Der erste Störfall in der Geschichte der Atomkraft beginnt am 23. Juni 1942 um 15.15 Uhr, als Mechanikermeister Werner Paschen den Deckel eines Füllstutzens abzieht. Luft strömt in den ersten funktionsfähigen Prototyp eines Atomreaktors. Funken sprühen, eine Stichflamme schießt empor, und die Aluminiumkugel, befüllt mit einer Dreivierteltonne Uran, heizt sich bedrohlich auf.

Zwanzig Tage lang war Versuch L-IV im Physikalischen Institut der Universität Leipzig unauffällig verlaufen. Als dann aber an einer Dichtung Bläschen entstanden, hatte Paschens Chef, Professor Robert Döpel , verlangt, die Maschine zu öffnen.

Als Paschen das tut, gerät sie außer Kontrolle.

Döpel holt Werner Heisenberg hinzu, den brillantesten Atomphysiker seiner Zeit. Auf Basis von dessen Theorien ist die Maschine gebaut. Aber auch er weiß keinen Rat. Schon donnert es dumpf, aus dem Wasserbecken schießt eine Feuersäule, schleudert glühenden Uranstaub an die sechs Meter hohe Decke und erhitzt den Apparat auf 1.000 Grad. Die ganze Nacht hindurch explodiert er immer wieder, erst nach zwei Tagen kommt die Reaktion zum Stillstand.

Der Unfall von Leipzig offenbarte auf einen Schlag Fluch und Segen der Atomkraft . Heisenberg und Döpel war es gelungen, in einem Kernreaktor Neutronen zu vermehren, statt sie zu verbrauchen. Sie wussten jetzt: Es ist möglich, Atomenergie zu erzeugen. Und gleich der erste erfolgreiche Versuch gab einen Vorgeschmack auf das ungeheure Risiko, die der neuen Kraft innewohnt: Sie neigt dazu, außer Kontrolle zu geraten.

70 Jahre später griff das Leipziger Stadtmagazin Kreuzer den Vorfall wieder auf: Wie Heisenberg in Leipzig den Super-GAU erfand, eine kürzlich veröffentlichte Titelgeschichte. Es ist zwar gewagt, den Störfall von 1942 als GAU, also größten anzunehmenden Unfall zu bezeichnen – niemand kam zu Schaden, und außer dem Reaktorprototyp und dem Schuppen, in dem er stand, wurde nichts zerstört. Aber der Artikel erzählt von einer Gefahr, die Deutschland seit der Katastrophe von Fukushima mehr beschäftigt denn je. Und ausgerechnet in der Stadt, deren Physiker diese gewaltige Energie erstmals entfesselten, weiß kaum einer von dem Unfall; weder bei der Universität Leipzig noch bei der Stadtverwaltung, nicht einmal beim Umweltamt war zuvor überhaupt bekannt, was sich vor 70 Jahren im Physikalischen Institut ereignete.

Als das Ende des Krieges nahte, vernichteten die deutschen Forschungsinstitute eilig ihre Unterlagen. Was übrig blieb, beschlagnahmten die Amerikaner. Sie gaben die Dokumente erst Jahrzehnte später zurück – nach Westdeutschland. Der Vorfall geriet in Vergessenheit.