Acht Jahre war es her, dass Mao Zedong auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking die Volksrepublik ausgerufen hatte. Vom Herbst 1957 an wollte er nun das weitgehend noch bäuerliche Riesenreich mit aller Gewalt industrialisieren. China setzte an zum »Großen Sprung nach vorn« . Doch als das Unternehmen vor fünfzig Jahren zu Ende ging, war es auf die schrecklichste Weise gescheitert.

Nach neuen Archivrecherchen und Berechnungen – wie sie zum Beispiel der niederländisch-britische Historiker Frank Dikötter 2010 in seinem Buch Mao’s Great Famine (»Maos Große Hungersnot«) vorgelegt hat – kostete der Große Sprung mindestens 45 Millionen Menschen das Leben. Die meisten Opfer verhungerten. Hinzu kommen mindestens 2,5 Millionen Menschen, die direkt ermordet wurden. Auch die materiellen Schäden waren enorm: Bis zu 40 Prozent des gesamten chinesischen Wohnraums wurden vernichtet.

Wie konnte es zu dieser Katastrophe kommen, die zu den ungeheuerlichsten Desastern und Verbrechen des 20. Jahrhunderts zählt?

Einer der Gründe war das aberwitzige Tempo, das Mao vorgab. Im November 1957 verkündete der Große Vorsitzende der Kommunistischen Partei, China werde binnen 15 Jahren Großbritannien überholen. Die Fristen wurden in den folgenden Monaten laufend verkürzt. Es ging nicht um eine planvolle Entwicklung, sondern um einen einzigen gewaltigen – und gewalttätigen – Schub.

Vom »Großen Sprung« sprach Mao erstmals mit Blick auf die pharaonischen Staudamm- und Bewässerungsprojekte, für die Millionen Bauern zwangsmobilisiert wurden. »Drei Jahre harte Arbeit und Entbehrungen, dann tausend Jahre Wohlstand«, tönte die Propaganda. Planung, Mobilisierung, Bau, alles sollte zugleich passieren. Kaum jemand wagte, Einspruch zu erheben. In den Monaten zuvor hatte Mao jeden, der sich skeptisch zeigte, aus der Parteiführung entfernt.

Paradeprojekt war ein riesiger Staudamm an den Gräbern der Ming-Dynastie bei Peking. Mao grub mit – für eine halbe Stunde. Es sollte dem Bau nicht zum Segen gereichen. Er misslang völlig. Der Boden war nicht fest genug, das Wasser versickerte immerzu. Nach Jahren vergeblicher Experimente wurde das Unternehmen schließlich aufgegeben. Ein ähnliches Schicksal erlitt das Vorhaben, den Tao He, einen Nebenfluss des Gelben Flusses, in der Provinz Gansu »auf die Berge zu heben«. Im Sommer 1961 wurde die Arbeit eingestellt. Bis zu 160.000 Menschen hatten zeitweise hier geschuftet, unter oft unmenschlichen Bedingungen. 2.400 Arbeiter starben infolge der Strapazen.

Das, was fertig wurde, hielt oft nicht sehr lange. Viele Dämme und Kanäle brachen oder verfielen unmittelbar nach ihrer Fertigstellung. Andere entwickelten sich zu wahren Zeitbomben. So zerbarsten noch 1975 zwei große Dämme in Henan; 230.000 Menschen ertranken. Und selbst da, wo die Bauten ihren Zweck erfüllten, scheinen sie kaum Nutzen gebracht zu haben. In Henan jedenfalls waren 1961 etwas weniger als eine Million Hektar bewässert, zu Beginn des Großen Sprungs 1957 waren es noch zwei Millionen gewesen. In Hunan stieg die bewässerte Fläche um gerade einmal ein Prozent.

Die Bauern wurden militärischer Disziplin unterworfen

Walter Ulbricht sagt Zuckerraffinerien und Glasfabriken zu

Kurz nach den Mobilisierungskampagnen für den Dammbau begannen Parteiaktivisten, die seinerzeit noch recht lockeren landwirtschaftlichen Genossenschaften auf den Dörfern zu gigantischen Volkskommunen zusammenzulegen, die bis zu 20.000 Menschen umfassten. Die Bauern wurden militärischer Disziplin unterworfen. Eingeteilt in Bataillone, in Kompanien und Züge, sollten sie »Schlachten schlagen«. Am Morgen marschierten sie in Formation, die Fahne voran, auf die Felder.

