Die Bibel schwimmt in einem Spaßbad im Sauerland. Das Wasser ist warm, am Beckenrand stehen Palmen, links liegt die Karibik-Bar, rechts der Außenpool, und in der Lagune schaukelt das Lukas-Evangelium. Es ist acht Uhr morgens am Mittwoch nach Ostern. Ich stehe mit fünfzehn Gläubigen im seichten Wasser und schnappe mir eine der Outdoor-Bibeln zum "Schwimmen und Beten". An diesem Morgen gehe es vor allem ums Erinnern, sagt unser Schwimmtrainer und Bibellehrer, ein junger Mann um die dreißig, voller Bart, kurze Haare, Missionar. "Denn Jesus hat uns eine Erinnerung aufgetragen, das Abendmahl." Er blättert im nassen Evangelium, trägt das Abendmahlskapitel vor und sagt: "Vier Bahnen habt ihr Zeit, euch daran zu erinnern: Wo hat Jesus in eurem Leben eingegriffen?" Ich schwimme los und denke: Wie verrückt ist das denn?

Bahnen schwimmen, ja – aber Schwimmen mit Gott? Alle vier Bahnen eine Bibelexegese und am Ende die Beine Jesus entgegenstrecken, auf dass er sie wasche wie einst den Jüngern vorm Abendmahl? Das gibt’s nur hier, in Willingen am Nordrande Hessens – bei den evangelikalen Christen.

Eine Woche lang bin ich unter ihnen, weil ich sehen will, wie sie ihren Glauben leben. Eine Woche beim " Gemeinde Ferien Festival SPRING ", dem größten Treffen der Evangelikalen in Deutschland, zu dem einmal im Jahr in den Tagen nach Ostern mehrere Tausend Gläubige kommen. Spring, englisch und in Versalien, steht für die Quelle.

Die Evangelikalen sind eine Glaubensgruppe, sich aus vielen kleinen, meist freikirchlichen Gemeinden zusammensetzt. Sie genau zu fassen ist schwierig. Ihre gut eine Million Anhänger an tausend Orten in Deutschland sind lose in der Deutschen Evangelischen Allianz verbunden, die zur amerikanischen World Evangelical Alliance zählt. Evangelikale sind als Strömung aber auch in den evangelischen Landeskirchen anzutreffen, wenige sogar in der katholischen Kirche. Manche gehören also ihren angestammten Kirchen noch an, andere nicht. Die freien Gemeinden finanzieren sich aus Spenden.

Zwei Überzeugungen führen die Evangelikalen zusammen : Christen sind keine Ewiggestrigen, an denen die Moderne vorbeigegangen ist; sie leben ihre Beziehung zu Jesus gerade in der modernen Eventgesellschaft aus. Und: Die Bibel genießt höchste Autorität; der Mensch muss sich seiner Sündhaftigkeit und Schuld bewusst sein, allein durch die Gnade Gottes sind wir gerechtfertigt, und der Befehl zur Verkündigung des Evangeliums in aller Welt ist für uns alle bindend. Nach diesen Grundsätzen richten sie ihr Leben aus und auch ihr Spring-Festival. Dort kann ich miterleben, wie sie über Missionierung reden und zu sanfter Musik die Bibel auslegen, wie sie ihre Muskeln nach Jacobsen entspannen und im Image-Workshop über Kleidung diskutieren. Ich will erfahren: Was macht die deutschen Evangelikalen so besonders?

Und was macht die Begegnung mit mir – einem 28 Jahre alten Katholiken, der einmal die Woche in die Kirche geht, der als Messdiener am liebsten das Weihrauchfass geschwenkt hat, der als Student mit Begeisterung Hans Küngs Reformvorschläge zum Frauenpriestertum, zu verheirateten Priestern und zur Sexualmoral las und der die Kirche jenseits aller Einwände als Ort der Gotteserfahrung liebt?

