Mitarbeiter des Pekinger Shin Chiao Hotel bauen im Oktober 1958 einen rudimentären Stahlofen während der Zeit des "Großen Sprungs". © Jacquet-Francillon/AFP/Getty Images

Acht Jahre war es her, dass Mao Zedong auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking die Volksrepublik ausgerufen hatte. Vom Herbst 1957 an wollte er nun das weitgehend noch bäuerliche Riesenreich mit aller Gewalt industrialisieren. China setzte an zum »Großen Sprung nach vorn«. Doch als das Unternehmen vor fünfzig Jahren zu Ende ging, war es auf die schrecklichste Weise gescheitert.

Nach neuen Archivrecherchen und Berechnungen – wie sie zum Beispiel der niederländisch-britische Historiker Frank Dikötter 2010 in seinem Buch Mao’s Great Famine (»Maos Große Hungersnot«) vorgelegt hat – kostete der Große Sprung mindestens 45 Millionen Menschen das Leben. Die meisten Opfer verhungerten. Hinzu kommen mindestens 2,5 Millionen Menschen, die direkt ermordet wurden. Auch die materiellen Schäden waren enorm: Bis zu 40 Prozent des gesamten chinesischen Wohnraums wurden vernichtet.

Wie konnte es zu dieser Katastrophe kommen, die zu den ungeheuerlichsten Desastern und Verbrechen des 20. Jahrhunderts zählt?

Einer der Gründe war das aberwitzige Tempo, das Mao vorgab. Im November 1957 verkündete der Große Vorsitzende der Kommunistischen Partei, China werde binnen 15 Jahren Großbritannien überholen. Die Fristen wurden in den folgenden Monaten laufend verkürzt. Es ging nicht um eine planvolle Entwicklung, sondern um einen einzigen gewaltigen – und gewalttätigen – Schub.

Vom »Großen Sprung« sprach Mao erstmals mit Blick auf die pharaonischen Staudamm- und Bewässerungsprojekte, für die Millionen Bauern zwangsmobilisiert wurden. »Drei Jahre harte Arbeit und Entbehrungen, dann tausend Jahre Wohlstand«, tönte die Propaganda. Planung, Mobilisierung, Bau, alles sollte zugleich passieren. Kaum jemand wagte, Einspruch zu erheben. In den Monaten zuvor hatte Mao jeden, der sich skeptisch zeigte, aus der Parteiführung entfernt.

Paradeprojekt war ein riesiger Staudamm an den Gräbern der Ming-Dynastie bei Peking. Mao grub mit – für eine halbe Stunde. Es sollte dem Bau nicht zum Segen gereichen. Er misslang völlig. Der Boden war nicht fest genug, das Wasser versickerte immerzu. Nach Jahren vergeblicher Experimente wurde das Unternehmen schließlich aufgegeben. Ein ähnliches Schicksal erlitt das Vorhaben, den Tao He, einen Nebenfluss des Gelben Flusses, in der Provinz Gansu »auf die Berge zu heben«. Im Sommer 1961 wurde die Arbeit eingestellt. Bis zu 160.000 Menschen hatten zeitweise hier geschuftet, unter oft unmenschlichen Bedingungen. 2.400 Arbeiter starben infolge der Strapazen.

Das, was fertig wurde, hielt oft nicht sehr lange. Viele Dämme und Kanäle brachen oder verfielen unmittelbar nach ihrer Fertigstellung. Andere entwickelten sich zu wahren Zeitbomben. So zerbarsten noch 1975 zwei große Dämme in Henan; 230.000 Menschen ertranken. Und selbst da, wo die Bauten ihren Zweck erfüllten, scheinen sie kaum Nutzen gebracht zu haben. In Henan jedenfalls waren 1961 etwas weniger als eine Million Hektar bewässert, zu Beginn des Großen Sprungs 1957 waren es noch zwei Millionen gewesen. In Hunan stieg die bewässerte Fläche um gerade einmal ein Prozent.