Einfach ist es nicht, Pinterest zu empfehlen. Erst wundern sich die Freunde darüber, dass man sie in ein Soziales Netzwerk einlädt, in dem nur via Bilder kommuniziert wird . Dann schauen sie sich die Seite an und wundern sich noch mehr. Denn was sie sehen, sind Fotos von rosigen Babyfüßchen, aufgeschnittenen Wassermelonen, kunstvoll geflochtenen Haaren oder mit Knöpfen beklebten Lampenschirmen. Manche fühlen sich deswegen gar in ihrer Intelligenz beleidigt. Und selbst die, die sich bei diesem neuen Sozialen Netzwerk anmelden und mitposten, fühlen sich auf eine unangenehme Art ertappt, weil sie als Menschen erkannt wurden, die einen halben Nachmittag damit verbringen können, sich durch schöne Fotos zu klicken.

Da sich die Seite www.pinterest.com noch im Testbetrieb befindet, kann sich nicht jeder anmelden, man braucht dazu eine Einladung. Trotzdem hat es Pinterest innerhalb von zwei Jahren von null auf 10 Millionen Besucher pro Monat geschafft – ein Kickstart, wie er weder Twitter noch Facebook gelungen ist. (Auch das ZEITmagazin hat schon seine eigene Pinterest-Seite .) Dass Facebook vorige Woche für eine Milliarde Dollar den Bilderdienst Instagram kaufte, lässt sich leicht als Reaktion auf den Pinterest-Boom deuten. Die Gründe für Pinterests Erfolg sind klar: Bei keinem Sozialen Netzwerk war der Kreis der möglichen Adressaten jemals so groß. Anders als bei Twitter lädt man hier nicht Text hoch, sondern ein Bild – die Sprachbarriere entfällt. Und anders als bei Facebook tauscht man sich nicht notwendigerweise mit Freunden aus, sondern mit Fremden.

Sahil Lavingia, Gründungsmitglied von Pinterest und Designer der Seite, führt den großen Erfolg auf die Banalität der Idee zurück: »Die Leute haben eine Vorstellung davon, wie eine Pinnwand aussehen sollte. Gutes Design bedeutet, bereits Etabliertes nachzubauen.« Und genau das hat er gemacht. Pinterest ist eine virtuelle Pinnwand. Was man früher auf eine Korkplatte über dem Schreibtisch gepinnt hat, sammelt man jetzt online – vor Publikum. Dass das Nutzerverhalten sich bei der Übersetzung von analog in digital kaum geändert hat, beweist der Inhalt von Pinterest: Hier gibt es Fotos von der Tochter im Abschlussballkleid neben einem Nudelauflauf mit Kürbis und Kümmel, den man gerne mal kochen würde, und Bilder vom Wohnzimmer, wie es kurz nach dem Aufräumen aussah. Dazwischen allerlei Tierbabys, Blumen, Sonnenuntergänge am Meer.

Das Problem ist nur: Das Foto, das man früher an die Pinnwand heftete, gehörte einem. Man hatte es selbst aufgenommen, geschenkt oder geschickt bekommen. Die Fotos, die die Nutzer auf Pinterest zusammen sammeln, finden sie im Internet: in Blogs, auf den Homepages von Künstlern und auf den Seiten von Onlineshops. Die Rechte für diese Bilder haben sie nicht. Wer also Pinterest nutzt, wie Pinterest gedacht ist, der macht sich strafbar. Natürlich tun es trotzdem alle. Das Problem mit der Urheberschaft im Internet ist nicht neu, bei Pinterest wird diese nur systematischer als anderswo verletzt.

Für alle, die etwas zu verkaufen haben, ist das Netzwerk hingegen ein Segen: virales Marketing, vom potenziellen Käufer betrieben. Jane Wang etwa, die beliebteste Pinterest-Nutzerin und zugleich Mutter eines weiteren Gründungsmitglieds, Ben Silbermann, sammelt auf ihrer Pinnwand zum Thema Hochzeitsgeschenke Bilder von Rührmaschinen in Retro-Optik, Tischgrills aus Edelstahl und Weinkaraffen. Mit ein paar Klicks kann jeder auf die Seite zurücknavigieren, auf der Wang diese Produkte gefunden hat, und sie dort bestellen – Pinterest verdient mit an seinen Nutzern, die praktischerweise zu sehr attraktiven Konsumentengruppen gehören: Der Durchschnitts-Pinner ist zwischen 25 und 45 Jahren, hat Kinder und viel Geld übrig. Fast einem Drittel steht ein Jahreseinkommen von über 100.000 Dollar zur Verfügung. Und: 83 Prozent der amerikanischen Nutzer sind weiblich, wie der Branchendienst Mashable herausgefunden hat. Das ist neu. Taucht ein neuer Dienst im Internet auf, sind es üblicherweise die Männer, die sich dessen zuerst annehmen. Sie sind es also auch, die Internet-Start-ups zum Erfolg klicken – und somit entscheiden, was groß wird. Bei Pinterest waren es erstmals die Frauen.

Das klingt zunächst mal gut, schließlich fordern Feministinnen ihre Geschlechtsgenossinnen schon lange auf, das Internet zu erobern. Und das tun sie auch: Zwei Drittel aller Blogs werden von Frauen befüllt. Trotzdem sind Männer auf der Liste der einflussreichsten Blogs überrepräsentiert. Wohl auch, weil Frauen häufiger über ihre Kleidung bloggen, über Kosmetik, den Garten oder ihr Wohnzimmer, also über Privates. Ann Romney, die Frau des republikanischen Präsidentschaftsanwärters Mitt Romney , hat auf Pinterest den Wahlkampf eröffnet und inszeniert sich dort als perfekte Hausfrau – mit Fotos von Speisen in den amerikanischen Landesfarben. Die Pinterest-Seite des US-Präsidenten kontert mit dem Obama-Logo auf Cupcakes.

Wer schon seit Facebook und Twitter von Sozialen Netzwerken nichts Gehaltvolles mehr erwartet, den wird Pinterest erst recht nicht vom Gegenteil überzeugen. Doch von den Freundinnen, die eine Einladung zu Pinterest erhalten haben, sind nach anfänglicher Verwunderung einige noch begeisterte Nutzer geworden, ohne deswegen gleich das perfekte Hausfrauendasein zu imitieren. Im Gegenteil: Eine schrieb neulich, nach der täglichen Dosis Pinterest-Idylle schmecke ihr die abendliche Tiefkühlpizza vor dem Fernseher im unaufgeräumten Wohnzimmer nur noch besser. Sie empfehle die Seite ständig weiter.