Meine Annäherung an die Evangelikalen beginnt am Ostermontagabend beim Eröffnungsfest. Ich habe im Veranstaltungshotel eingecheckt, einem riesigen Siebziger-Jahre-Bau, bin von der Lobby durch einen blau beleuchteten Tunnel gelaufen, in dem ich mich wie ein Footballspieler auf dem Weg in die Arena fühlte, und sitze nun in einer riesigen Veranstaltungshalle, die die Evangelikalen "Convention Center" nennen.

 "Chillen mit Gott"

Es ist voll. Männer, die meisten um die vierzig, in Karohemden und Jeans, sitzen neben Frauen in modisch warmen Farben und Teenagern mit Justin-Bieber-Frisuren. Vorn ist alles wie in einer amerikanischen Megachurch: Im Zentrum steht kein Kreuz, sondern eine Bühne mit Lichtkegeln, Nebelanlage, Rock-Instrumenten und Riesenleinwänden. Ein blasses Rosalicht durchzieht die Halle, leise Musik läuft im Hintergrund, um sieben fangen alle rhythmisch an zu klatschen. It’s showtime.

Die Gottesparty beginnt mit einem Film über die Pracht der Schöpfung: gigantische Wasserfälle und Regenbögen, die unendlichen Weiten der Wüsten, Gämsen neben einem Gipfelkreuz. "Wow, was Gott da für uns gemacht hat, ist wirklich unglaublich", sagt der Moderator, ein smarter Werbefachmann mit Matthias-Opdenhövel-Stimme. Er macht ein paar Witze und führt dann durchs Programm: erst Comedy für Gott, dann Popsongs für Gott, zu denen die Menschen aufstehen und ihre Hände zur Decke strecken, und schließlich eine Predigt, in der viele Geschichten aus dem Leben die unendliche Großzügigkeit Gottes illustrieren. Kein Bibeltext, keine Exegese, kein Händefalten. Ist Gott hier nur Event?

Ich suche am nächsten Morgen das Kontrastprogramm, gehe in den "Raum der Stille" und lande bei: "Chillen mit Gott". Ein massives Holzkreuz ragt in der Mitte des Raums bis zur Decke, am Fenster ist ein Tisch bereitet mit Brot, kleinen Bechern und einer Packung Traubensaft, sodass jeder das Abendmahl einnehmen kann, und in der Ecke steht ein Sonnenschirm, unter dem sich eine Herde aus Woll- und Porzellanschafen drängt, umgeben von bunten Kissen. Zwölf Leute sind schon da, tief in sich versunken. Man liegt.

Für das Chillen bekommen wir einen kleinen Leitfaden. Ein Referent für Training und Ressourcen macht sich darin Gedanken über den Psalm 23 ("Der Herr ist mein Hirte"). Zu Vers 3 ("Er führt mich auf rechter Straße um seines Namens willen") schreibt er: "Immer wieder taucht jetzt bei Autofahrten dieser Vers in mir auf. Und auch, wenn ich im Stau stehe, gibt mir diese Zusage die Gewissheit, dass mein Lebensweg in guten Händen ist."

Und während ich so daliege in dieser Wohlfühloase mit Wohlfühlpsalm, frage ich mich: Gehen die hier nicht einfach nur den Weg des geringsten Widerstands? Muss denn alles Göttliche auf das Alltäglichste geschrumpft werden, damit ich einen Bezug zu meinem Leben herstellen kann ?

Mich irritiert diese Melange aus anrührendem Weltkitsch und tief empfundenem Glauben. Aber genau das, was in mir, dem konventionellen Christen, einen Abwehrreflex auslöst, zieht die Evangelikalen an. Die konsequente Personalisierung, das rhetorische Privatradio-Du in jeder Ansprache ("Das darfst du mitnehmen: Gott ist dir treu, er nimmt dich an die Hand") und das permanente Geschichtenerzählen aus dem eigenen Leben.

Am Dienstagnachmittag gibt es den Kurs "GEISTreich evangelisieren". Der Seminarleiter ist ein Missionar, die Teilnehmer sind Missionare. Sie berichten, wie sie auf der Straße, im Privatleben, in ihrer Landeskirche missionieren. Sie sagen: Wir Christen haben die einzig heilbringende Botschaft und müssen alle anderen, die Nichtgläubigen und die, die einen anderen Gott haben, zu unserem Gott holen.

