Komponist Ryuichi Sakamoto"Ich kam zu einem Yoga-Guru"

Der Komponist Ryuichi Sakamoto erzählt von einer schockierenden Prophezeiung, wegen der er sein Leben umkrempelte.

Der japanische Komponist Ryuichi Sakamoto

Der japanische Komponist Ryuichi Sakamoto

ZEITmagazin: Herr Sakamoto, Sie haben den 11. September 2001 in New York miterlebt. Wie war das für Sie?

Ryuichi Sakamoto: Den Einschlag des ersten Flugzeugs habe ich in meiner Wohnung in Downtown gehört. Ich dachte, es wäre irgendein Unfall, und machte den Fernseher an. Da sah ich den zweiten Einschlag. Es war absolut verrückt. Ich rannte sofort auf die Straße. Überall war Chaos und Panik. Noch nie zuvor stand ich so unter Schock. Es gab keinerlei Informationen. Wir alle hatten Angst, dass ein weiterer terroristischer Anschlag folgen könnte. Vielleicht mit einer Atombombe.

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ZEITmagazin: Was hat Sie aus diesem Schock geholt?

Sakamoto: Eine Woche später hörte ich einen jungen Mann auf der Gitarre Yesterday spielen. In diesem Moment fiel mir auf, dass ich seit dem Anschlag nirgendwo mehr Musik gehört hatte. Können Sie sich das vorstellen: das laute, brodelnde New York ohne Musik, hupende Autos, laute Geräusche? Einfach nur still. Ich bin jetzt sechzig Jahre alt, und seit meiner Geburt hat mich Musik begleitet. Aber ich hatte es einfach nicht bemerkt.

ZEITmagazin: Der junge Mann im Park hat Sie also wachgerüttelt?

Ryuichi Sakamoto

60, geboren in Tokio, ist Pianist und Komponist. Sein Werk bewegt sich zwischen Jazz, Popmusk und Klassik. Ende der siebziger Jahre war er Teil der Electro-Formation Yellow Magic Orchestra, mit ihr wurde er auch in Europa und den USA bekannt. Für seine Arbeit als Filmmusik-Komponist erhielt er zwei Golden Globes. Seine Tochter Miu ist ebenfalls Musikerin, sie macht japanische Popmusik.

Sakamoto: Ja. Doch ich war noch nicht in der Verfassung, selber zu spielen. Bis dann ein Abgabetermin näher rückte. Ich hatte zugesagt, für einen Dokumentarfilm den Soundtrack zu komponieren. Über ein kleines Dorf in Weißrussland, das durch die Katastrophe in Tschernobyl schwer verstrahlt worden war. Das Thema glich ein wenig dem Chaos, in dem ich mich damals befand. Ich setzte mich ans Klavier, und nach und nach begannen die Klänge und Melodien wieder aus mir zu fließen und die Stille aufzulösen. Mein Körper fing wieder an zu atmen, zu leben.

ZEITmagazin: Musik war die Rettung für Sie?

Sakamoto: Ja. Ironischerweise hatte ich zwei Jahre zuvor einen großen Hit in Japan, Energy Flow. Alle sagten, dass es heilende Musik sei. Ich hasste das! Da musste ich an das Hintergrundgedudel in einer Zahnarztpraxis denken. Dann hat mich Musik tatsächlich selbst geheilt.

ZEITmagazin: Sind Sie manchmal überrascht, was Sie in Ihrem Innersten finden?

Sakamoto: Als junger Mann hatte ich äußerst zwiespältige Gefühle zu meinem Land. Von heute auf morgen wechselte Japan vom Faschismus zur Demokratie. Das kam nicht organisch von innen, sondern das kam von außen, von den Amerikanern. Ich habe damals alles Japanische gehasst. Aber als ich älter wurde, habe ich zu meiner großen Überraschung bemerkt, dass ich mein Land doch liebe. Gerade nach Fukushima will ich jetzt alles tun, was in meiner Macht steht, um den Menschen und dem Land zu helfen.

ZEITmagazin: Bleiben wir beim »Energy Flow«. Wie halten Sie Ihre eigene Energie im Fluss?

Sakamoto: Mit Mitte 40 kam ich zu einem Yoga-Guru, und durch ihn begann ich mich für Zen-Tai-Yoga und Makrobiotik zu interessieren. Ich stellte mein ganzes Leben um. Anstatt die ganze Nacht aufzubleiben, ging ich früh zu Bett und stand jeden Tag um 6.30 Uhr auf. Ein sehr gesunder Lebenswandel.

ZEITmagazin: Hat ein bestimmtes Erlebnis diese Neuorientierung ausgelöst?

Sakamoto: 1994 feierte ich mit einer sehr guten Freundin, einer japanischen Sängerin, den Abschluss einer Studioaufnahme. Wir waren bei mir zu Hause, haben getanzt, getrunken und uns unterhalten. Plötzlich meinte sie: Zeig mir doch mal deine Hand. Sie konnte nämlich Handlesen. Allerdings war sie sehr betrunken und dementsprechend ehrlich. Als sie in meine Handfläche blickte, rief sie: »Oh nein! Du wirst sehr bald sterben!« Ich war absolut geschockt, aber sie kannte eben diesen japanischen Yoga-Guru, und zu dem brachte sie mich. Davor war ich eher der Rock-’n’-Roll-Typ. Alkohol, Drogen und so.

Herlinde Koelbl

gehört neben dem Coach und Buchautor Louis Lewitan und dem ZEIT-Redakteur Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe »Das war meine Rettung«. Die renommierte Fotografin wurde in Deutschland auch durch ihre Interviews berühmt

ZEITmagazin: Sind Sie inzwischen ein Heiliger?

Sakamoto: Nein, nein. Ich werde nie ein Heiliger sein. Die Musik, die ein Heiliger schreibt, ist langweilig. Musik muss sexy und erotisch sein.

ZEITmagazin: Hat die neue Lebensweise Ihre Musik beeinflusst?

Sakamoto: Ich wurde mir selbst gegenüber viel ehrlicher und denke nicht mehr so viel darüber nach, was die Leute von mir erwarten. Meine Angst vor dem Tod ist weg, und ich genieße es, älter zu werden. Das hat meine Musik und meine Art zu spielen stark verändert. Stille ist ein kunstvolles Mittel in der Musik. Für mich gewinnt der Raum zwischen den Noten immer mehr an Bedeutung, nicht das Design. Komponisten wie Stockhausen oder Boulez waren darauf konzentriert, die Noten auf der Leinwand möglichst kunstvoll anzuordnen. Alle wollen coole Designer sein. Ich verstehe das, ich war auch mal so. Aber wenn man älter wird, lernt man, dass weniger oft mehr ist.

 
Leserkommentare
  1. "Merry Christmas Mr Lawrence" muss man gehört haben.

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    gesehen haben. Im Kino oder auf DVD. U.a. auch mit David Bowie.

    gesehen haben. Im Kino oder auf DVD. U.a. auch mit David Bowie.

  2. gesehen haben. Im Kino oder auf DVD. U.a. auch mit David Bowie.

    Antwort auf "Ein Meister am Klavier"

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