Um die Kampagne weiter zu militarisieren, ließ Mao im August 1958 die zu Taiwan gehörenden Inseln Quemoy und Matsu beschießen. »Eine angespannte Situation ist hilfreich, um die Menschen anzutreiben, insbesondere diejenigen, die rückständig sind«, erläuterte er. »Jedermann in unserem Lande ist ein Soldat.«

So schien es wohlbegründet, dass die Bauern an militärischen Übungen teilnehmen mussten; die meisten ließen es lustlos über sich ergehen. Aber einige Männer zeigten Engagement. Sie bildeten schließlich die Milizen, die zur Sturmtruppe des Großen Sprungs wurden.

Zugleich begann der Weg in die Große Hungersnot. In Erwartung der Kollektivierung hatten viele Bauern ihre Tiere geschlachtet. Chinas Viehbestände kollabierten. Deshalb ließen die Funktionäre beim Aufbau der Volkskommunen alle Herde und Kessel und sonstiges Kochgerät konfiszieren. Mahlzeiten gab es von nun an nur noch in der Kantine. Die lokalen Funktionäre erlangten so die Kontrolle über das Essen eines jeden Einzelnen.

Und der Druck ließ nicht nach: Überall tauchten Plakate und Spruchbänder mit hohen Produktionszielen auf. Kader, die astronomische Planzahlen meldeten, bekamen als Anerkennung symbolisch eine »Rote Fahne«. Als mäßig erfolgreich eingeschätzte Kollektive erhielten eine »Graue Fahne«. Die Zuteilung einer »Schwarzen Fahne« konnte gefährlich werden: Niedrige Zahlen galten als Mangel an revolutionärem Enthusiasmus. Entsprechend absurd wurden die Bilanzen aufgeblasen. So meldete die Volkskommune Chayashan in Henan im Februar 1958 ein Ziel von 4.200 Kilo Weizen pro Hektar. Gegen Ende des Jahres waren es völlig utopische 37,5 Tonnen.

Die Bauern wurden angewiesen, die revolutionär neue Methode des »dichten Bepflanzens« anzuwenden: Reis-Setzlinge sollten ganz eng gepackt in die Erde kommen, die Saat selbst war in bis zu zehnfacher Dichte auszubringen. Das Agrargenie Mao wies auch hier den Weg: »Saatpflanzen fühlen sich am wohlsten, wenn sie zusammen wachsen.«

Die Bauern versuchten noch, das Unglück abzuwenden. »Ihr steckt die Setzlinge zu dicht«, warnten sie die Kader, »die haben keinen Raum zum Atmen. Dann nehmt ihr zehn Tonnen Dünger pro Feld. So erstickt ihr alles!« Vergebliche Worte.

Pompöse Bauprojekte in den Städten

Die Revolution auf dem Lande sollte die Basis jeder weiteren Industrialisierung werden. In Erwartung gigantischer Erträge, schon die Rekordexporte vor Augen, bestellte die chinesische Führung immer mehr Werke und Maschinen im Ausland, hauptsächlich in der Sowjetunion und anderen Ostblockstaaten. DDR-Chef Walter Ulbricht sagte Zuckerraffinerien, Zement- und Glasfabriken zu, außerdem wollte er Kraftwerke liefern. Aber auch Großbritannien und die Bundesrepublik erhielten Aufträge. Im Gegenzug versprachen die Chinesen Getreide, Reis, Baumwolle, Speiseöl. Und tatsächlich hielt man in Peking Wort, selbst als man es gegenüber der Bevölkerung nicht mehr verantworten konnte – dies war eine Frage des Prestiges.