 Sie wirken wie Schauspieler

Ich sitze mittendrin, schreibe alles auf und weiß nicht, was ich denken soll: Dieses Schwarz-Weiß im Urteilen über andere Religionen und diese systematische Herangehensweise, mit einer Umfeldanalyse in der Ortsgemeinde zu erkunden, wer wo zu bekehren ist, sind mir völlig fremd. Aber der Seminarleiter sagt auch Dinge, die meinen tiefen Überzeugungen entsprechen: zum Beispiel, dass der diakonische Dienst am Nächsten immer ein Selbstzweck sei und man nicht gleich teleologisch ans Evangelisieren denken müsse. Setzen diese Evangelikalen Jesu Botschaft nur eifriger als andere Christen um, oder zielt ihr Eifer letztlich auf Intoleranz?

Ich will mehr wissen und bleibe im Raum. Das Thema lautet jetzt: "Wie muss Kirche sein, damit Menschen gerne kommen und Interesse am Gottesdienst haben?" Eine blonde Mittvierzigerin mit glitzernden Silberschuhen und Silbergürtel steht hinter einem MacBook und schwärmt von ihrer Gemeinde, die sie und ihr Mann vor ein paar Jahren in Karlsruhe gegründet haben und in deren Gottesdienst jeden Sonntag 700 Gläubige kommen. Ihr Gotteshaus sieht aus wie ein Architektenbüro, schneeweiße Wände, Designerstühle. Die Frau und ihr Ehemann sind Laienpastoren, und weil sie zu wenige Männer in ihrer Gemeinde hatten, organisierten sie erst kürzlich einen "Männerkongress" mit Boxkampf, Baggerfahren und Gabelstaplerrennen. "Damit kriegt man die Menschen", sagt die Frau. Und alle nicken.

Wenn die evangelikale Seelenretter-Kompanie ihre Taktik erklärt, wird mir unwohl. Denn die Taktik ist letztlich zynisch: Wir machen das, was niemand in der Kirche erwartet, und bringen die Leute durch die Hintertür zum Glauben. Doch zu welchem Gottesverständnis führt solch ein Weg? Und was sind das für Leute, die sich von den Taktierern einnehmen lassen – die nach dem Baggerfahren anfangen, im Gospelchor zu singen, und ihr Erweckungserlebnis mit Jesus haben?

Es sind Menschen, denen ich während der Tage in Willingen überall begegne: Menschen, die permanent in dramatisierter Form über ihre Beziehung zu Gott sprechen. Menschen, die den Glauben nur als Extrem erzählen können: als ihren persönlichen Fall und ihre Rettung, als tiefe Not und große Ekstase.

Nein, sie sind keine Extremisten und Fundamentalisten. Jedenfalls habe ich keine getroffen in dieser Woche. Aber auf mich, den Außenstehenden, wirken sie wie Schauspieler, die Spring zu einem fortwährenden Glaubenstheaterstück machen: Da ist die junge Frau in Glitzerbluse, die bei jedem Song zu tanzen anfängt und die Arme in die Höhe reißt. Da ist der Mann beim Aussendungsgottesdienst, der den einzigen Bibeltext, der hier vorkommt, nicht laut liest, sondern spielt, der sich niederkniet und so tut, als streichele er mit Gottes Hand einen Menschen, während er die Worte deklamiert: "Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt." Da ist der Prediger, der wie ein Oscar-Moderator über die Bühne schreitet und launig berichtet, dass er früher, als er bei McDonald’s arbeitete, immer den falschen Ketchup auf die Burger gekleckst habe und seine Kollegen ihm "Anfänger" aufs T-Shirt geschrieben hätten – Gott war nie so ein Anfänger, wie wir Menschen es sind!

Alle Evangelikalen performen für Gott. Die ganze Woche lang. Ohne Pause. Und jeden Tag bin ich dabei: Ich lerne ihre Glaubenskoordinaten kennen, singe mit ihnen, lege mit ihnen die Bibel aus und chille mit ihnen.

