: wer eine klare Meinung haben will, der hat sie.

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