Für die avisierten hohen Ernten brauchte man Dünger. Im ganzen Land begann eine fieberhafte Suche: Tang, Asche, Abfall – alles sollte jetzt zu Dünger werden. Besonders begehrt waren alte Ställe, denn in ihren Lehmziegelwänden steckte Tierdung. Zunächst riss man nur verlassene Gebäude ab. Doch als die Kampagne in Schwung kam, wurden reihenweise benutzte Gebäude geräumt und niedergelegt, die Ziegel zermahlen und auf die Felder gestreut. In der Modellkommune Macheng ging die Vorsitzende des Frauenbundes mit gutem Beispiel voran, zog aus ihrem Haus aus und erlaubte den Abriss. Binnen zweier Tage waren 300 Häuser, 50 Rinderställe und Hunderte von Hühnerhäusern demoliert. Am Ende des Jahres waren im weiten Umkreis 50.000 Gebäude verschwunden

Zur selben Zeit verlangte der Aufbau der Volkskommunen nach Baustoffen. Man brauchte Ziegel für die neuen Zentralgebäude, für Lagerräume, für Kantinen, Schlafsäle und Krankenstationen. Im Kreis Dianjiang, Provinz Sichuan, fackelte ein Kollektiv Hunderte von Strohhütten ab. »Zerstöre Strohhütten an einem Abend, baue Wohnungen in drei Tagen, errichte den Kommunismus in hundert Tagen«, so lautete die Losung.

In den Städten begann man mit pompösen Bauprojekten. Der Tiananmen-Platz in Peking ist eines davon. 1959 wurde er auf eine Fläche von sechzig Fußballfeldern erweitert, 400.000 Menschen sollte er fassen können. Dafür räumte man rücksichtslos mittelalterliche Mauern, Bauten und Straßen ab. Überall im Land fielen Zehntausende Häuser, fielen Fabriken und Bürokomplexe der Spitzhacke zum Opfer. Ausländische Gesandte wunderten sich: Einige der Gebäude waren erst kurz zuvor errichtet worden!

Die meisten Renommierprojekte blieben Fragment. Oft stellte man die Arbeiten schon nach kurzer Zeit wieder ein, weil das Baumaterial ausgegangen war. Manchmal wurde auch abgerissen und der neue Platz, die neue Straße gar nicht erst begonnen. »Das generelle Bild«, kommentierte ein Diplomat, »ist Chaos.«

Der Kern der Industrialisierung sollte die Stahlproduktion werden. Sie lag Mao besonders am Herzen. Auch hier verfielen die Funktionäre auf verwegene Ideen. So sollte jede Volkskommune ihren eigenen Hochofen errichten. Die urtümlichen Konstruktionen waren bis zu vier Meter hoch und von größter Primitivität. Um sie zu füttern, zogen Aktivisten und Milizionäre von Haus zu Haus und griffen nach allem, was sich einschmelzen ließ. Wer versuchte, sich gegen die Beschlagnahme zu wehren, dem drohte der Kantinenausschluss. Als ein Kader selbst dagegen protestierte, dass aus einem Gebäude die Heizung herausgerissen wurde, erklärte man ihn zum »Rechtsabweichler«. Li Ying, ein hochrangiger Parteigenosse, berichtete später, allein in Henan seien 1958 mehr als 140.000 Tonnen landwirtschaftliche Geräte in die Öfen gewandert.

Das Ergebnis war kümmerlich. Etliche Eisenbarren aus den Kommune-Hochöfen erwiesen sich als viel zu klein und brüchig, um gewalzt zu werden. In vielen Provinzen, so gesteht ein Bericht des Ministeriums für Metallurgie, war nicht einmal ein Drittel des Eisens zu gebrauchen.

Die Hungersnot kündigte sich früh an

Die Baustellen auf dem Land und in der Stadt, Staudämme wie Hochöfen – sie alle benötigten noch ein Weiteres: viel Holz. Überall fällte man planlos Bäume, ganze Wälder verschwanden in kürzester Zeit. Als in den vielerorts erbarmungslos kalten Wintern das Heizmaterial knapp wurde, gingen die Bauern auf die eigenen Pflanzungen los. In einer Plantage bei Peking fielen 50.000 Apfel-, Aprikosen- und Walnussbäume.

