Reisende waren es, Vaganten und Voyageure, fahrendes Volk. Sie durchwanderten die Jahrhunderte, durchwanderten Gebiete mit so märchenhaften Namen wie Laristan und Luristan oder die Walachei. Heute leben sie überwiegend sesshaft. Aber sind sie deshalb angekommen, die Roma, Sinti, Gypsies, Gitanos, Zigeuner, Lalleri, Calé und Ursari? Dieses Volk, das viele Namen hat, aber nur wenige Freunde? Die Roma kommen, titelte vor wenigen Tagen erst die Schweizer Weltwoche in einem bösartigen Artikel über »Kriminaltourismus«.

In Wahrheit lebt Europas größte Minderheit natürlich schon seit Jahrhunderten über den Kontinent verstreut. Nur dass man ihr jenseits diffuser Ängste wenig Aufmerksamkeit schenkt. Ein richtiges Museum ihrer Kultur besitzt bisher nur Brünn, tschechisch Brno. Eine Stadt im Herzen Europas und zumindest bis 1939 ein Musterbeispiel für eine multikulturelle Gesellschaft.

Das Museum liegt in Zábrdovice, wo die Mehrzahl der 15.000 Brünner Roma lebt. Das Viertel genießt nicht den besten Ruf. Tatsächlich beschleicht einen Befangenheit, wenn man quer durchs Quartier zum Museum läuft, entlang einer zugigen Ausfahrtstraße, die von heruntergekommenen Bürgerhäusern aus den Gründerjahren gesäumt wird. Etliche Läden stehen leer, andere sind vergittert, Müllhaufen garnieren den Gehweg.

Schattenexistenz der Roma

Ähnlich wie in Wien bergen viele Gebäude tiefe Innenhöfe mit umlaufenden Laubengängen. Sie sind mit reichlich Wäsche beflaggt, selbst dort, wo die Brüstung fehlt. In manchen leben ganze Clans, sodass sie wie ein Dorf in der Stadt funktionieren. Da Wohnraum und Treffpunkte knapp sind, spielt sich viel im Freien ab. Die vorherrschende Männertracht besteht offenbar aus Turnschuhen und Trainingshose. Von mehreren Schrottplätzen dröhnt Hämmern und Rumpeln; die Schmiedetradition der Roma hat in der Recyclingbranche überdauert. Kunden fahren mit Handkarren oder Lieferwagen vor und wuchten Kupfer und Gusseisen herunter. Ein scharfer Wachhund gewährleistet eine gewisse Disziplin – er bellt nur, wenn jemand ohne Schrott anrückt.

Kurz bevor die Stadt in die Vorstadt übergeht, erreicht man das Museum. Ein dreistöckiges minzgrünes Mietshaus, geschmückt von einem farbenfrohen Wandbild mit Fiedlern, Tänzerinnen und einer weithin sichtbaren Sonne. Das Haus dient zugleich als Nachbarschaftszentrum, es beherbergt die Bücherei, den Kinderklub sowie ein kleines Café. Alles wirkt neu und einladend. Das Museum hat schon etliche Sonderschauen gezeigt, verfügte aber bisher nicht über eine umfangreiche Dauerausstellung. Die wurde erst vor wenigen Monaten eröffnet, als labyrinthischer Rundgang im zweiten Stock. In sechs Kapiteln erzählt sie die Saga eines Volkes, das immer eine Schattenexistenz führte; vielleicht ist der Parcours deshalb in mystisches Dämmerdunkel getaucht.

Er beginnt in einem Spiegelkabinett, in dem Saris und Marionetten aus Rajasthan die indischen Ursprünge beschwören. Vor über tausend Jahren, erläutern die Texttafeln auf Tschechisch, Romani und nur manchmal Englisch, zogen die Roma gen Westen. Dass die Verbindung mit Indien keine Schimäre ist, erlebten die Museumsleute beim Besuch einer Freundin aus Delhi. Als sie, die zuvor so gut wie nichts über die Existenz der Roma wusste, das rege Treiben auf den Straßen des Viertels sah, rief sie erstaunt: »Hier leben ja Inder!«

Den nächsten Raum beherrscht ein großer Planwagen. In jedem amerikanischen Museum stünde er für Pioniergeist und heroischen Aufbruch. Hier hingegen verweist er auf Unbehaustheit und eine prekäre, immerzu ausweichende Existenz. Lebensgroße Kesselflickerpuppen hantieren mit kupfernen Gerätschaften. Es hat etwas von Krippenspiel, nur dass Josef statt eines Hobels einen tragbaren Amboss mit sich führt. Welches Gewerbe Sinti und Roma auch ausübten, es musste sich mobil betreiben lassen und überall gebraucht werden. Und so haben im Museum denn auch Pferdehändler und Korbflechter ihren Auftritt, Schirmflicker und Schausteller, Bärenführer und Feuerschlucker. Und natürlich Musikanten.

»Komm, Zigan, spiel mir was vor«: Als Musiker erfreuten Roma sich einer gewissen Beliebtheit. Mit ihnen am Tisch sitzen mochte man trotzdem nicht. Neben dem Planwagen hängen Warntafeln aus der Barockzeit, die an Schlagbäumen zwischen Böhmen und Sachsen standen. Sie zeigen, wie tief das Misstrauen war. Für den Fall des Grenzübertritts drohten den »Zauberern und Spitzbuben« drakonische Strafen: Die Männer würden gehenkt werden, die Frauen ausgepeitscht, die Kinder gebrandmarkt.