Kein Schwein will gern nach Erkenschwick, das ist die traurige Wahrheit. Ein Schwein, das dorthin reist, kommt in Scheiben zurück. Es wird zerlegt, geräuchert, verwurstet. "Da isset!", ruft Christian Wegner und zeigt auf den Schlachthof. Er sitzt am Steuer seines Wagens, auf Stadtrundfahrt für den sächsischen Gast. Wegner, 46, ist der Präsident im Ort, Präsident des Fußballklubs FC 26 . Ein Mann, der das erdige Deutsch seiner Heimat spricht. Ein Manager, den viele hier kennen. Und Wegner kennt Oer-Erkenschwick, seit er ein Junge war. "Wir sind gebeutelt", sagt er. "So als Region."

Der Schlachthof sieht von außen schon aus wie eine Filiale der Hölle: graue Hallen. "Die jagen hier ganz schön watt durch", sagt Wegner. Hunderte Schweine täglich! Seit dem Tod der Zeche ist nun der Schlachthof der größte Betrieb. Damit, sagt Wegner, wären wir schon beim großen Drama dieses Ortes.

Willkommen in Oer-Erkenschwick! Beschwerlich war die Reise hierher, vom Osten aus – im Zug gut sieben Stunden: Leipzig, Hannover , Münsterland. Letzter Stopp Recklinghausen ; zum Schluss noch per Bus. Ausstieg am Berliner Platz, Erkenschwicks Zentrum. Zwischen Takko, Kaufland , Woolworth, Kik und der Kneipe Tina’s Stübchen.

"Stadt im Wandel" nennt sich der Ort. Auf Wandel muss er hoffen, seit das Bergwerk nur noch als Mahnmal steht: mitten in der City. Zur Jahrtausendwende starb die Zeche. Es gibt noch einen Förderturm. Die Brache rundherum ist ein Loch im Herzen der Stadt. Was damit tun? Lange war man planlos, obwohl das Ende der Kohle nicht überraschend kam. Es soll nun ein Golfplatz entstehen. Und außerhalb, auf dem Stimberg, wurde längst das Maritimo gebaut; ein Erlebnisbad mit Saunalandschaft. Golfplätze und Hallenbäder.

Darauf hat der Osten auch schon mal gesetzt. Dieses Ruhrgebiet ! Einst reich an Kohle und Arbeit, nun, wie man liest: verarmend, verödend, verendend. Die Bürgermeister rebellieren: Der Osten hat genug bekommen! Dortmunds Rathauschef nennt den Solidarpakt II ein "perverses System". Das Ruhrgebiet klagt bitterlich, die Rollenbilder verschieben sich. Liegt dort der neue Osten?

Kohle und schwarze Häuser waren gestern, die Zukunft der Stadt ist grün

Ich bin in Erkenschwick, weil ein Freund von dort stammt. Fabian und ich, wir haben uns zu einem Austausch entschlossen: Er besucht Meißen , die Stadt, in der ich geboren bin. Ich fahre im Gegenzug in seine Heimat. Unsere Städte sind gleich groß, in beiden wohnen etwa 30.000 Menschen. Polemisch wird über den Soli gestritten, und wir fragten uns schon lange: Sind Erkenschwick und Meißen denn wirklich so verschieden? Wir wollen, mit dem Blick des Fremden, jeweils auf den Ort sehen, der dem anderen vertraut ist.

Die Stadtrundfahrt mit Christian Wegner hat Fabian mir empfohlen. Wegner kämpft um einen Landtagssitz, als Direktkandidat der Erkenschwicker Grünen. Was ist sein Konzept in einer Stadt, die wenig Firmen hat, kaum Wirtschaft? Er will auf grüne Branchen setzen, natürlich, und auf die Lage. "Die Leute, die in Erkenschwick wohnen, die müssen nicht unbedingt hier arbeiten", sagt er. "Man zieht jetzt zu uns, weil es hier Natur gibt."

Das ist auch die Hoffnung der Stadtverwaltung: ein Starnberg des Potts zu werden, auch ohne See! Das neue Konzept für den Ort im Wandel ist dies: Man nennt sich "Wohlfühlstadt"; so steht es auf schicken Prospekten. "Im Grünen leben, im Ruhrgebiet zu Hause sein", das ist der Slogan der Stunde. Schon heute fahren die meisten Menschen von hier zur Arbeit nach Essen, Bochum, Dortmund . Dass Erkenschwick an der Grenze liegt, zwischen Münsterland und Ruhrgebiet, im Norden der Wald, im Süden der Job – das will man für sich nutzen. "Oer-Erkenschwick", so wirbt die Stadt, "ist das Tor zur Erholung". Die einstige Halde des Kohleschachts etwa: längst begrünt; ein kleiner Wald, ein Ausflugsort. Darauf ist auch Christian Wegner stolz. Die Baugrundstücke, die Erkenschwick ausweist, sind immer schnell verkauft.

Es geht über die Einkaufsstraße, auf der die Läden Namen tragen wie: Mc Döner II. Iris’ Wurst-Shop. Julia’s Nails. Wir biegen ab, auf die Kampstraße, zu den Plattenbauten. Wegner sagt: "Ich war mal in Jena-Lobeda. Das war wie hier."