Die Hungersnot kündigte sich früh an. Bereits im März 1958 hatten sich die Delegierten einer Parteikonferenz besorgt gezeigt. In manchen Gegenden war das Essen knapp geworden, zu viele Bauern arbeiteten an den Dämmen statt auf den Feldern. Doch Finanzminister Li Xiannian wischte die Warnungen beiseite.

Im April erfasste der Große Hunger das ganze Land. In Guangdong litten eine Million Menschen. Eltern verkauften ihre Kinder. In Hebei streiften Zehntausende übers Land auf der Suche nach Essbarem. Während des Sommers klang die Not nicht ab, im Gegenteil: Sie wurde schlimmer, und im Herbst und Winter fast überall infernalisch. Als Ministerpräsident Zhou Enlai im Dezember 1958 durch Hebei fuhr, informierte ihn Provinzchef Zhang Guozhong, dass die Musterkommune Xushui nur 3570 Kilo Getreide pro Hektar geerntet hatte: ein Viertel der im Sommer in Aussicht gestellten Menge. Xushui hungerte. Zhou Enlai sagte Hilfe zu. In vielen Fällen allerdings meldeten die örtlichen Kader die mageren Ernten gar nicht erst nach oben, da sie ihre »Rote Fahne« nicht verlieren wollten. Guten Gewissens hielten daher viele Funktionäre des staatlichen Aufkauf-Monopols an den hohen Zwangsablieferungen fest.

Die Schwierigkeiten wuchsen. Noch immer wollte die Nomenklatura nichts sehen. »Die sogenannten Getreide-Engpässe auf dem Lande haben nichts mit einem Mangel an Getreide zu tun, noch liegen sie an exzessiven staatlichen Eintreibungen«, befand Zeng Xisheng, der Parteichef in Anhui. »Es ist ein ideologisches Problem, vor allem bei den örtlichen Kadern.« Also wurde die Miliz in die Dörfer und Kommunen geschickt, um die festgelegten Mengen einzutreiben. Sie nahm, was da war. Maos Paladin Deng Xiaoping hatte ihr eingeschärft, so hart vorzugehen, »als ob wir uns im Krieg befänden«.

Der Kurs in die Katastrophe war vorgezeichnet. Und doch: Noch im Sommer 1959 schien eine Korrektur für einen kurzen Moment möglich. Mao rief die Parteiführung zu einer mehrwöchigen Tagung in den Kurort Lushan. Marschall Peng Dehui hatte zwischenzeitlich seine Heimat Xiangtan in Hunan besucht und wusste, was sich auf dem Lande abspielte. Er war ein ungewöhnlich mutiger Mann, er kritisierte Mao offen und fand durchaus Unterstützung. Doch am 2. August holte der Despot zum Gegenschlag aus: »Das einzige Problem, das wir heute haben, ist, dass rechtsgerichtete Opportunisten eine wilde Attacke auf die Partei, das Volk und das große und dynamische sozialistische Vorhaben reiten.« Er stellte die Versammlung vor die Wahl: Peng oder er.

Maos Leute blieben ihm treu. Zhou Enlai vermied es stets, sich offen gegen ihn zu stellen. Deng verhielt sich ähnlich. Marschall Lin Biao bekannte zwar in seinem Tagebuch, der Große Sprung basiere auf purer »Fantasie« und produziere nichts als »Chaos«. Aber auch er wagte sich nicht aus der Deckung. Außerdem machte er sich – zu Recht – Hoffnungen, Peng als Verteidigungsminister beerben zu können. So lobpriesen sie in Lushan, einer nach dem anderen, ihren Herrn und verdammten die »rechten Opportunisten«, die in der Schlusserklärung denn auch als Verschwörer gegen Partei, Staat und Volk »entlarvt« wurden.

Noch zwischen den Sterbenden wütet die Miliz

Hätte Peng sich durchgesetzt und wäre der Große Sprung abgebrochen worden, so wäre es möglicherweise bei einer Hungersnot geblieben, wie China sie bereits 1920/21 oder von 1928 bis 1930 erleben musste, mit zwei bis drei Millionen Toten. So aber hielt die Partei unter dem Großen Steuermann für zwei weitere Jahre an ihrem Kurs fest – und führte China noch tiefer in die größte Hungerkatastrophe der Weltgeschichte.

