Niemand will reden. Das Presseamt der Stadt Meißen hat sich eine überraschende Strategie zurechtgelegt: Aussitzen. E-Mails werden nicht beantwortet. Und wenn überhaupt jemand ans Telefon geht, dann nur, um den Anrufer zu vertrösten. So geht es weiter: Auch im Stadtmuseum ist man freundlich, aber eine Führung für den Journalisten aus dem Ruhrgebiet, das geht zu weit. Dabei will ich die Heimatstadt meines Freunds Martin kennenlernen und wissen, was die Menschen dort denken und zu sagen haben über sich, den Westen und den Soli. Nach Tagen meldet sich die Stadtverwaltung mit einer Ein-Satz-E-Mail; sie lehnt den Gesprächswunsch ab. Das Reizwort »Solidarpakt II« in der Anfrage hat die Stadt wohl verschreckt. Warum nur macht Meißen dicht? Wovor hat es Angst? »Vor einer Neiddebatte«, sagt jemand aus der Politik, als ich mich nach den Gründen für die Absage erkundige. Dann schweigt auch er.

In der sächsischen Kleinstadt hat man wohl mitbekommen, was das Ruhrgebiet bewegt. Dort wird der »sanierte« Osten gegen den »maroden« Westen gespiegelt. Ich komme dann mal vorbei. Ein gebürtiger Recklinghäuser, aufgewachsen in der Nähe des Oer-Erkenschwicker Förderturms. Ein potenzieller Neider auf dem Weg nach Meißen.

Die kleine Stadt empfängt herrschaftlich: Ich stoppe mein Auto unterhalb des Burgbergs am Rand der Altstadt. Die gotische Albrechtsburg, früher mal Stammsitz der Wettiner, und die Domkirche thronen hier seit Jahrhunderten über dem Elbtal und der Stadt. Meißen hat 27.000 Einwohner. Jedes Jahr kommen rund eine halbe Million Touristen. Darunter viele Japaner, die fahren vor allem in die Porzellanmanufaktur.

Das Auto muss draußen bleiben, ich laufe in die Innenstadt, den Burgberg entlang geht es durch enge Gassen und vorbei an kleinen Geschäften für Mode, Postkarten, Porzellan. Eine Pracht-Altstadt, weit weg von den Ein-Euro-Shop-Spielhallen-Discounter-Einkaufsparadiesen, die ich von vielen vergleichbaren Kleinstädten im Ruhrgebiet kenne.

Braucht so eine Stadt noch die Soli-Hilfe? Georg Krause antwortet ausweichend: »Verträge sind einzuhalten.« Krause will los. Ich bin mit ihm zum Stadtrundgang verabredet. Der 65-Jährige sieht aus wie der Weihnachtsmann mit seinem weißen Bart und den freundlichen Augen. Bis vor einigen Jahren war er noch Leiter des Meißner Hochbauamtes. Krause gilt hier als einer der Väter der Altstadtsanierung. Er kann nicht verstehen, warum seine ehemaligen Kollegen nicht mit dem Journalisten aus NRW reden wollen. »Ich bin in Pension, ich kann sagen, was ich will.«

Jetzt will er aber vor allem zeigen, wie schön Meißen geworden ist – auch durch Fördergelder aus dem Westen. Krause kann die komplizierten Namen der verschiedenen Hilfstöpfe noch fehlerfrei aufsagen. Hunderte Häuser, manche konnte man schon nicht mehr betreten, hat man mit dem Geld sanieren können. Es gab viel zu tun: Kurz vor der Wende, erinnert sich Krause, sah es duster aus in der Meißener Altstadt. »Die Gassen wirkten wie dunkle Hinterhöfe.« Ein junger Architekt zeichnete aus Entsetzen ein Plakat: »Besuchen Sie Meißen, solange es noch steht!« Das war 1988.

Vielleicht wäre Gleiches ja die geeignete Werbezeile für das Ruhrgebiet und seine Ruinen?