Wir kommen uns nahe, aber irgendwann steige ich immer aus. Dann, wenn sie in ihre pathetischen Höhen entschwinden und alles zum Drama wird. Bei jeder Veranstaltung ist das so. Bis zum Freitagnachmittag. Bis zu meinem letzten Seminar. Bis zu dem Seminar "Homosexualität: Meinungsbildung & Bibelbezug".

Die Evangelikalen geben sich liberal

Der Raum ist überfüllt, und der Seminarleiter, ein junger Student aus Heidelberg, hat Mühe, mit seiner Stimme durchzudringen. Das Thema, sagt er, sei deshalb so spannend, weil es so schwerfalle, sich eine Meinung zu bilden. Dann teilt er Zettel mit Bibelversen aus dem Alten und dem Neuen Testament aus und bildet Kleingruppen. Ich gehe zum Alten Testament, da sind für mich die schwersten Brocken. Denn dort steht geschrieben: Es sei für Gott ein Gräuel, "wenn ein Mann bei einer männlichen Person schläft, als wäre es ein Weib". Und: "Sie sollen unbedingt sterben." Wie gehen die schriftgetreuen Evangelikalen mit solchen Stellen um?

Am Anfang tastet die Gruppe vorsichtig Meinungen ab. Aber dann geschieht etwas, womit ich nicht gerechnet habe: Diese Christen, von denen ich dachte, sie seien wertkonservativer als ich und die meisten Katholiken, ringen ehrlich und ohne Show um eine liberale Auslegung der Schrift. Alle sind sich einig, dass Homosexuelle als vollwertige Mitglieder in jede christliche Gemeinschaft aufgenommen werden sollen.

Erst bei der Frage, ob sie auch kirchlich getraut werden dürfen, gibt es Dissens: Die einen sind dagegen, sagen, diese Form der Partnerschaft sei nicht das Gleiche wie die zwischen Frau und Mann. Die anderen sind dafür, weil jede Liebe auf dieser Welt von Gott komme, egal ob zwischen Mann und Mann, Frau und Frau oder zwischen Frau und Mann.

Zum Schluss sagt eine Teilnehmerin: "Als ich jünger war, hatten wir ein lesbisches Paar in der Gemeinde. Das habe ich in Grund und Boden argumentiert, ich war ein Hardliner. Heute schäme ich mich dafür. Denn meine Hartherzigkeit war falsch." Da bin ich dann doch beeindruckt. Es kann an der Gruppe gelegen haben, die besonders tolerant und selbstkritisch war. Es kann sein, dass viele Evangelikale, die nicht so denken, erst gar nicht zu diesem Workshop gegangen sind. Aber es kann auch ganz anders sein.

Dieser letzte Nachmittag hat mein persönliches Spring durcheinandergewirbelt. Ich hatte mir meine Wahrheit zurechtgelegt: Für mich waren diese Evangelikalen wunderbar freundliche Menschen, deren Enthusiasmus für Gott ich bewundere, deren telegene Glaubensformen mich aber nicht näher zum Glauben führen und deren Wertkonservatismus mich genauso stört wie der in vielen Bereichen meiner eigenen katholischen Kirche. Doch das letzte Seminar hat mein fertiges Urteil ins Wanken gebracht.

Könnte es sein, dass die allzu emphatisch vorgetragene evangelikale Erzählung vom liebenden Gott, die mir eine Woche lang fremd blieb, weil sie immer übers Ziel hinausschoss, dass diese sehr private Erzählung in der praktischen Umsetzung manchmal doch ehrlicher ist als unsere im Gottesdienst routinisierte, die ich mein Leben lang eingeübt habe?

Ich muss neu darüber nachdenken. Am besten gehe ich nächste Woche, wenn ich wieder zu Hause bin, noch einmal schwimmen mit Gott. Das kann ich ja jetzt auch allein. Nur das wasserfeste Evangelium muss ich mir noch besorgen.