Wenige leisteten Widerstand

Marschall Peng, der von Mao zunächst verschont und erst später, während der Kulturrevolution , zu Tode gedemütigt und gefoltert wurde, war nicht der Einzige, der Widerstand leistete. Auch die Opfer wehrten sich. Bauern überfielen staatliche Kornlager und Züge. Im Januar 1961 wurde allein aus Gansu von 500 Fällen berichtet, insgesamt »verschwanden« 500 Tonnen Getreide und 2.300 Tonnen Kohle. Auch gab es Mordanschläge auf lokale Parteigrößen.

Aber das geschah eher selten. Hungernde Menschen werden eher apathisch als rebellisch. Überall schwand die Arbeitskraft und -disziplin, auf dem Land ebenso wie in den Städten. Die Partei setzte ihre Milizen ein. Die Kader selbst mussten sich als Antreiber bewähren. Ou Desheng, Parteisekretär einer Kommune in Hunan, schärfte Kandidaten ein: »Wenn du Parteimitglied werden willst, musst du prügeln können.« 1960 kamen in einer einzigen Region Henans über eine Million Menschen um. Die meisten waren Opfer des Hungers, der Unterernährung und daraus resultierender Krankheiten, etwa 67.000 wurden von der Miliz umgebracht.

Als Ende Oktober 1960 eine Untersuchungskommission in die Region geschickt wurde, trafen die Inspekteure auf ausgemergelte Menschen, die bei eisiger Kälte in den Trümmern ihrer Häuser kauerten. Alles Brennbare, selbst Türen und Fensterrahmen, war verfeuert worden. In einem Dorf fanden sie nur noch zwei Kinder – Gliedmaßen wie Trommelstöcke –, die neben ihrer verwesenden Großmutter lagen: die einzigen Überlebenden. Überall stießen sie auf Massengräber. In einem waren, wie die Inspekteure erfuhren, zehn Kinder verscharrt worden, die noch geatmet hatten.

Nicht einmal die Natur zeigte sich gnädig. Im Sommer 1959 gingen schwere Regenfälle nördlich Pekings nieder und zerstörten Felder und Dörfer. Ähnliches geschah in Guangdong, während Hubei von der schlimmsten Dürre seit Jahrzehnten heimgesucht wurde. 1961 kam es erneut zu großflächigen Überschwemmungen. Die Politik des Großen Sprungs verstärkte die Folgen. Die vielen Dammbauten hatten die natürlichen Entwässerungssysteme zerstört, Kanäle und Schleusen verstopften und liefen voll. Zudem konnte der Boden in etlichen Gegenden nach dem massiven Kahlschlag kein Wasser mehr speichern.

1961 erreichte die Katastrophe ihren Höhepunkt. Millionen siechten dahin. Im April besuchte Staatspräsident Liu Shaoqi seine Heimatprovinz Hunan und war schockiert. Auf einer Parteikonferenz im Mai gab er den Bauern recht, die sagten, nur 30 Prozent der Probleme seien den Kräften der Natur geschuldet, »70 Prozent sind Menschenwerk«. Und er gestand ein: »Das Zentrum ist der Hauptschuldige, wir Führer sind verantwortlich.« Mao erwähnte er nicht.

Zhou Enlai half Mao, das Gesicht zu wahren, und übernahm die Verantwortung für alle Fehler. Li Fuchan, der Vorsitzende der Planungskommission, begann umzusteuern. Statt Reis zu exportieren, importierte man ihn jetzt. Auf zahlreichen Parteikonferenzen 1961 und 1962 wurden die Vorgaben des Großen Sprungs zurückgenommen. Die Bauern konnten wieder eigene Parzellen bearbeiten, lokale Märkte wurden erlaubt, Protzprojekte eingestellt.

Und Mao? Mao war schlechter Laune und spielte den Beleidigten. Er unternahm allerdings nichts. Jedenfalls vorläufig nicht. Doch nur vier Jahre später, 1966, entfesselte er die nächste Kampagne: die Kulturrevolution, eine weitere, letzte Orgie der Zerstörung.